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Frankfurter Duo Les Trucs : Das Leben der Dinge

Zwei Personen suchen einen Klang: Charlotte Simon und Zink Tonsur alias Les Trucs mit ihren elektronischen Dingen in ihrem Frankfurter Studio. Bild: Marcus Kaufhold

„2-Mensch-Ding-Orchester“ werden sie oft genannt. Aber Charlotte Simon und Zink Tonsur alias Les Trucs sind noch mehr. Zum Beispiel eine Zirkuskapelle.

          5 Min.

          Das fängt ganz harmonisch an, fast ein bisschen retro mit freundlich klimpernden Synthesizerakkorden, es ploppt ein Hauch Chanson auf und dort sogar ein winziger Schluck Klassik, dann wieder fiepst es mal ganz herzallerliebst, als tauche der Fernsehwurm Zini in die Soundcloud, doch schon geht der beinedurchzuckende Rhythmus aus dem Leim, bis kurz vor dem Unerträglichen - und hüpft dann wieder zurück in zirpende Harmonie. „Zur Situation von Konstruktionen“ oder „Der Nostalgieabend der Fordistischen Trachtengruppe“ sind nicht gerade Titel, mit denen man die Pop-Charts stürmt.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Aber die Musik, die hinter diesen Titeln steckt, hat, in Klang und Text, bei aller Eingängigkeit so etwas Widerspenstiges wie eine zurückgebogene Stahlfeder, einen klugen, kritischen Witz, der dennoch nie zynisch oder destruktiv ist. „Analyse und Zerstreuung“ heißt ein Titel des Albums „Das Musical“, veröffentlicht 2012. Es könnte ein Motto sein für die Arbeit von Charlotte Simon, Jahrgang 1986, und Zink Tonsur, Jahrgang 1980, die seit 2008 von Frankfurt aus Musik, Performances, Videos, Kunst machen. Insofern passt es doppelt, dass sie sich Les Trucs nennen. Schieben die Franzosen doch ganz gern ihr Wort für „Ding“ ein, wenn ihnen ein Wort fehlt oder es kein adäquates zur Beschreibung zu geben scheint. Die Kunst von Les Trucs ist selbst so ein „truc“, ein schwer beschreibbares Ding. Und außerdem hantieren die beiden Trucs mit einer schier unglaublichen Menge an Dingen, um nur zu zweit einen ziemlich gewaltigen vielschichtigen Sound zu erzeugen. „2-Mensch-Ding-Orchester“ werden sie deshalb oft genannt.

          Elektronische Instrumente, aber genauso anspruchsvoll

          Dass die „Trucs“ sich einen französischen Namen geben und auch bisweilen französische Texte verfasst haben, hat weniger mit einer ausgeprägten Frankophonie zu tun als eher damit, dass ihnen die Worte ebenso Klang sind wie die Musik: „Das ist oft eine formale Entscheidung, ob deutsch, französisch, englisch“, so Zink Tonsur, „die Textebene ist ja nur eine. Die Musik muss eigenständig funktionieren. Ich höre zum Beispiel japanische Musik, da verstehe ich nichts vom Text, aber es geht um die Struktur.“ Noten lesen und schreiben übrigens beherrschen beide nicht, „man muss sich das merken - oder das Gerät speichert es ab“. Weil beides ihr nicht ausreicht, hat sich Simon eine höchst eigenwillige Form der Notation zurechtgelegt, deren Partitur aus Text, Buchstaben und Chiffren besteht.

          Die elektrischen und elektronischen Gerätschaften, deren sich die beiden Künstler bedienen, füllen ihr Studio in einem Atelierhaus im Frankfurter Osten - Synthesizer, Verstärker, Computer. Die ältesten stammen aus den siebziger Jahren. „Die Geräte sind wie echte Musikinstrumente“, erklären die beiden - sie planvoll und eigenhändig aufgereiht und aneinander geschaltet zu meistern dauert genauso lang wie das Erlernen eines analogen Musikinstruments. „Man muss schon drei Jahre lang herumspielen, bis man es kann“, sagt Simon trocken. Mittlerweile gibt sie Workshops, in denen sie andere in das Bedienen von Synthesizern einführt.

          Kennengelernt in der Frankfurter Subkultur

          „Manchmal nervt es auch, auf dieses hippe Retro reduziert zu werden“, sagt Simon. Was allerdings nur denen passieren dürfte, die Les Trucs noch nicht gehört haben: Rückwärtsgewandt sind die beiden keinesfalls. Aber, wenn man so will, geschichtsbewusst. Musikgeschichte und Kunstgeschichte, Literatur und Sozialgeschichte spiegeln sich in Texten und Tönen und in den Performances der beiden wider. Ein Auftritt der beiden, die ihre akustischen Gerätschaften auf Brettergestellen und Wägelchen mitten im Publikum postieren, sind schon in dieser einfachsten Form stets auch eine Show - ganz zu schweigen von der Videokunst zu ihren Kompositionen, die auf diversen Internetplattformen zu finden ist. Nicht umsonst hat Charlotte Simon an der Städelschule Videokunst in der Klasse von Judith Hopf studiert.

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