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Vor 300. Montags-Demonstration : Fluglärm-Gegner für Verzicht auf Inlandsflüge

  • Aktualisiert am

Standhaft: Fluglärmgegner während einer Montags-Demonstration im Terminal 1 in Frankfurt Bild: dpa

Seit Jahren demonstrieren Menschen im Terminal 1 gegen die Lärmbelastungen durch den Frankfurter Flughafen. Von einer Aktion zum Klimaschutz erhoffen sie sich zur 300. Montags-Demonstration frischen Wind für ihre Proteste.

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          Montag für Montag kommen Menschen mit Plakaten ins Terminal 1 des Frankfurter Flughafens, seit Jahren geht das schon so. Sie protestieren gegen den Fluglärm, gegen Ultrafeinstaub und den weiteren Ausbau des Airports. Vor rund acht Jahren begannen die Kundgebungen am größten deutschen Flughafen. Am Montag wollten die Fluglärmgegner zum 300. Mal demonstrieren. Die Veranstalter rechneten mit bis zu 1500 Teilnehmern, wie der Sprecher des Bündnisses der Bürgerinitiativen (BBI), Thomas Scheffler sagte.

          Der Frankfurter Flughafen liegt mitten im Ballungsraum Rhein-Main, täglich starten und landen Hunderte Flugzeuge. Das bekommen viele Menschen im Umland zu spüren, deren Häuser insbesondere in den Einflugschneisen liegen. Der Kreis der Betroffenen reicht weit über Frankfurt und Offenbach hinaus bis ins benachbarte Rheinland-Pfalz und die dortige Region rund um Mainz. Das Thema Lärmbelastung ist daher seit Jahren ein Zankapfel, auch wenn es zuletzt um die Proteste etwas ruhiger geworden war.

          Fraport: Fluglärm „ganz weit oben auf der Agenda“

          Als Ende 2011 die neue Nordwestlandebahn in Betrieb ging, habe sich der Widerstand „explosionsartig vermehrt“, erzählt Scheffler. Zeitweise seien sogar mehrere Tausend Menschen zu den Demos gekommen. Für neuen Unmut sorgte der vor kurzem begonnene Bau des Terminal 3, die Gegner befürchten dadurch eine weitere Zunahme des Fluglärms.

          In letzter Zeit sind Scheffler zufolge etwa 250 Menschen regelmäßig zur Montagsdemo ins Terminal gekommen. Die Demonstranten empörten sich, weil die neue Nordwestlandebahn über die Jahre zu einer noch stärkeren Fluglärmbelastung geführt habe. Nicht nur der Ultrafeinstaub gefährde die Gesundheit, sondern auch der Lärm. Er könne Herzkreislaufprobleme und sogar Depressionen auslösen.

          Seit Jahren fordert das BBI einen Stopp des Flughafenausbaus und eine Ausweitung des Nachtflugverbotes. Derzeit gilt dieses zwischen 23.00 und 5.00 Uhr, das wurde damals beim Bau der Nordwestlandebahn festgelegt. Zudem will das Bündnis, dass die Flugbewegungen im Jahr reduziert werden und die Nordwestlandebahn stillgelegt wird.

          Verzicht auf Inlandsflüge

          Aufwind erhoffen sich die Fluglärmgegner nun auch durch die Klimadebatte. Eine neue Aktion richtet sich gegen Kurzstreckenflüge. Vorgestellt werden soll die Kampagne „Deutschland-fliegt-nicht“ bei der 300. Montagsdemo. Die Initiatoren rufen die Menschen dazu auf, in der Woche vom 10. bis 16. Februar 2020 auf private und berufliche Inlandsflüge zu verzichten.

          „Die Zeit ist reif für eine solche Aktion“, sagt einer der Organisatoren und Mitglied des Vereins Gegenwind 2011 Rhein-Main, Rolf Fritsch. Eine Fotoaktion im Terminal 1 sei geplant - auf einem „Gemeinsam-Nix-Tun“-Sofa. Ein Foto werde auf einem der größten Bildschirme der Welt auf dem Times Square in New York zu sehen sein. Anschließend reise das über zwei Meter breite Sofa durch Deutschland, erster Stopp soll die Mainzer Universitätsklinik sein. „Diese ist die vom Fluglärm am meisten belastete Klinik“, sagte Fritsch. Auch soll es Anfang Dezember ein Sofakonzert im Frankfurter Flughafen geben. „Wir haben viel vor.“

          Den Betreiber des Frankfurter Flughafens bringen Aktionen wie diese indes nicht aus der Ruhe. „Wir nehmen unsere Verantwortung für den passiven und aktiven Schallschutz im Umland des Flughafens sehr ernst“, sagte ein Fraport-Sprecher. Das Thema Lärmemission sei auch in Zukunft „ganz weit oben auf der Agenda“.

          Al-Wazir Verfolgen dasselbe Ziel

          Der hessische Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen) zeigt sich beeindruckt von dem hartnäckigen Engagement der Aktivisten. „Wir verfolgen letztlich dasselbe Ziel“, sagte er. „Verkehrslärm beeinträchtigt die Lebensqualität und Gesundheit.“ Lärmschutz müsse einen noch höheren Stellenwert bekommen. Hessen habe im Rahmen seiner Möglichkeiten viel bewegen können - etwa mit der siebenstündigen Lärmpause, bei der einzelne Bahnen zeitweise nicht genutzt werden und so benachbarte Kommunen zeitweise vom Lärm entlastet werden, oder der Lärmobergrenze.

          Für Kritiker wie Thomas Scheffler von der BBI reicht das nicht aus: „Die Lärmobergrenze ist ein Witz“, sagt er. „Sie tut niemandem weh.“ 2018 wurde sie dem Hessischen Verkehrsministerium zufolge deutlich unterschritten. 2017 hatten die hessische Landesregierung, die Luftverkehrswirtschaft, die Frankfurter Fluglärmkommission, das Forum Flughafen und die Region freiwillig eine Lärmobergrenze vereinbart, damit die Lärmbelastung für die Bewohner rund um den Flughafen nicht weiter steigt.

          War der jahrelange Widerstand also umsonst? Auf keinen Fall, sagt Scheffler, auch wenn etwa der Bau des neuen Terminals wie ein Schatten über den Montagsdemos liege. Der wichtigste Erfolg sei, dass das Thema Fluglärm und Feinstaubbelastung heute im öffentlichen Diskurs fest verankert sei. Und Klimaschutzbewegungen wie „Fridays for Future“ entfachten die Debatte rund um die Folgen des Flugverkehrs neu.

          Scheffler blickt mit Optimismus in die Zukunft der Montagsdemos: „Wir geben nicht auf.“ Wöchentlich komme ein neues Thema auf, langweilig werde ihm sicher nicht. Solange Menschen das Bedürfnis hätten, ins Terminal zu kommen und Widerstand zu leisten, werde es weiter Aktionen geben. „Erst wenn keiner mehr kommt, ist es vorbei.“

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