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„Frankfurter Bierkrawall“ : Als teures Bier zum Tode führte

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Kein Bierausschank: Deshalb bleibt in dieser Szene, die an den Bierkrawall erinnern soll, alles friedlich. Bild: Abbildung Institut für Stadtgeschichte

Vor 140 Jahren entlud sich der Zorn der Arbeiter im „Frankfurter Bierkrawall“. Zuvor war der Preis für Bier auf der Frühjahrsmesse um zwölf Prozent angehoben worden.

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          Auf der Dippemess’ schieben sich die Besucher gemächlich zwischen Losständen, Würstchenbuden und blinkenden Fahrgeschäften hindurch. In den Bahnen kreischen Jugendliche und in den Zelten wird gegrölt. Kinder stopfen sich große Fetzen Zuckerwatte in die Münder, Erwachsene trinken sich ihr Glück mit Bier und Apfelwein herbei. Trotz niedriger Temperaturen sehen alle friedlich und vergnügt aus. Auch wenn es hier immer wieder Reibereien geben mag - an Proteste oder gar an Revolten denkt bei diesen Bildern niemand.

          Vor 140 Jahren dagegen herrschte auf der Frankfurter Frühjahrsmesse, dem Vorgänger der heutigen Dippemess’, eine aggressive Stimmung. Grund dafür war eine Erhöhung des Bierpreises um mehr als zwölf Prozent. Seit Jahren gab es das Bier für einen „Batzen“, also für vier Kreuzer. Vom 1.April 1873 an sollte es viereinhalb Kreuzer kosten. Das war umso ärgerlicher, da es keine halben Kreuzermünzen gab. De facto musste man daher fünf Kreuzer für ein Bier bezahlen und erhielt dazu einen Gutschein für den Restbetrag. Der durfte aber nur in derselben Wirtschaft eingelöst werden. Zunächst nahmen die Frankfurter den neuen Preis der Brauereien zähneknirschend hin. Am letzten Tag der Messe aber entlud sich die angetaute Wut über das verteuerte Bier. Es folgte die größte soziale Unruhe der Stadtgeschichte seit der Märzrevolution 1848: der Frankfurter Bierkrawall.

          Arbeitsfrei am letztes Tag der Messe

          „Bier war damals ein Grundnahrungsmittel für die Arbeiterschaft“, sagt Historiker Ralf Roth von der Goethe-Universität. Es habe eine zentrale Rolle im Leben der Menschen gespielt, auch weil es als Fluchtmittel aus der tristen Realität diente. Im Jahr 1866 hatte Preußen die bis dahin freie Reichstadt Frankfurt annektiert. Nach der Öffnung der Stadt wanderten viele Hilfsarbeiter und Tagelöhner zu, und die sozialen Sicherungssysteme reichten nicht mehr aus. Die Unterschicht im 19.Jahrhundert habe am Existenzminimum gelebt, sagt Roth. Deshalb sei eine Preissteigerung von einem halben Kreuzer eine große Einschränkung für die schlecht verdienende Arbeiterschaft gewesen.

          Der letzte Tag der Frühjahrsmesse war traditionell arbeitsfrei. So auch im Jahr 1873. Am Bleichgarten an der Breiten Gasse findet daher am 21.April ein Volksfest statt. Schon in den Tagen zuvor wettern die Frankfurter gegen die höheren Bierpreise. Gegen vier Uhr Nachmittag schließen sich in der aufgeheizten Stimmung etwa 100 Unzufriedene zusammen und ziehen angetrunken durch die Innenstadt. Zu den Alkoholisierten stoßen schnell weitere Protestler hinzu. Aus einem roten Vorhang bauen sie eine Fahne und skandieren: „Mir wolle Batzebier, mir wolle Batzebier!“

          Das 81. Infanterie-Regiment kommt

          Am frühen Abend beginnen die Demonstranten in all den Gaststätten zu randalieren, die an der Preiserhöhung festhalten. Sie zerschlagen Gläser und Möbel und kippen das Bier auf die Straße. In der Brauerei Schwager an der Neuen Mainzer Straße wehren sich die Brauknechte, indem sie heißes Bier auf die Angreifer gießen. Doch die wütenden Demonstranten zeigen sich unbeeindruckt: Innerhalb weniger Stunden zerstören sie zahlreiche Gastwirtschaften und Brauereien. Die Frankfurter Polizei mit ihren 53 Schutzleuten ist von den Ausschreitungen heillos überfordert und zieht sich in ihr Reviergebäude zurück. Dort bewirft sie der wütende Mob mit Steinen.

          Weil sich die Masse nicht beruhigt, wird das 81.Infanterie-Regiment der preußischen Armee zur Hilfe gerufen, das seit der Besetzung der Stadt 1866 vor den Toren lagert. Sechs Kompanien schicken die Preußen zur Niederschlagung der Unruhen. Auf der Fahrgasse treffen die Soldaten auf die Demonstranten. Da sich der Protestmarsch nicht auflösen will, schießen die Preußen wahllos in die Menge. Die Kämpfe in der ganzen Stadt dauern noch bis in die Nacht an. Die Folgen des Tages sind dramatisch: 20 Menschen werden getötet, unter ihnen eine unbeteiligte Passantin und ein Kind. 300 Verdächtige werden festgenommen, 47 davon angeklagt und zu Gefängnisstrafen verurteilt. Nach dem Bierkrawall kündigen die Brauereien an, die Preiserhöhung zurückzunehmen. Die Polizei beschließt ihre Truppe auf 120 Mann zu verstärken.

          „Ein direkter politischer Hintergrund ist beim Bierkrawall schwer auszumachen“, sagt Historiker Roth. Vielmehr sei der Protest ein Ausdruck der misslichen sozialen Lage der Unterschicht gewesen. Gewaltsame Proteste im Zuge einer Preiserhöhung sind im heutigen Deutschland kaum vorstellbar. Im späten 19. Jahrhundert waren solche Ausschreitungen aber keine Seltenheit. In Stuttgart und Mannheim war es schon vor dem Bierkrawall zu Protesten wegen hoher Preise gekommen. Ein Arbeiter gab durchschnittlich etwa die Hälfte seines Geldes für Nahrung aus. „Heute spielen Lebensmittel in den Budgets der Leute nicht mehr eine so große Rolle“, sagt Roth. Auf der diesjährigen Dippemess’ sind Revolten deshalb denkbar unwahrscheinlich. Trotzdem ist es gut zu wissen, dass der Bierpreis im Festzelt unverändert geblieben ist.

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