https://www.faz.net/-gzg-99vrp

Verdreckte Grünanlagen : Vermüllung als Ausdruck eines Lebensgefühls

  • -Aktualisiert am

Zugemüllt: „Es war kein Eimer in der Nähe.“ So lautet die Standardentschuldigung. Bild: Patrick Junker

Nach einem schönen Wochenende sind die Frankfurter Grünanlagen mit Abfall übersät. Es wimmelt nur von Bechern, Pizzakartons und Bierflaschen. Warum verhalten sich Menschen so rücksichtslos?

          Kaffee im Becher zum Mitnehmen, Pizza im Pappkarton, Sekt oder Wodka aus der Glasflasche und die Würstchen samt Einweggrill in der Verpackung. All das wird von denen, die bei schönem Wetter ihr Leben in die Frankfurter Parks und ans Mainufer verlegen, mitgenommen oder auf Wunsch von Diensten zu jeder Zeit geliefert. Was bleibt, ist der Müll. Wer an einem beliebigen Morgen nach einem sonnigen Tag oder einer lauen Sommernacht am Mainufer joggt, kennt die Folgen: Berge von Abfällen, Plastikmüll und Scherben auf den Wiesen und Wegen. Das Umweltdezernat staunt über die Mengen, die das Grünflächenamt dort mittlerweile täglich aufsammeln und wegfahren muss. „Wir könnten sogar zweimal am Tag reinigen“, sagt Bernd Roser, der für die Pflege der Grünflächen in Frankfurt zuständig ist.

          Entwicklung verwundert nicht

          Der Frankfurter Soziologe Tilman Allert wundert sich nicht über diese Entwicklung, seitdem er weiß, dass die jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 30 Jahren als Hauptverursacher der Abfälle gelten. Das hatte eine Studie der Humboldt-Universität in Berlin ergeben, die im Auftrag einiger deutscher Großstädte, darunter auch Frankfurt, das sogenannte Littering untersucht hatte. Littering, das ist der englische Begriff dafür, dass Kleinabfälle achtlos weggeworfen oder liegen gelassen werden. Die Studie ergab auch, dass Bildungsstand und Geschlecht keine Rolle spielen. Und dass gerade bei Jugendlichen der Gruppendruck dazu führe, gegen die Norm zu verstoßen. „Das ist dann cool“, sagt Reinhard Beyer, Psychologieprofessor an der Berliner Universität, der die Studie mitverfasst hat.

          Allert ist überzeugt, dass die jungen Erwachsenen den Müll nicht bewusst liegen lassen – etwa aus Protest. Diese Altersgruppe lebe „in einem Zeitgefühl, das es nicht erlaubt, über Vergangenheit und Zukunft nachzudenken“. Junge Menschen seien so stark an der Gegenwart und an dem interessiert, was momentan geschehe, dass sie über etwas anderes nicht nachdächten. Das habe aber nichts mit Bosheit oder Faulheit zu tun. „Das ist einfach Ausdruck ihres Lebensgefühls.“ Dass der herumliegende Abfall andere stört, verstünden sie nicht. Beyer gesteht den jungen Erwachsenen sogar ein gewisses Umweltbewusstsein zu. „Das geht aber manchmal einfach verschütt.“

          Verändertes Freizeitverhalten

          Das Verhalten der Müllverursacher erklärt sich für Allert, emeritierter Professor an der Goethe-Universität, auch damit, dass es in der modernen Gesellschaft eine „Verberuflichung von Zuständigkeit“ gebe. Durch die Rationalisierung würden Kompetenzen und damit auch Zuständigkeiten immer stärker ausdifferenziert. Der moderne Zeitgenosse sage sich: „Wir sind so perfekt, morgen ist das Zeug weggeräumt.“ Das Aufräumen, das eigentlich eine „minimale Voraussetzung zivilen Engagements“ sei, übernähmen die dafür Angestellten. Das sei die Selbstgewissheit des modernen Menschen.

