https://www.faz.net/-gzg-92nu3

Frankfurter Buchmesse : Bücher hinter Gittern

Viele Holzleisten, endlose Buchreihen: Im französischen Ehrengast-Pavillon. Bild: Maria Klenner

Der französische Gastland-Pavillon präsentiert auf naturbelassenen Holzregalen Werke aus der frankophonen Welt. Ist die geschäftige Buchmesse ein geeigneter Ort, sich in einem Buch zu verlieren?

          Designstudenten aus Saint-Étienne haben den Pavillon entworfen, der gestern um die Mittagszeit schon dem Besuch von Angela Merkel und Emmanuel Macron entgegenzufiebern schien. Rotgestreiftes Absperrband trennte ihn in zwei Teile, viel Polizei war unterwegs und auch französische Gendarmerie, darunter gesetzte Herren, die wie dem Französisch-Buch entsprungen wirkten.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Überall wuselten Mitarbeiter herum, die etwas mit dem Auftritt des Gastlandes Frankreich auf der Frankfurter Buchmesse zu tun hatten, eine gewisse nervöse Nonchalance machte sich breit, eine leicht überreizte Stimmung, schließlich wird es nun eine knappe Woche lang Hunderte von Lesungen und andere Veranstaltungen geben. Das Gastland-Programm „Frankfurt auf Französisch“ geht in die heiße Phase.

          Der visuelle Eindruck des Pavillons ist der einer gewissen Nüchternheit. Naturbelassene Holzleisten bilden endlose Reihen von Regalen. Alles sieht ein wenig verbastelt, aber überaus stabil aus. Die traditionellen Büchermöbel durchziehen den gesamten Raum, bilden Nischen und offerieren eine unüberschaubare Zahl von Büchern. Und digitalen Medien. Und zwischendrin zur Abwechslung eine Druckerpresse. Bei den hölzernen Verstrebungen, hinter denen die Publikationen aufgestellt sind, denkt man unwillkürlich auch an Gitter, Käfigstäbe, Verbarrikadierungen, was allerdings nicht im Sinne der Gestalter ist. Diese wollten, warum auch immer, nicht nur Regale schaffen, sondern auch an ein Baugerüst erinnern. Sie haben die einzelnen Abteilungen mit großen Schildern versehen: „La grande Bühne“ steht da zum Beispiel in Riesenlettern, damit auch keinerlei Zweifel bleiben, dass sich hier demnächst Autoren leibhaftig vorstellen.

          Vielfalt an beiden wichtigen Märkten

          Es sei darum gegangen, die gesamte Vielfalt der frankophonen Literatur abzubilden, sagt Frédéric Boyer, der als literarischer Berater des Ehrengast-Auftritts fungiert. Und man habe die Idee der Gastfreundschaft in den Mittelpunkt gestellt. Dazu gehöre es, auf die Vielzahl der Übersetzungen hinzuweisen, die es von französischsprachigen Büchern gebe.

          Wie ist die Lage derzeit? „Sehr gut“, findet Boyer, Deutschland sei ein wichtiger Markt für Übersetzungen aus dem Französischen. Es sei die zweithäufigste Sprache, aus der Bücher ins Deutsche übertragen werden. In Frankreich stehe die deutschsprachige Literatur an dritter Stelle, nur aus dem Englischen werde mehr übersetzt. Und aus dem Japanischen. Was mit der Vorliebe der Franzosen für Mangas zu tun habe. Wo das Nachbarland doch selbst zahlreiche erstklassige Comic-Zeichner hervorbringt und gerade mit Graphic Novels auf dem deutschen Markt sehr präsent ist, wie man auch in dieser Ausstellung sehen kann.

          F.A.Z.-Newsletter Familie
          F.A.Z.-Newsletter „Hauptwache“

          So beginnt der Tag in Frankfurt und Rhein-Main: das Wichtigste in Kürze, mit Hinweisen auf mobile Blitzer, Straßensperrungen, Gaststätten.

          Dass die kulturelle Verbindung zwischen Deutschland und Frankreich nicht der Geschichte angehört, wird einem bewusst, wenn man gleich am Eingang das neue Buch von Michel Houellebecq hinter der Vergatterung hervorholt: Zwar schreibt er im Vorwort, es beschleiche ihn das Gefühl, dass seit 1860 nichts wirklich Bedeutendes mehr gedacht worden sei, dann aber interpretiert er Abschnitte aus Schopenhauers „Die Welt als Wille und Vorstellung“ auf eine äußerst originelle Weise.

          Ist das nun hier der richtige Ort und der angemessene Zeitpunkt, um sich in eine Lektüre zu vertiefen? Die Geschäftigkeit rundherum suggeriert das Gegenteil, aber nein, für einen Moment fühlt es sich gut an, in eine Gedankenwelt zu entfliehen, die zwischen zwei Buchdeckeln zur Verfügung gestellt wird, und sich darüber zu freuen, dass der deutsch-französische Austausch noch fruchtbar ist. Und wenn uns danach ist, kommen wir morgen wieder, um Autoren dabei zuzusehen, wie sie höchstselbst die erste Seite ihres zuletzt in Deutschland erschienenen Buchs auf der nachgebauten Gutenberg-Presse drucken.

          Weitere Themen

          Feuer löst Stromausfall aus

          Neu-Isenburg : Feuer löst Stromausfall aus

          Fast ein Zehntel der Neu-Isenburger Einwohner mussten kürzlich auf ihren Strom verzichten. Denn durch einen Brand kam es zum Ausfall. Der Ursprung des Feuers war nicht sofort auffindbar.

          Pfefferspray-Attacke in Linienbus

          Marburg : Pfefferspray-Attacke in Linienbus

          In einem Marburger Linienbus wurden mehrere Menschen bei einer Pfefferspray-Attacke verletzt. Der Hintergrund der Tat ist unklar. Die Polizei hat Verdächtige festgenommen.

          Topmeldungen

          Schlechte Laune im Osten? Das stimmt nicht so ganz.

          Ostdeutschland : Woher die schlechte Laune?

          Steht es dreißig Jahre nach dem Ende der DDR wirklich so schlimm mit der deutschen Einheit und dem Osten? Nein. Die krasse Fehleinschätzung hat auch etwas mit denen zu tun, die heute die politische Meinung im Osten mitprägen.
          Pendler auf der London Bridge

          Mobilität : Wie London die Verkehrsflut meistert

          Die größte Stadt Europas baut ihr Bahnnetz aus und nutzt Big-Data-Analysen, um die U-Bahn zu verbessern. Ein anderes Verkehrsmittel soll hingegen aus der City verbannt werden – und das schon diesen Sonntag.
          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.
          „Je suis climate“: Eine junge Frau protestiert fürs Klima.

          Bei Klimaprotesten : Ausschreitungen und Festnahmen in Paris

          Zerschlagene Fensterscheiben, brennende E-Scooter, geplünderte Geschäfte: In Paris haben sich Gewaltbereite unter Klimademonstranten gemischt und sich Gefechte mit der Polizei geliefert. Auch etliche „Gelbwesten“ zogen durch die Stadt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.