https://www.faz.net/-gzg-9vyca

Frankfurter DJane : Rock statt Rente

  • -Aktualisiert am

Elvira Weiss trägt schwarze Kleidung, wenn sie auflegt. „Das Outfit ist auch Schutz“, sagt sie. Bild: Marina Pepaj

Wenn Elvira Weiss auflegt, dann nennt sie sich DJ Vira. Schon in den Siebzigern stand die heute Vierundsechzigjährige an den Plattentellern, nun bringt sie die Zielgruppe „minus50plus“ zum Tanzen.

          3 Min.

          Stau im Treppenhaus der „Brotfabrik“. „Paint it Black“ von den Stones ist von oben zu hören. Doch Schwarzmalen möchte man nicht. Auch wenn es momentan nur im Schneckentempo vorangeht, wenn überhaupt. Was übrigens nicht etwa an der mangelnden Fitness der Generation „minus50plus“ liegt, die sich hier auf den Weg zur gleichnamigen Partyreihe macht – sondern an der enormen Beliebtheit der Veranstaltung: Bereits zum zweiten Mal an diesem späten Samstagabend gibt es einen vorübergehenden Einlassstopp wegen Überfüllung. „Das Warten lohnt sich“, verspricht eine Frau in der Schlange. Offenbar ein Stammgast.

          Rund 260 Partygänger tummeln sich im ersten Stock. Im großen Saal füttert Elvira Weiss, Jahrgang 1955, ihre beiden CD-Player mit Scheiben von Abba, Nirvana, Rammstein oder aktuellen Radiohits. Hin und wieder verlässt sie das DJ-Pult, um Stammgäste mit einer herzlichen Umarmung zu begrüßen. In der Sitznische gegenüber werden die runden Bistrotische zu Seite geschoben, um mehr Platz zum Tanzen zu schaffen. Die Musik ist nicht leiser als in Clubs mit jugendlichem Publikum, und es wird auch nicht weniger geflirtet.

          „Musik zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben“, erzählt Weiss, die sich beim Auflegen DJ Vira nennt, ein paar Tage später bei einem Treffen in der Frankfurter Innenstadt. In ihrem Elternhaus wurde viel Klassik gehört. Mit vier Jahren kam sie zum Ballett. Als Jugendliche wollte sie Profitänzerin werden. „Mein Vater bestand aber darauf, dass ich mein Abitur mache.“ Aufgewachsen ist sie in Gelnhausen. Über befreundete US-Soldaten, die dort stationiert waren, entdeckte sie amerikanische Popmusik. Ihre Großeltern betrieben eine Tankstelle mit angeschlossener Volkswagen-Werkstatt. „Die Amerikaner waren ganz verrückt nach VW-Käfern“, erinnert sie sich.

          Erste weibliche DJ in Rhein-Main

          Mit dem Auflegen begann Weiss Mitte der Siebziger im Frankfurter Club „Cooky’s“. „Anfangs haben mich die Typen komisch angeguckt, und ich bekam Sprüche zu hören wie: Weißt du überhaupt, wofür die ganzen Knöpfe sind? Das hat sich aber schnell gelegt“, erzählt sie. Frauen an den Plattentellern, das gab es damals kaum. „Ich war der erste weibliche DJ im Rhein-Main-Gebiet“, sagt Weiss. Die Bezeichnung DJane lehnt sie ab. „Das geht für mich gar nicht.“ Im „Cooky’s“ lernte Weiss auch ihren Mann Rainer kennen, der 1985 nach Frankfurt gezogen war, um eine Stelle als Lektor beim renommierten Suhrkamp Verlag anzutreten. Als sich der erste von zwei Söhnen ankündigte, beendete Weiss ihre DJ-Karriere.

