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Anfänge in Frankfurt : Wie die Grünen grün wurden

Die Grünen blicken auf eine bewegte Geschichte zurück. Bild: dpa

Während die Jugend für das Klima demonstriert, erinnern sich die Frankfurter Grünen an ihrem Gründungsjubiläum an Vergangenes. Und wagen einen Blick in die Zukunft.

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          Milan Horáček weiß noch, wie es damals war, als am Wochenende 17./ 18. März 1979 im Bürgerhaus Sindlingen die „Sonstige Politische Vereinigung (SPV)/ Die Grünen“ gegründet wurde. Man habe bei der Europawahl im Juni des gleichen Jahres antreten wollen, dazu habe man aber eine Partei sein müssen oder eben eine „Sonstige politische Vereinigung“, berichtete der damalige Exil-Tscheche Horáček gestern im Café Größenwahn bei einer Matinée, zu der die Frankfurter Grünen aus Anlass des Gründung-Jubiläums eingeladen hatten.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Einzug ins EU-Parlament misslang. Doch aus der SPV ging wenige Monate später, im Januar 1980, die Partei der Grünen hervor. In Frankfurt erreichte sie bei der Kommunalwahl im März 1981 dann 6,4 Prozent der Stimmen. Mit sechs Stadtverordneten zog sie in den Römer ein, darunter Horáček – mit Gasmaske und im Totenhemd bekleidet.

          Wichtiger als die Gründung, sagt der Tscheche, der eigens aus Prag angereist war, seien die Jahre zuvor gewesen, als sich aus verschiedenen Strömungen und Gruppierungen das herauskristallisieren musste, was Horáček bis heute als die Kerneigenschaften der Grünen definiert. „Wir wollten ökologisch, sozial, basisdemokratisch und gewaltfrei sein.“ Die Tatsache, dass die Umweltfrage schon vor 40 Jahren im Mittelpunkt stand, hätten Linke nicht akzeptieren wollen, für sie zählte zuvörderst die Klassenfrage.

          Beuys hat die ersten Plakate bezahlt

          Es sei der Künstler und Anthroposoph Joseph Beuys gewesen, der auf die Bezeichnung „Die Grünen“ und die Sonnenblume als Parteizeichen bestanden habe: Grün sei mehr als eine Farbe, habe er unter Hinweis auf Goethes Farbenlehre argumentiert, und die Sonnenblume stehe für die aufnehmende und abgebende Energie. Rudi Dutschke, einst Wortführer der Studentenbewegung, „hat da nicht gleich mitgehen wollen“, erzählt Horáček. 1979 sei es schon keine Frage mehr gewesen, dass Grün die Farbe sei, „über rot waren wir zu diesem Zeitpunkt hinaus“.

          Horáček erinnerte auch an ganz Pragmatisches. Wie sie zur Europawahl 1979 im ganzen Land die zwei vorhandenen Motive plakatierten. Das Ergebnis von 3,2 Prozent der Stimmen war ernüchternd, doch die Rückerstattung von mehr als drei Millionen Mark für Wahlkampfkosten habe geholfen. Schulden bei Beuys wurden getilgt, er hatte die Plakate vorfinanziert. Der Rest floss in den Aufbau der Kreis- und Landesverbände.

          Frauen ohne faktischen Einfluss

          Jutta Ebeling, langjährige Grünen-Stadträtin und seit 1984 Mitglied, wies darauf hin, dass der erste SVP-Vorstand nur aus Männern bestand. Sie, die in der Frauen- und Startbahnbewegung aktiv gewesen sei, habe sich seinerzeit schwergetan, in eine Partei einzutreten. Bei den Grünen sei die Frauenfrage wenigstens thematisiert worden, und es gab das Frauenstatut, „auch wenn die Männer gerne das Sagen hatten“. Das Statut habe sie gezwungen, Frauen für die Listenaufstellung zu umwerben, den „faktischen Einfluss“ hätten sie ihnen nicht zugestanden. Den müssten sich Frauen immer noch erkämpfen.

          Mit Blick auf die Zukunft, sagte Ebeling, wünsche sie sich, dass es in 20 Jahren die Grünen als Partei, die explizit die Ökologie und die Frauenfrage thematisiere, gar nicht mehr geben müsse, da bis dahin alle Parteien diese Themen verinnerlicht hätten. Dass ihr Wunsch in Erfüllung geht, glaubt sie nicht. Doch seit die Bewegung „#Fridays for Future“ aufgekommen sei und weltweit Jugendliche für Klimaschutz demonstrieren, sei sie „politisch wieder besser gelaunt“. Der anwesenden Frankfurter Schülerin Kira Geadah, die sich für die deutschlandweite Organisation der Protestmärsche engagiert, rief Ebeling zu, es sei wichtig, dass die jungen Leute für ihre Kundgebungen Regelverstöße in Kauf nähmen.

          Geadah zeigte sich „sehr zufrieden“ mit der Zahl der Demonstranten am vergangenen Freitag. Annäherungsversuche wies sie zurück: „Wir sind überparteilich.“ Überlegungen, selbst eine Partei zu gründen, hätten sie und ihre Mitstreiter wieder verworfen. Sie hoffe, dass das Thema des Aufrüttelns bald erledigt sei. Die Jugendlichen hätten doch nur etwas anstoßen wollen, damit sich die Politik endlich mit dem Thema Klimaschutz beschäftige, sie hätten keine Lösungen parat. Für Horáček sind die Aktionen ein gutes Zeichen, auch in Tschechien seien die Schüler erstmals auf die Straße gegangen. Wenn er dies beobachte, merke er: „Die Arbeit der vergangenen 40 Jahre war doch nicht umsonst.“

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