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Frankfurter Flughafen : „Mehr als 700 Flugzeuge am Tag“

Skeptisch: Thomas Jühe weiß, dass die derzeitige Ruhe nicht von Dauer sein wird. Bild: Michael Kretzer

Thomas Jühe ist Bürgermeister der hessischen Kleinstadt Raunheim und Vorsitzender der Fluglärmkommission. Im Gespräch äußert er sich zu den Folgen von Corona und der Zeit danach.

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          So viel Ruhe war lange nicht im Umfeld des Frankfurter Flughafens. Was bedeutet das für Sie persönlich?

          Jochen Remmert

          Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Helmut Schwan

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Mit Beginn der Corona-bedingten Beschränkungen für den Luftverkehr hatten wir fast durchgängig Schönwetterlagen und damit Ostbetrieb. Damit hätten normalerweise mehr als 700 Flugzeuge am Tag im Landeanflug Raunheim in niedrigster Höhe mit extremem Lärm belastet. Es wird jeder verstehen, dass es jetzt schön ist, das warme und sonnige Wetter mit deutlich weniger Lärm erleben zu dürfen.

          Raunheim war die mit am stärksten belastete Kommune. Was sagen Sie den Bürgern auf die Frage, wie lange die Ruhe noch anhält?

          Ich bin mir sicher, dass die gegenwärtige Situation von den Menschen in Raunheim richtig eingeschätzt wird. Jetzt ist es vergleichsweise ruhig, das ist eine angenehme Phase. Es ist aber auch klar, dass spätestens mit Ende der Corona-Krise die Zahl der Flugbewegungen wieder deutlich nach oben gehen wird – und damit der extreme Lärm wieder zurückkehrt.

          Ist das Thema Schutz vor Fluglärm nun auf Jahre keines mehr?

          Wenn klar ist, dass der Fluglärm zurückkommt, dann darf es beim Schutz vor Fluglärm jetzt keine Pause geben. Folglich arbeiten wir auch in der Fluglärmkommission und im Forum Flughafen und Region engagiert weiter an dem Thema.

          Wird es als Folge der Krise in Zukunft aber nicht weniger Fluglärm geben als prognostiziert und von Anrainern befürchtet?

          Wie bei vorangegangenen Krisen in der Luftfahrt wird es gegenüber den zuvor erstellten Wachstumsprognosen Abflachungen geben. Wie lang die Corona-Krise das mit dem Ausbau des Flughafens vorgesehene Wachstum bremsen wird, weiß heute niemand. Realistisch ist aber, dass wir uns spätestens in ein paar Jahren wieder mit mehr Lärm auseinandersetzen müssen. Schön wäre aber, wenn das veränderte Leben in der Corona-Krise dazu führen könnte, künftig verantwortungsvoller mit dem eigenen Reiseverhalten umzugehen. Vielleicht bewirken wir ja auf diese Weise eine Begrenzung des Lärms.

          Was waren zuletzt die wichtigsten „Baustellen“ im Kampf gegen den Fluglärm?

          Die Baustellen waren und sind vielfältig. Die Zunahme an Flugbewegungen in den vergangenen Jahren hatte uns immer mehr Möglichkeiten des leiseren Fliegens geraubt. Zum Teil sind auch bereits umgesetzte lärmärmere Verfahren bedroht, weil sie bei höheren Kapazitäten nicht mehr so geflogen werden können.

          Welche Verfahren meinen Sie?

          Hier denke ich zum Beispiel an den sogenannten Segmented Approach, an die Lärmpausenregelung und an Höhenvorgaben in den Eindrehbereichen. Wir hatten immer gehofft, zunehmenden Flugverkehr durch intelligentes und damit weniger Lärm verursachendes Fliegen kompensieren zu können. Ich bin dabei, meinen diesbezüglichen Optimismus zu verlieren.

          Wohnen als Raunheimer Bürgermeister nicht zwei Seelen in Ihrer Brust? Viele Gewerbebetriebe hängen ja wohl direkt oder indirekt am Flughafen.

          Völlig ungeachtet der Funktion als Vorsitzender der Fluglärmkommission oder als Bürgermeister der Stadt Raunheim, bin ich der festen Überzeugung, dass wirksame Maßnahmen der Lärmminderung nachhaltig nur dann erreicht werden können, wenn zugleich die wirtschaftliche Bedeutung des Flughafens erhalten werden kann. Denn weitreichende Akzeptanz für Auflagen zum Schutze der Bevölkerung erhält man nur dann, wenn negative Folgen für die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt vermieden werden können. Insofern kann sich die Krise im Luftverkehr auch schädlich auf das Bemühen um wirksamen Schutz vor Fluglärm auswirken.

          Fürchten Sie eine steigende Arbeitslosigkeit in Ihrer Stadt?

          Die Zahl der Menschen, die unmittelbar oder mittelbar vom Flughafen leben, ist nicht nur in Raunheim sehr groß. Natürlich haben diese Personen aktuell Angst, ihren Job zu verlieren. Das führt zu der kuriosen Situation, dass die Menschen trotz weniger Lärms in der Nacht in vielen Fällen nicht unbedingt besser schlafen können.

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