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Frankfurter Duo Les Trucs : Das Leben der Dinge

Zirkuskapelle, 21. Jahrhundert: In „The Greatest Show on Earth“ begleiten Les Trucs derzeit in Hamburg und vom 1. September an in Frankfurt internationale Künstler.
Zirkuskapelle, 21. Jahrhundert: In „The Greatest Show on Earth“ begleiten Les Trucs derzeit in Hamburg und vom 1. September an in Frankfurt internationale Künstler. : Bild: Anja Beutler

Parallel hat sie, wie Zink Tonsur, der eine Krankenpflegerausbildung absolvierte, in verschiedenen Punk-Bands gespielt. Sie selbst war die „Tastentante“, hat aber auch Gitarre und Synthesizer gespielt, Zink Tonsur hat ursprünglich vor allem Gitarre gespielt. „Kennengelernt haben wir uns in der Frankfurter Subkultur, wie man so sagt“, erklärt Simon, „wir haben auch selber Partys organisiert und kommen eigentlich aus der Punk-Hardcore-Experimental-Musik.“ Auf die Punkbands hatten sie dann keine Lust mehr, erläutert Tonsur, „da ist es eben so passiert.“ Aus den beiden wurde ein Duo, das praktisch sofort mit eigener Musik zu einer Europatour aufbrach. Ein paar hundert Konzerte haben sie seither international gespielt, seit einem Jahr machen sie damit Pause: „Wir haben nur noch die alten Sachen gespielt.“ Aus demselben Grund wird nach einer letzten Vorstellung im Herbst auch mit dem Stummfilm „Der letzte Mann“ von Friedrich Wilhelm Murnau Schluss sein: Die Auftragsarbeit hatte nach der Uraufführung im Offenbacher Ledermuseum Kreise gezogen. Immer das Gleiche zu machen aber interessiert das Duo überhaupt nicht. Mittlerweile rücken andere Dinge in den Vordergrund. Als Trio Kristallo mit Jonathan Penca etwa verknüpfen sie Video, Performance und Musik.

Ihr Auftritt ist ein Performance-Zirkus

Einmal im Jahr sind sie mit Theaterproduktionen beschäftigt. Mit dem Autor Nis-Momme Stockmann und dem Regisseur Lars-Ole Walburg verbinden sie freundschaftliche Arbeitsbeziehungen, am Schauspiel Frankfurt haben sie bei Schorsch Kameruns „Frankfurter Rendezvous“ gearbeitet, und als eine Mischung aus postdramatischen Moritatensängern und musikalischer Erdung begleiteten sie den Straßenumzug der „Saponifikation“, die das Performerkollektiv Red Park am Mousonturm betreibt. „Wir lernen dabei immer viel, etwa über die Aneignung von Stilen“, erläutert Simon, und Zink Tonsur ergänzt: „Man kann im Theater mit relativ einfachen Mittel viel erreichen, die Musik ist im Sprechtheater Stimmungs- und Effektgeber.“

Notation statt Noten: eine von Simons Partituren.
Notation statt Noten: eine von Simons Partituren. : Bild: Marcus Kaufhold

In ihrer jüngsten Rolle gastieren sie derzeit in Hamburg, auf Kampnagel, von 1. September an wird „The Greatest Show on Earth“, koproduziert vom Mousonturm, auch in Frankfurt zu erleben sein. Ein Performance-Zirkus, in dem die Nummern von Künstlern wie der Choreographin Meg Stuart oder Jeremy Wade stammen und die Manege von Philippe Quesne gestaltet wurde. Mittendrin: Les Trucs. „Wir sind die Zirkuskapelle.“ Oder, wie Zink Tonsur erklärt: „In diesem Fall sind wir ein funktionaler Teil des Ganzen - so gesehen, machen wir Gebrauchsmusik.“

Zink Tonsur arbeitet an der „Vertonung von Tennis“

Allenfalls sieben Sekunden lang allerdings wollen Les Trucs klingen wie Zirkusmusik. Was es aber reichlich geben wird, ist die Trucsche Variante des Zirkus-Trommelwirbels. „Ursprünglich wollten wir einen Roboter bauen, der über uns hängt und der den Trommelwirbel ganz mechanisch spielt“, erläutert Simon, „davon sind wir wieder abgekommen.“ Sie haben stattdessen in acht Drumpads investiert, elektronische Trommeln also. Zusammengeschaltet mit einer ganzen Reihe elektrischer Gerätschaften, steuert der Zwei-Personen-Zirkus von Les Trucs damit ein ganzes Orchester.

Überhaupt tendieren sie immer mehr zum Instrumentalen, vielleicht auch, weil sich gerade so viele neue Räume für das Duo auftun. Zink Tonsur etwa hat mit „Roland Garros“ ein Soloprojekt begonnen, mit dem er live elektronische, tanzbare Musik produziert, „die Vertonung von Tennis“, wie er es umschreibt. Zusammen mit Benjamin Bascom betreiben Les Trucs das Label MMODEMM, das elektronische Musik auf Musikkassetten vertreibt. Auch Partys mit Musikkassetten veranstalten die beiden in Frankfurt. „Es ist doch klassisch, dass Bands ihre Labels gründen - und wir kennen so viele tolle Leute, die elektronische Musik machen“, erläutert Simon ihre Motivation. Auf ihrer Wunschliste ganz oben steht ein eigenes Hörspiel. „Die meisten Dinge, die wir anfangen, sind Spaßprojekte“, sagt Zink Tonsur, „Es muss einfach gemacht werden.“

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