https://www.faz.net/-gzg-9kp3t

Frankfurter Bunker : Späte Liebe zu einem Betonklotz

Ein Ort für Eltern und Kinder: Spielplatz vor dem Glauburgbunker in Frankfurt Bild: Carlos Bafile

Im Frankfurter Nordend will ein Bauherr einen Bunker abreißen, um Wohnungen zu bauen. Doch die Nachbarn hätten lieber ein Stadtteilzentrum.

          3 Min.

          Einen Hochbunker abzureißen ist ein hartes Stück Arbeit. Die monströsen Luftschutzbauten sind Bollwerke aus Beton, die seinerzeit auch Bombentreffern standhalten sollten. Der Glauburgbunker wurde 1942 errichtet, er ist 38 Meter lang und 14 Meter breit, die Außenwände sind mehr als zwei Meter dick. Der graue Kasten steht mitten im dichtbesiedelten Nordend neben der Schwarzburg-Grundschule und wechselte vor rund zwei Jahren den Besitzer. Der neue Eigentümer will den Bunker nun abreißen, um an seiner Stelle ein Wohn- und Geschäftshaus zu errichten. Nachbarn, Lehrern und Schülern graut vor Baulärm und Staub.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Doch das ist nicht der einzige Grund, warum eine Online-Petition gegen das Bauvorhaben nach zwei Wochen schon mehr als 500 Unterstützer hat. Viele, die dort unterzeichnet haben, wollen nicht noch mehr „Luxuswohnungen“ in ihrer Nachbarschaft, die vor allem einen Effekt hätten: „Unsere Mieten werden weiter steigen.“ Eine Bürgerinitiative setzt sich deshalb für den Erhalt des Bunkers ein. „Wir befürchten, dass das Nordend durch solche Bauvorhaben immer mehr seinen Charakter verliert und zu einem reinen Wohngebiet für Gutverdienende wird“, sagt Ulrich Rathgeb, der für die Bürgerinitiative Glauburgbunker spricht. Sie wünscht sich ein Stadtteilzentrum mit Platz für kulturelle und private Veranstaltungen, Vereine, Kunst und Musik. Im dicht bebauten Nordend gebe es dafür einen großen Bedarf.

          Der Streit um den Bunker macht deutlich, was das Reizwort „Gentrifizierung“ für ein Viertel bedeutet, in dem günstiger Wohnraum immer seltener wird. Durch neue Bauvorhaben verändert sich der Stadtteil. Er verliert sein gewohntes Gepräge, die nähere Umgebung wird aufgewertet, die Preise steigen. Denn ein Bauprojekt bleibt selten allein. Alteingesessene Mieter befürchten einen Schneeball-Effekt, wie er in der Umgebung des Glauburgbunkers schon zu beobachten ist. Zwei Straßen weiter wurde gerade das Marienkrankenhaus abgerissen, an dessen Stelle vor allem teure Wohnungen entstehen. Und auch den Bauten der Gethsemane-Gemeinde droht der Abriss.

          Anders als die meisten anderen Luftschutzbunker in Frankfurt ist der Glauburgbunker schon länger in Privatbesitz. Der Sammler Gerhard Stief hatte ihn 1995 vom Bund erworben und für sein privates Museum „Explora“ umgebaut. Dort zeigte er eine naturwissenschaftliche Sammlung, die sich vor allem mit optischen Phänomenen beschäftigte. Stief hat sich jedoch mit seiner alten Nachbarschaft überworfen. Anfang 2016 äußerte er sich im Internet drastisch und abfällig über Flüchtlinge und löste eine Protestkampagne aus. Seine Kritiker riefen dazu auf, das „Explora“ zu boykottieren. Wohl auch deshalb entschied sich der Sammler, das Museum zu schließen und den Bunker zu verkaufen.

