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Business Women’s Day : „Deutsche Firmen fördern Frauen, aber befördern sie nicht“

Haben Sie eine Erklärung, warum ausgerechnet Deutschland so hinterherhinkt?

Wir haben sehr starke Geschlechter-Stereotype in Deutschland, die sich zäh halten. Auch, weil die Politik keine eindeutigen Signale sendet. Das Ehegatten-Splitting etwa ermuntert Frauen, in geringer Teilzeit zu arbeiten. In Schweden gibt es seit den siebziger Jahren kein Ehegattensplitting mehr, es galt seinerzeit schon als nicht mehr zeitgemäß. Dort gibt es stattdessen einen parteiübergreifenden Konsens darüber, dass Gleichstellung ein wichtiges gesellschaftliches Ziel ist, von dem alle profitieren, Männer wie Frauen. Dementsprechend hat man auch in den öffentlichen Unternehmen und Behörden durchgesetzt, dass es ein ausgeglichenes Verhältnis an Männern und Frauen in Führungspositionen gibt. Das hat Vorbildcharakter und ist ein starkes Signal.

Sie sehen einen Zusammenhang zwischen der Bereitschaft einer Gesellschaft, sich auf die Digitalisierung einzustellen und die Gleichberechtigung in der Berufswelt voranzutreiben?

Das sind ganz einfach zwei Symptome einer problematischen Grundhaltung, und die heißt mangelnde Veränderungsbereitschaft. Deutschland liegt in internationalen Rankings sowohl bei der Bereitschaft zur digitalen Transformation als auch bei der Erneuerung der Führungsmannschaften weit zurück. Das bestätigt ein aktuelles Monitoring des Bundeswirtschaftsministeriums. Die deutsche Wirtschaft ist traditionsorientierter als die in den angelsächsischen und skandinavischen Ländern. Sie funktioniert nach dem Motto: „So haben wir das schon immer gemacht, damit sind wir immer gut gefahren.“ Es lief ja auch ganz gut bislang, die Notwendigkeit für Veränderungen erschien bisher nicht groß genug.

Ihre Einschätzung muss jede beruflich engagierte deutsche Frau ernüchtern.

Solange diese Ungleichheit als Frauenthema betrachtet wird, mit dem sich Frauen beschäftigen, wird man in Deutschland nicht weiterkommen. Das ist natürlich eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, und dementsprechend müssen die Männer mit in die Diskussion einbezogen werden. Die Männer gehören auf die Podien, sie müssen die Lösung mit erarbeiten, denn sie sitzen in den Positionen, sie haben die Macht, die Dinge zu verändern, und sie sind auch in der Pflicht, die Dinge zu verändern.

Gibt es Hoffnung auf Veränderung?

Wenn wir uns im aktuellen Tempo weiterentwickeln, dann bräuchten wir noch 22 Jahre, um einen Frauenanteil von 40 Prozent im Top-Management zu haben.

Das klingt furchtbar.

Es hieße, dass jeder, der heute über 45 Jahre alt ist, das in seiner Berufslaufbahn nicht mehr erlebt. Ich denke aber, dass es schneller gehen wird. Die junge Generation erwartet heute schon ganz selbstverständlich von einem Unternehmen, dass es für Chancengleichheit und Diversität ebenso sorgt wie für Nachhaltigkeit. Das hat auch der Fall Zalando gezeigt. Die Entwicklung wird nicht linear verlaufen, sondern der Frauenanteil wird exponentiell steigen, weil jetzt immer mehr Unternehmen aufwachen und begreifen, dass eine erfolgreiche Weiterentwicklung nur mit Frauen in der Führung zu haben ist.

Zur Person, zur Stiftung Wiebke Ankersen ist promovierte Skandinavistin. Seit 2016 leitet sie gemeinsam mit Christian Berg in Berlin die deutsche Schwesterniederlassung der schwedischen Allbright Stiftung. Sie wurde 2011 vom schwedischen Unternehmer Sven Hagströmer in Stockholm gegründet und setzt sich für mehr Frauen und Diversität in den Führungspositionen der Wirtschaft ein. Nach Angaben von Ankersen hat der heute 75 Jahre alte Hagströmer selbst die Erfahrung gemacht, dass seine Geschäfte besser liefen, wenn er sie an Männer und Frauen gleichermaßen übertragen hatte. Von der Richtigkeit dieses Handelns, so Ankersen, wolle Hagströmer auch seine überwiegend männlichen Mitunternehmer überzeugen. Allbright präsentiere dazu Fakten und sei, so Ankersen, keine klassische Frauenorganisation.

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