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Eröffnung der Buchmesse : Unter erschwerten Bedingungen

Im kleinen Kreis: Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU, links) und Karin Schmidt-Friderichs, die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, teilen sich die Bühne mit Moderatorin Vivian Perkovic. Bild: dpa

Diesmal leider nur ein Livestream: In der Festhalle wird die „Special Edition“ der Buchmesse eröffnet. Mit knapp 4500 digitalen Ausstellern. Aber ohne Publikum.

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          Die „leibliche Messe“ sei durch nichts zu ersetzen, sagt Juergen Boos in die leere Festhalle. „Ich bin sehr enttäuscht, dass wir die physische Messe nicht abhalten können“, fügt der Direktor der Buchmesse hinzu: „Aber wir hoffen, dass auch unsere digitale Messe Verbindungen schafft. Wir brauchen sie mehr denn je.“

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Eröffnungsfeier zur „Special Edition“ der Bücherschau soll „Signale der Hoffnung“ senden. Die Redner greifen das Motto auf. „Bücher geben uns Hoffnung“, sagt der kanadische Premierminister Justin Trudeau in einer Videobotschaft. Kanada wird im Herbst 2021 als Gastland zurückkehren. Hoffnung sei ein Anker, der aus einer „erstickten, verzweifelten Existenz“, in eine „bessere, freiere Zukunft“ geworfen werde, sagt Friedenspreisträger David Grossman, der als literarischer Redner aus seinem Haus bei Jerusalem zugeschaltet wird: „Wenn er geworfen wird, hält er an der Zukunft fest und die Menschen, manchmal eine ganze Gesellschaft, beginnen, sich auf sie zuzuziehen.“

          „Ein surreales Gefühl“

          Zu sehen sind am Dienstag in der Halle jedoch nur einzelne Zuhörer, die gerade beruflich vor der ARD-Buchmessenbühne zu tun haben. „Es ist ein surreales Gefühl, mit so wenig Menschen in einer solchen Halle zu stehen“, sagt der hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen). So wird es bis Sonntag bleiben. Da die Zahl der Corona-Neuansteckungen in Frankfurt zunimmt und der Inzidenzwert steigt, hatte die Buchmesse schon am Montag entschieden, die ursprünglich vorgesehenen 450 Zuschauer nicht zu Veranstaltungen in der Festhalle zuzulassen.

          Die Lesungen von „Bookfest City“ und „Open Books“ hingegen sind für weniger Besucher gedacht, gestatten das Einhalten und Kontrollieren der Abstandsregeln und finden nach derzeitigem Stand statt.
          Immerhin etwas. Denn eine Messe wie die des Corona-Herbstes ersetze auf keinen Fall die persönliche Begegnung, sagt Boos. Es sei schwierig, im Digitalen das gerade für Fachbesucher nötige geschäftliche Vertrauen herzustellen: „Aber das Digitale ergänzt uns, bringt uns größere Reichweite und wird bleiben.“ Die Pandemie-Messe sei eine Lerngelegenheit: „Wir probieren es jetzt aus. Und tun unser Bestes, die Institution zu bewahren.“ Er habe Hoffnung für die Zukunft der Branche: „Und die der Frankfurter Buchmesse.“

          Aus der Not eine Tugend gemacht

          „Ich finde es sehr mutig, dass man in einer solchen Situation nicht alles absagt“, lobt der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU): „Die Buchmesse ist der Beweis, dass wir auch unter erschwerten Bedingungen Großes leisten können.“ Hessen sei stolz auf die international bedeutendste Messe ihrer Art: „Was wir heute machen, passt zu unserem Land.“ Sein Kabinett hatte schon im Frühjahr finanzielle Unterstützung zugesagt.

          Von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) wird die Buchmesse auch aus dem Bundeshaushalt gefördert. Boos habe aus der Not eine Tugend gemacht, sagte sie: „Für die Nervenstärke danke ich Ihnen.“ Angemeldet haben sich für die Bücherschau, die 2019 rund 7500 Aussteller zählte, knapp 4500 digitale Aussteller aus mehr als 100 Ländern, rund 2000 von ihnen für den Handel mit Rechten und Lizenzen, den wirtschaftlichen Kern der Bücherschau.

          Der Krise die Stirn geboten

          Die Buchbranche habe der Krise die Stirn geboten, sagte Börsenvereins-Vorsteherin Karin Schmidt-Friderichs. Nach Angaben der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) hätten 17 Prozent der Deutschen während der Pandemie erstmals davon erfahren, dass sie Bücher im Internet nicht nur beim großen Versandhändler, sondern auch im Online-Shop einer Buchhandlung in ihrer Nähe bestellen könnten. Das seien 11,5 Millionen Menschen. Rund eine Million habe diese Möglichkeit genutzt.

          Buchhandel und Verlage liegen ihren Angaben zufolge nach den ersten drei Quartalen dieses Jahres nur noch um 4,3 Prozent hinter dem Vorjahreszeitraum zurück. Eine rasche Aufholjagd: Nach dem Ende des Lockdowns im Frühjahr hatte das Minus noch 15 Prozent betragen. Sie wendet sich an die Verleger und Buchhändler, die dem Branchenverband angehören: „Nach Corona wird es kein Zurück geben.“ Also müsse die Buchmesse sich neu erfinden. Zusammen mit den Verlagen, Buchhändlern, Autoren, Besuchern und Berichterstattern. „Wir werden wissen wollen, welche Aspekte des bunten Reigens Sie lieber live und lieber digital hätten. Wir werden Ihnen zuhören.“

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