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Frankfurter Einrichtung beschmiert : „Ein Hakenkreuz fällt nicht einfach so vom Himmel“

  • -Aktualisiert am

Unbekannte Täter: Die Nazi-Parolen an der Bildungsstätte Anne Frank wurden umgehend entfernt. Bild: Bildungsstätte Anne Frank

Mehrere Attacken auf Einrichtungen, die an Anne Frank erinnern, beschäftigen die Betroffenen und die Polizei in Frankfurt. Es deutet einiges auf Antisemitismus hin.

          Vor gut zehn Tagen haben Mitarbeiter der Bildungsstätte Anne Frank am Dornbusch Schmierereien am Eingang ihres Gebäudes entdeckt. Neben einem Hakenkreuz war die Parole „Heil Hitler“ und die Zahl 88 zu lesen. Die Zahlenkombination deutet auf den achten Buchstaben des Alphabets hin und symbolisiert den Hitlergruß. Außerdem stand der Satz „Der Russe ist Jude“ in roten Lettern an der Hauswand. Mittlerweile sind die Schmierereien nicht mehr zu sehen, der Hausmeister hat sie entfernt, nachdem sie von der Polizei dokumentiert wurden.

          Solche Verunstaltungen sind in Frankfurt keine Seltenheit. Immer wieder werden Hakenkreuze auf Hauswände und Litfaßsäulen gesprüht oder auf Brückenpfeiler und Unterführungen geschmiert. Wie die Namenskürzel von Sprayern, die sogenannten Tags, sind die Nazi-Symbole oft genug nichts weiter als provokante „dumme Jungenstreiche“. Tauchen sie allerdings an einem Gebäude auf, das den Namen von Anne Frank trägt, bekommt die Sache eine andere Dimension.

          Polizeisprecher habe Schmierereien verharmlost

          Meron Mendel, Leiter der Bildungsstätte Anne Frank, ist denn auch davon überzeugt, dass dort keine übermütigen Jugendlichen am Werk waren. „Ideologie steckt dahinter“, glaubt Mendel. Hitler-Parolen seien immer wieder an Hauswänden zu lesen, aber der Satz „Der Russe ist Jude“ gebe ihm und seinen Mitarbeitern Rätsel auf. „Das denken sich Jugendliche doch nicht als Scherz aus“, sagt Mendel. Umso mehr irritiere ihn die Aussage eines Polizeisprechers, der einem Zeitungsbericht zufolge gesagt hat, dass die Polizei in den Parolen nicht mehr als die üblichen Schmierereien sehe, wie sie allerorts in der Stadt auch zu finden seien. Für Mendel kommt diese Einschätzung einer Bagatellisierung gleich.

          Sowohl Bildungsdezernentin Sarah Sorge als auch die Landtagsabgeordnete Martina Feldmayer (beide Die Grünen) haben die Polizei inzwischen aufgefordert, den Fall ernst zu nehmen. „Neonazi-Parolen und Anschläge sind kein Delikt wie jedes andere“, sagte Feldmayer. Und auch Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) äußerte sich besorgt über den Kommentar des Polizei-Pressesprechers.

          Polizei distanziert sich von der Aussage

          Auf Anfrage der Bildungsstätte hat die Polizei unterdessen mitgeteilt, der Sprecher habe die Einschätzung „aus dem Bauch heraus“ abgegeben. Schließlich sei er nicht an den Ermittlungen beteiligt. Aus dem Haus Mendels hieß es zudem, der Dienststellenleiter des zuständiges Polizeireviers habe bei einem Besuch von einer „unglücklichen Formulierung“ gesprochen. Auf Anfrage dieser Zeitung teilte das Polizeipräsidium mit, man nehme den Vorfall sehr wohl ernst und schließe auch einen politischen Hintergrund nicht aus.

          „Natürlich ist der erste Gedanke: Dahinter steckt Antisemitismus“, sagt Till Lieberz-Groß, Direktorin der Anne-Frank-Schule am Dornbusch. Auch sie kann von einer Tat berichten, die womöglich rassistisch oder politisch motiviert war: Ende vergangenen Jahres haben Unbekannte die Anne-Frank-Kastanie, die auf dem Gelände der Schule wuchs, abgesägt und entwendet. Das Bäumchen war ein Ableger der Anne-Frank-Kastanie aus Amsterdam. Ein Landschaftsgärtner, der damals den Baumstumpf beurteilte, sprach von einer geplanten Aktion, weil das Stützgerüst des Baumes entfernt und der Schnitt glatt ausgeführt worden war.

          Abgesägte Kastanie: Unbekannte haben 2013 den etwa zweieinhalb Meter hohen Baum der Anne-Frank-Schule im Frankfurter Stadtteil Dornbusch gestohlen.

          Drohanrufe auf dem Anrufbeantworter

          Unbekannt sind auch die Täter geblieben, die Anfang 2013 die Gedenkstele vor dem Geburtshaus Anne Franks am Marbachweg umgetreten haben. Und ebenso ungeklärt ist, wer im Mai 2012 Drohanrufe auf dem Anrufbeantworter der Bildungsstätte Anne Frank hinterlassen hat. Nach den Worten Mendels sind die Mitarbeiter seines Hauses von dem Unbekannten nicht nur wüst beschimpft worden, sondern auch mit Mord bedroht worden.

          Mendel ist vor allem darüber beunruhigt, dass sich sämtliche Vorfälle in einem Umkreis von nur einem Kilometer ereignet haben – und das innerhalb von zwei Jahren. Zudem galten alle Angriffe Orten und Stätten, die an Anne Frank und ihr Leben erinnern. Die Polizei hat nach eigenen Angaben allerdings keine Erkenntnisse darüber, ob die Taten im Zusammenhang miteinander stehen.

          Ob tatsächlich eine antisemitische Gesinnung oder jugendliche Provokation hinter den Vorfällen steckt, ist für die Bildungsstätte Anne Frank und die Anne-Frank-Schule nicht die entscheidende Frage. Bedenklich seien sie aber allemal, sagt Direktorin Lieberz-Groß. „Es steckt immer was dahinter, auch wenn die Tat nicht bewusst antisemitisch ist.“ Und in der Bildungsstätte heißt es: „Ein Hakenkreuz fällt nicht einfach so vom Himmel.“

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