          Der neue Eigentümer hat bei der Stadt am 31. Januar eine Bauvoranfrage gestellt. Er will ein Gebäude mit 43 Wohnungen und einer Tiefgarage mit 30 Stellplätzen errichten. Im Erdgeschoss soll es eine Gastwirtschaft geben und auch eine kulturelle Nutzung. 30 Prozent des vorgesehenen Wohnraums sollen gefördert werden, wie dies ein Stadtverordnetenbeschluss ohnehin vorschreibt.

          Stadt sucht Einigung mit Eigentümern

          In Internetforen wird rege über das Projekt diskutiert. Einige Anwohner halten ein Wohnhaus für sinnvoller als den Bunker. „Wenn es wirklich heißt ,Stadt für alle‘, dann gilt das auch für liberale Ökos mit ein bisschen Kohle“, schreibt einer. Andere meinen, dass mit noch mehr teurem Wohnraum niemandem gedient sei. Rathgeb und seine Mitstreiter lehnen das Projekt ab. Sie wollen, dass die Stadt ihre „gute Verhandlungsposition“ durch ein Rückkaufsrecht an den Flächen um den Bunker geltend macht, damit der Bunker als Stadtteilzentrum für kulturelle und soziale Zwecke im Nordend genutzt werden kann. Ein solches Stadtteilzentrum fehle im Nordend und wäre eine große Bereicherung für die Anwohner.

          Die Stadt will sich jedoch mit dem Eigentümer einigen. Die Bauvoranfrage bewegt sich im Rahmen dessen, was planungsrechtlich erlaubt ist. Die Vorgaben für die Verwendung des Grundstücks verhindern das Projekt jedoch bisher. „Momentan ist nur eine museale Nutzung möglich“, sagt der Sprecher des Baudezernats. Derzeit laufen Gespräche darüber, ob die Nutzungsvorgaben aufgehoben werden können, denn dadurch würde der Grundstückswert immens steigen. „Wir wollen uns mit dem Entwickler verständigen und gleichzeitig eine öffentliche Nutzung sichern.“ Auch das Kulturdezernat ist in Gespräche über mögliche Kultur-Angebote im Erdgeschoss eingebunden.

          Rathgeb erwartet, dass zumindest während der langjährigen Abriss- und Bauzeit die Nutzung des Glauburgplatzes, der als Spielplatz bei Kindern beliebt ist, nicht möglich sein wird. Aber auch danach kann er sich nicht vorstellen, dass auf dem Platz, auf dem auch Floh- und Weihnachtsmärkte stattfinden und ein Sommerfest gefeiert wird, alles beim Alten bleibt. „Schon allein die Tatsache, dass der Spielplatz bis in die späten Abendstunden genutzt wird, wird sicherlich zu Ärger mit den Eigentümern der entstehenden Luxuswohnungen führen.“

          Weitere Themen

          Der zweite Messe-Turm

          Baubeginn 2020 : Der zweite Messe-Turm

          Die Gustav-Zech-Stiftung errichtet bis 2024 im Frankfurter Europaviertel einen neuen Messeeingang und ein Hochhaus. Dem Wahrzeichen am Haupteingang soll es aber keine Konkurrenz machen.

          Topmeldungen

          Die Demokratin Nancy Pelosi gerät im Weißen Haus mit Präsident Donald Trump aneinander.

          Trump gegen Pelosi : Da oben ist was nicht in Ordnung

          Syrien, Ukraine – und die eigene Partei: Donald Trump kämpft an mehreren Fronten. Das geht an die Substanz des amerikanischen Präsidenten. Das zeigt auch der heftige Streit mit Nancy Pelosi. Unterdessen verschärft sich die Konfrontation mit dem Kongress.

          Katanlonien : Barcelona erlebt vierte Krawallnacht

          Die Proteste gegen die Verurteilung von Separatistenführern zu langjährigen Haftstrafen reißen nicht ab. Nicht alle sind gewalttätig: Diesen Freitag soll ein Generalstreik Katalonien lahmlegen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.