          Für den Berliner Psychologieprofessor Beyer ist das veränderte Freizeitverhalten eine weitere Begründung für die Zunahme des Litterings. Es werde beispielsweise offensichtlich mehr in Parks und öffentlichen Grünanlagen gegrillt. Dazu würden bestimmte Gegenden aufgesucht, und dort bleibe der Müll einfach. Häufig sei auch den Besuchern nicht klar, wer für Grillplätze und Grünflächen zuständig sei. Auch Roser vom Frankfurter Grünflächenamt macht das moderne „Outdoor-Leben“ dafür verantwortlich, dass es an sonnigen Tagen in seinen Parks keine freien Flächen mehr gibt. Eigentlich werde die Grünanlage zum Wohnzimmer. Und dennoch fehlt Roser zufolge der Respekt vor dem öffentlichen Raum. Die Tatsache, dass Großstädte wie Frankfurt stark an Bevölkerung zulegen, sorgt zudem für eine neue Enge. „Das Mainufer ist im Sommer schwarz vor Menschen.“

          Zusätzlich macht sich laut Roser die „neue Verpackungskultur“ bemerkbar. Den Coffee to go, den Salat to go und den Smoothie auf die Hand: All das hat es vor Jahren noch nicht gegeben. Als bereits 2008 eine erste Littering-Studie der Humboldt-Universität erstellt wurde, waren Verpackungen jedenfalls noch kein Thema. Damals war der Aufreger in der Bevölkerung das wilde Wegwerfen von Zigarettenkippen.

          Auf frischer Tat ertappt

          „Wir haben für unsere aktuelle Studie Litterer angesprochen, die wir auf frischer Tat ertappt haben“, sagt Beyer. „Es war kein Eimer in der Nähe“, sei die Standardantwort gewesen. Dabei stand der nächste Abfalleimer in 40 Prozent der Fälle nur zwei bis zehn Meter entfernt. Für Beyer ist das eine Rechtfertigungsstrategie. Die Menschen wüssten eigentlich, dass sie sich nicht richtig verhalten hätten, gestünden sich das aber nicht ein. „Die Leute versuchen zu erklären, dass sie eigentlich ordentliche Menschen sind, die Bedingungen es in diesem Fall aber nicht ermöglicht haben.“ Wenn die gleichen Menschen aber das Verhalten andrer beurteilen müssten, dann sähen sie darin ein grundsätzliches Fehlverhalten. Den Fremden würden Eigenschaften wie Bequemlichkeit, Faulheit und fehlende Erziehung zugeschrieben.

          Zurechtweisungen und strengere Kontrollen, wie viele Ältere sie für sinnvoll halten, um wieder sauberere Parks zu haben, sieht Beyer nicht als Lösung. „Niemand will erzogen werden.“ Sobald etwas mit Erziehung zu tun habe, werde es abgelehnt und sei nicht hilfreich. Es sei besser, wenn Anregungen für die jungen Erwachsenen „jugendgemäß und nicht so offensichtlich sind“. Es gebe keine Empfehlung, die alle erreiche, „deswegen müssen sie variiert werden“, sagt Beyer. Generell habe sich schon einiges getan, so gebe es heute für die Tierliebhaber die Hundekottüten, die die meisten auch nutzten. Jüngere Menschen brauchten Mülleimer mit jugendgemäßen Sprüchen, wie sie die Stadt Frankfurt als Reaktion auf die Studie im vergangenen Sommer aufgestellt hat.

          Weitere Themen

          Swingende Picknicks

          Jazz im Palmengarten : Swingende Picknicks

          Wo die gestaltete Natur auf neue Töne und komplizierte Rhythmen trifft: 60 Jahre Jazz im Palmengarten lockt zahlreiche Besucher an.

          Topmeldungen

          Der Fall Lübcke : Wie ein Bumerang

          In Wiesbaden und Berlin bestimmt der Fall Stephan E. die Tagesordnungen. Nicht nur die Frage nach dessen Bezügen zum NSU ist noch zu klären. Die Grünen beklagen eine „eklatante Analyseschwäche“ des Verfassungsschutzes.
          Der Hedgefonds Elliott hat seinen Einstieg bei Bayer publik gemacht.

          Wegen seiner Mischstruktur : Elliott macht Bayer jetzt richtig Druck

          Der amerikanische Hedge-Fonds lässt Andeutungen fallen, die als Aufforderung zur Aufspaltung interpretiert werden können. Ganz nebenbei bestätigt er: Man ist mit einem 2-Prozent-Paket am Mischkonzern beteiligt.

          Trumps neue Sprecherin : Schroff und höchst loyal

          Donald Trump macht Stephanie Grisham, die Stimme der First Lady, zu seiner Sprecherin. Sie wird auch Chefin für strategische Kommunikation – eine machtvolle Position.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.