          Anfang der Nullerjahre wurde sie von Franz Zlunka, dem Wirt des Literaturhauses, überredet, auf einer Silvesterparty aufzulegen. „Er meinte: Du hast doch noch die alten Platten. Doch die hatte ich mir inzwischen komplett ruiniert, weil ich glaubte, sie nass abspielen zu müssen“, erzählt Weiss. „Dafür habe ich Leitungswasser verwendet, was man niemals tun sollte, weil es die Rillen verkalkt.“ Weiss stieg auf CDs um und nahm, nach einigem Zögern, die Herausforderung an. „Die nächsten drei Monate habe ich zu Hause gesessen und mich unter meinen Kopfhörern versteckt.“

          Die Party wurde ein Erfolg. Ein begeisterter Gast engagierte Weiss für seine Geburtstagsfeier. Dort entstand die Idee zu einer regelmäßigen Disco für Menschen um die 50 Jahre. Was die Partytauglichkeit ihrer Generationsgenossen betrifft, sei sie anfangs durchaus skeptisch gewesen, gibt sie zu. „Ich dachte: Die Männer sind längst Couch-Potatoes geworden, und die Frauen trauen sich nicht so richtig“, sagt Weiss. Die Vorurteile bestätigten sich zum Glück nicht.

          Auch heute noch Lampenfieber

          Als das Literaturhaus 2005 vom Westend an den Main zog, fand die Partyreihe nach einem kurzen Zwischenspiel im English Theatre schließlich in der „Brotfabrik“ im Stadtteil Hausen eine neue Bleibe. Zu den Partys, die hier jeden letzten Freitag und zweiten Samstag im Monat stattfinden, kommen Gäste zwischen Mitte 30 und Ende 60, darunter viele Singles. „Ich weiß von vier Pärchen, die sich bei uns kennenlernten und inzwischen verheiratet sind“, sagt Weiss.

          Obwohl sie schon so lange im Geschäft ist, hat sie immer noch Lampenfieber. „Jeder Partyabend beginnt für mich mit einem Teller Spaghetti“, erzählt Weiss. „Die Kohlenhydrate beruhigen mich.“ Ab 21 Uhr steht sie dann hinter dem DJ-Pult, während ihr Mann, Jeans, Sneaker und Wollmütze auf dem Kopf, an der Tür den Einlass organisiert. Ihre eigene Arbeitskleidung: schwarz. „Das Outfit ist auch ein Schutz. Die Leute sollen sich nicht so sehr auf mich konzentrieren, sondern lieber auf die Musik.“ Fünf Stunden lang legt sie auf. Genauer: vier Stunden und 50 Minuten. Die letzten zehn Minuten eines jeden Abends mischt sich Weiss unter die Gäste auf der Tanzfläche.

          An Ruhestand will die Vierundsechzigjährige noch nicht denken. Ganz im Gegenteil. Seit eineinhalb Jahren legt sie in der „Brotfabrik“ zusätzlich zur „minus50Plus“-Disco alle zwei Monate bei der „Soul Fabrik“-Party auf. Dann gibt es Soul, Funk, Hiphop und R&B auf die Ohren.

          MINUS50PLUS: 31. Januar, 21 Uhr, Frankfurt, Brotfabrik, Eintritt 10 Euro

          Weitere Themen

          Glückwunsch, Hessen!

          F.A.Z.-Hauptwache : Glückwunsch, Hessen!

          Hessen wird 75 Jahre alt. Donald Trump setzt im Kampf gegen Corona auf das Mainzer Unternehmen Biontech. Das und was heute sonst noch wichtig ist in Rhein-Main, steht in der F.A.Z.-Hauptwache.

          Topmeldungen

          Schweinehälften werden einer Großfleischerei verarbeitet.

          Bundesweite Razzia : Ukrainische Praktikanten für die Fleischfabriken

          Eine Großrazzia bei mehreren Zeitarbeitsunternehmen bringt eine neue Masche für die Ausbeutung in der Fleischindustrie ans Licht. Der F.A.Z. sind drei der im Verdacht stehenden Unternehmen bekannt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.