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Frankfurter Buchmesse : Eine Art von Katalyator

Glaubt an die Zukunft des – wenn auch nicht zwangsläufig gedruckten – Wortes: Jürgen Boos, Geschäftsführer der Frankfurter Buchmesse. Bild: Michael Braunschädel

Die Frankfurter Buchmesse versteht sich als Ideenfest, Handelsplattform und Forum für den Disput. Ihr Direktor rechnet mit einer lebhaften Zukunft.

          Als feststand, dass er die Frankfurter Buchmesse leiten würde, sei er einbestellt worden, beschreibt Jürgen Boos schmunzelnd seine erste Begegnung mit dem, was er Frankfurter Stadtgesellschaft nennt. Das Einbestellen bestand darin, dass ihn Friedrich von Metzlers zu einem Abendessen einlud. „Ich muss doch wissen, wer unsere Buchmesse übernimmt“, habe der Frankfurter Banker und engagierte Mäzen unumwunden sein Motiv dargelegt.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Die Szene beschreibt für Boos, der seit 2005 Direktor der Frankfurter Buchmesse ist, das besondere Verhältnis der Frankfurter zur Bücherschau und ihrer Stadt. „Ich habe in München in London in Berlin gelebt. Aber das habe ich nirgends so kennengelernt. Diese Stadtgesellschaft fühlt sich verantwortlich für das, was in ihrer Stadt passiert“. Ohne Tadel ließ Boos die Stadt als Redner der Wirtschaftsgespräche gestern in Frankfurt aber dann doch nicht davonkommen. Anderswo wisse etwa die Politik eher, um die Bedeutung einer Buchmesse: „Ich würde mir schon wünschen, dass der Oberbürgermeister etwas stolzer auf das ist, was er hier hat“, rügte er. Damit meint der 1961 in Lörrach geborene Boos beispielsweise, dass die Frankfurter Buchmesse „der größte Handelsplatz der Welt für geistiges Eigentum“ ist. Dass sie seit vielen Jahren mehr als 7000 Aussteller aus dem In- und Ausland nach Frankfurt bringt. Im vergangenen Jahr waren es 7300 aus 102 Ländern, die rund 280.000 Besucher kamen aus 150 Ländern der Erde.

          Von Bücherschau zu Ideenfestival

          Eine Veranstaltung, deren Gegenstand seit Gutenberg das gedruckte Wort war, steht im Zeitalter des Internets, der Digitalisierung vor großen Herausforderungen. Für Boos ist das aber keine unlösbare Aufgabe. Die Buchmesse vollzieht diesen Wandel aktiv mit, ist längst von einer Bücherschau zu einem Ideenfestival geworden, wie er sagt. Wer vom Chef der Buchmesse einen larmoyanten Vortrag über den nachlassenden Absatz des gedruckten Buches erwartet, wartet vergebens.

          Dass das gedruckte Buch Schwierigkeiten hat, sich gegen die vielen anderen Formen der Information und Unterhaltung zu behaupten, bestreitet Boos keinen Moment. Wohl aber den Schuss daraus, dass nicht mehr gelesen werde. Gelesen werde nach wie vor, selbst dann, wenn man einen Text per Smartphone abrufe. Chancen für Buchautoren und ihre Stoffe sieht er auch in der Renaissance von Serien durch Streaming-Giganten wie Netflix. Das Format sei besser als Spielfilme dafür geeignet, die komplexen Geschichten aus Büchern zu erzählen.

          Anfänge ohne Dach

          1949, nachdem in Nazi-Deutschland Bücher verbrannt statt gelesen worden waren, fängt die Buchmesse nach dem Krieg wieder an in der noch zerstörten Paulskirche – ohne Dach, mit einer Plane über die Mauern gespannt. Ins Ausland geflohenen Verleger und Autoren kommen zurück, um zu sehen, was geschehen war.

          Die Buchmesse ist immer auch politische Veranstaltung. Natürlich auch 1968. „Bis in die achtziger Jahre waren wir nicht nur Börse und schon etwas Literaturfest, sondern auch Ort politischer Auseinandersetzung“, sagt Boos. Beispielsweise als Franz-Josef Strauß 1968 zu einer Signierstunde kommt, was heftige Studentenproteste auslöst. Der Nato-Doppelbeschluss von 1979, bei dem es um die Stationierung von Atomraketen und Marschlfugköpern in Westeuropa geht, sorgte ebenfalls für heftige Kontroversen. Hochpolitisch schließlich auch der Ausschluss des Iran als Reaktion auf das Todesurteil des Ajatollah Chomeini gegen den Schriftsteller Salman Rushdie, nachdem der 1988 seine „Die satanischen Verse“ veröffentlicht hatte. Es ist einer der wenigen Fälle gewesen, in denen die Buchmesse jemanden ausgeschlossen hat.

          Meinungsäußerungen jeder Couleur

          In diesem Zusammenhang verteidigt Boos es einmal mehr die Entscheidung der Buchmesse, Verlage der Neuen Rechten in Frankfurt zuzulassen. Sein Haus sei der Tradition verpflichtet Meinungsäußerungen jeder Couleur zuzulassen, solange sie nicht gegen das Grundgesetz und andere Gesetze verstoße. Für ihn steht außer Frage, dass es auch auf den nächsten Buchmessen Auseinandersetzungen in dieser Sache geben wird.

          Werner D‘Inka, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Moderator der Veranstaltung, vermutete in der Fragerunde, dass die Auswahl der Gastländer der nächsten fünf Jahre, nämlich Norwegen, Canada, Spanien, Slowenien und Italien, dem Wunsch geschuldet sein könnte, Länder ohne größere innere Konflikte einzuladen. Dem widersprach Boos mit dem Hinweis, dass jedes Land spätestens mit der Vorbereitung auf die Rolle als Gastland der Buchmesse Konflikte offenbare, die auf der Buchmesse dann diskutiert würden.

          Dass Spanien die Frage des Separatismus auch mit auf die Messe bringen wird, liegt nahe. Boos rechnet aber auch damit, dass Norwegens ökologische Sünden genau so auf der Buchmesse Thema sein werden, wie der heikle Umgang der Kanadier mit den Ureinwohnern des Landes. Die Frankfurter Buchmesse als Katalysator gesellschaftlicher Diskussionen also. Eine Rolle in der die alte Frankfurter Buchmesse ihrem Direktor durchaus Freude bereitet.

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