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Frankfurter Buchmesse : Weniger Umsatz, mehr Inhalt

Der Himmel hängt voller Bücher: Die Frankfurter Buchmesse hat begonnen und dauert bis Sonntag. Am Wochenende steht sie allen Besuchern offen. Bild: Schmitt, Felix

Nun ist die Frankfurter Buchmesse 2012 eröffnet. Die Zeit hat auch hier ihre Spuren hinterlassen: der Buchmarkt schrumpft, die Bücherschau verändert sich.

          In Neuseeland leben auf jedem Quadratkilometer durchschnittlich 16 Menschen. In Frankfurt, sagte Bill English, stellvertretender Premierminister des Pazifikstaates, gestern Abend auf der Eröffnungsfeier der Frankfurter Buchmesse, sei die Quote seiner Landsleute auf derselben Fläche derzeit vermutlich weit höher. Neuseeland, das Außenminister Guido Westerwelle (FDP) wegen gemeinsamer Werte als „am weitesten entferntes Nachbarland“ der Bundesrepublik bezeichnete, ist in diesem Jahr Gastland der Bücherschau, die knapp 7400 Aussteller aus 104 Ländern und rund 280000 Besucher erwartet.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die größte Bücherschau der Welt, die als der wichtigste internationale Marktplatz für den Handel mit Buchrechten und Lizenzen gilt, beginnt in einem Augenblick, in dem der deutsche Buchmarkt das zweite Jahr in Folge schrumpft. Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, verkündete gestern aktuelle Zahlen und sagte, seit Anfang des Jahres habe sich der Umsatz des deutschen Buchhandels um zwei Prozent verringert. Dem stationären Buchhandel gehe es, rechne man auf weniger bedeutenden Wegen erzielte Umsätze heraus, noch schlechter. Das Geschäft der großen Buchhandelsketten und der inhabergeführten Buchhandlungen sei von Januar bis September um 4,7 Prozent zurückgegangen.

          Auch das E-Book hilft nicht

          Da helfe es auch nicht, dass das E-Book in diesem Jahr auf dem deutschen Markt erstmals wirklich erfolgreich sei. Sein Anteil am Gesamtumsatz der Buchbranche werde sich bis Ende des Jahres von einem auf zwei Prozent verdoppeln. Hoffnung setze er vielmehr auf den unabhängigen Buchhandel, der noch vor einigen Jahren totgesagt worden sei. Angesichts der massiven Probleme der großen Ketten schlage nun seine Stunde. Zu verzeichnen seien in Städten und auf dem Land seit einiger Zeit zahlreiche Neueröffnungen von Buchgeschäften. Allerdings müssten ihre Eigner Einfallsreichtum beweisen, um Kunden dauerhaft an sich zu binden. Honnefelder appellierte an die Bundesregierung, der Buchbranche nach der gesetzlichen Festschreibung der Buchpreisbindung vor zehn Jahren ein weiteres Zeichen der Unterstützung zukommen zu lassen und die Mehrwertsteuer für E-Books zu senken.

          Das große Reizwort der Vorjahresmesse und der vergangenen Monate, den urheberrechtlich abgesicherten Schutz des geistigen Eigentums, griff gestern außer Westerwelle nur der hessische Justizminister Jörg-Uwe Hahn (FDP) auf. Buchmessendirektor Juergen Boos hatte am Vormittag vielmehr das Bild eines Buchmarktes gezeichnet, dessen von der Digitalisierung veränderte Wertschöpfungskette sich in Zukunft noch stärker auf das gemeinsame Herstellen und Nutzen literarischer Inhalte ausrichten werde. „Ich muss nicht alles besitzen, ich muss es nur noch nutzen können, wann immer ich will.“ Die Frage, wer wem für welche Inhalte wann wie viel Geld zahlt, ließ Boos dabei unbeachtet.

          Wii U, Wonderbook und Smartphones

          Er hob die Notwendigkeit hervor, die Messe Veränderungen dieser Art abbilden zu lassen. In den nächsten Tagen zeigt Nintendo in den Messehallen daher seine TV-Konsole Wii U, während Sony sein „Wonderbook“ präsentiert. Die Buchmesse, sagte der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD), sei in den vergangenen Jahren endgültig zur Inhaltsmesse geworden. Hersteller von Computerspielen oder Smartphones benötigten Inhalte. „Sie bekommen sie in Frankfurt.“ Auch Hahn nahm auf Frankfurt Bezug. Er habe sich sehr über den im Römer vergebenen Deutschen Buchpreis für Ursula Krechels Roman „Landgericht“ gefreut. Als derzeitiger Vorsitzender der Justizministerkonferenz nehme er das als Auftrag: „Wir sollten uns intensiver mit der nationalsozialistischen Vergangenheit unserer Justiz auseinandersetzen.“ Die Buchmesse endet am Sonntag.

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