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Finanz-Affäre : Präsidium der Frankfurter Awo tritt zurück

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Folgen der Frankfurter Awo-Affäre: Das Präsidium des Kreisverbands ist zurückgetreten. Bild: dpa

Seit Wochen steht die Frankfurter Awo in der Kritik wegen überhöhter Gehälter und teurer Dienstwagen. Nun ist das komplette Präsidium des Kreisverbandes zurückgetreten.

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          Nach wochenlangen Forderungen personelle Konsequenzen: Das komplette Präsidium der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Frankfurt ist nun in der Affäre um überhöhte Gehälter und teure Dienstwagen zurückgetreten. „Ab sofort kann und muss die Awo Frankfurt reorganisiert werden. Wir haben die Weichen gestellt“, hieß in einer am Freitag veröffentlichten Mitteilung. Ein neues Präsidium soll am 18. Januar 2020 für eine Übergangszeit bis Ende nächsten Jahres gewählt werden. Zuvor war bereits der langjährige Geschäftsführer Jürgen Richter von seinem Amt zurückgetreten.

          „Zweifelsohne sind im Kreisverband Frankfurt Fehler gemacht worden“, hieß es in der Mitteilung des Kreisverbands. „Nach allem, was wir bis jetzt wissen, haben einzelne Personen, denen wir in der Vergangenheit vertrauten, wohl Maß und Mitte verloren.“ An den Bundesvorstand appellierte der Kreisverband, „kollegial und solidarisch die erforderlichen Prüfungen und Veränderungen zu unterstützen“. Und: „Die Wiederherstellung der Glaubwürdigkeit muss unser gemeinsames Ziel sein.“ Angesichts der schon seit längerem bestehenden Forderungen nach personellen Konsequenzen der Amtsträger hieß es: „Es wäre niemandem, am allerwenigsten der Awo, geholfen gewesen, die Arbeit aufgrund lautstarker Rücktrittsforderungen Dritter einfach „hinzuwerfen“.“

          Schwer durchschaubare personelle Verflechtungen

          Vertreter des Awo-Bundesverbands waren Anfang der Woche zu einer Prüfung nach Frankfurt gekommen und hatten von unerträglichen Zuständen gesprochen. Schwer durchschaubare personelle Verflechtungen der Kreisverbände Frankfurt und Wiesbaden erschwerten eine Kontrolle der ordnungsgemäßen Geschäftsführung oder machten sie gar unmöglich. Schon vor Wochen hatte der Bundesverband die Frankfurter Mandatsträger aufgefordert, ihre Ämter ruhen zu lassen, um eine „unbeeinflusste Aufklärung“ zu ermöglichen.

          In einer Stellungnahme am Freitag betonte der Awo-Bundesverband, wichtig sei nun, dass schnellstmöglich ein neues Präsidiums gewählt werde - „auch im Sinne der vielen Ehrenamtlichen und Mitarbeitenden in Frankfurt, die eine sehr gute Arbeit leisten.“ Rücktrittsforderungen gegen das gesamte Präsidium habe es nicht gegeben. Es sei um diejenigen gegangen, „deren andere geschäftlichen Interessen ihre Tätigkeit in der Awo beeinflussen. Wir sind davon überzeugt, dass dies auf die Mehrheit des Präsidiums nicht zutrifft“, hieß es.

          Awo will Aufklärung

          Für Aufklärung will auch der Kreisverband nach eigenen Angaben sorgen. Das Team des externen Compliance Officers habe am Freitag seine Arbeit aufgenommen, hieß es. „Er soll sich mit seinem Team sowohl um die unabhängige Aufklärung kümmern, als auch Richtlinien entwickeln, die künftig mögliches Fehlverhalten bereits im Ansatz verhindern. Darüber hinaus soll er neutrale Anlaufstelle für all diejenigen sein, die zur Offenbarung tatsächlicher oder vermeintlicher Missstände einen Ansprechpartner suchen.“

          Unter Compliance wird die Regeltreue von Unternehmen verstanden, was Gesetze, Richtlinien und freiwillig abgeschlossene Vereinbarungen angeht.

          Auch in Wiesbaden soll im Januar ein neuer Vorstand des Kreisverbands gewählt werden, berichtete der Kreisvorstand am Freitag. In einer Mitteilung der Ortsvereine des Wiesbadener Kreisverbands gab es scharfe Kritik an der bisherigen Situation: „Für die Vertreter aus unseren Ortsvereinen ist es nicht nachvollziehbar, welches Geschäftsgebaren die Geschäftsführungen und Kreisvorstände in Wiesbaden und Frankfurt an den Tag gelegt haben“, hieß es in einer Mitteilung. „Es ist unfassbar, dass die handelnden Personen selbst scheinbar keinen Zweifel an der Rechtmäßigkeit ihres Handelns hatten und keinen Interessenkonflikt sahen.“

          Staatsanwaltschaft ermittelt

          Die Vorgänge bei der Frankfurter Awo sowie im benachbarten Kreisverband Wiesbaden beschäftigen mittlerweile die Staatsanwaltschaften Frankfurt und Wiesbaden sowie das Revisionsamt der Stadt Frankfurt. Dabei geht es um den Verdacht des Betruges und der Untreue mit Geldern der Stadt. Auch das Finanzamt prüft den Frankfurter Verband.

          Der Awo-Bundesvorstand, der auf konsequente Aufklärung der Vorwürfe gegen den Frankfurter Kreisverband pocht, ist auch zu Schadensersatzforderungen entschlossen. „Der ideelle Schaden ist wahrscheinlich gar nicht in Ziffern zu fassen“, sagte Wolfgang Stadler, der Vorstandsvorsitzende des Awo-Bundesverbandes, am Dienstag nach dem ersten Prüftermin in Frankfurt. Awo-Präsident Wilhelm Schmidt sprach von „Verfehlungen, die wir nicht hinnehmen können.“ Geld, das womöglich veruntreut worden sei, wolle der Bundesverband „bis zum letzten Cent“ zurückholen.

          Der Frankfurter Awo-Kreisverband steht bereits seit Wochen in der Kritik. Es laufen Ermittlungen wegen des Verdachts des Betruges und der Untreue mit Geldern der Stadt. Für Aufregung sorgen auch Berichte über Luxus-Dienstwagen, teure Hotelübernachtungen und ungewöhnlich hohe Gehälter für einige Mitarbeiter.

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