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Awo-Affäre : Chefaufklärer mit Kampfnamen

Unterwegs auf einer Mission: Yanki Pürsün (links) am Abend der Landtagswahl im Römer mit dem Frankfurter FDP-Chef Thorsten Lieb und der Fraktionsvorsitzenden Anette Rinn Bild: Wonge Bergmann

In der Frankfurter Awo-Affäre ist FDP-Politiker Yanki Pürsün zum wichtigsten politischen Ermittler geworden. Der zurückhaltende Mann hat viele Quellen. Für ihn ist der Fall noch längst nicht erledigt.

          3 Min.

          Yanki Pürsün hat jetzt einen Kampfnamen: „Awo-Yanki“. So wurde der FDP-Politiker beim Dreikönigstreffen vergangene Woche vom eigenen Parteivorsitzenden genannt. Gejohle im Saal. Pürsün lächelte verlegen. Der 47 Jahre alte Stadtverordnete, der seit 2018 auch im Wiesbadener Landtag sitzt, ist kein Mann für laute Töne und große Auftritte, sondern einer für ruhige Worte und beharrliche Recherche. So hat sich Pürsün – groß, Brille, schlaksiger Gang – in den vergangenen Monaten durch Aktenberge und soziale Medien gefressen, hat Informanten getroffen und ist anonymen Hinweisen nachgegangen. Sein Ziel: die Machenschaften und Netzwerke der Frankfurter Arbeiterwohlfahrt (Awo) und die Rolle von Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) darin zu verstehen und aufzuklären. Pürsün ist sich sicher: „Das ist noch lange nicht erledigt.“

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Angefangen hat alles im Frühsommer 2019. Damals beschlossen die Stadtverordneten auf Wunsch der AfD einen Akteneinsichtsausschuss. Es ging dabei um umstrittene Rechnungen, die die Arbeiterwohlfahrt der Stadt für die Arbeit mit Asylbewerbern gestellt hatte. Pürsün ist Mitglied des Sozialausschusses, sitzt seit 2002 mit fünfjähriger Pause im Rathaus, kennt die Awo gut. Weil er außerdem Mitglied im Jugendhilfeausschuss ist, weiß der gebürtige Frankfurter mit türkischen Wurzeln genau, dass die Sozialverbände wichtige Arbeit leisten, aber immer auch Geld von der Stadt haben wollen. Steuergeld.

          Prüfung von Luxusurlaub und Mitarbeiterfunktionen

          Gleich bei der ersten Durchsicht der Akten stutzte Pürsün. Da gab es ein Ehepaar Richter, das zwei benachbarte Kreisverbände leitete und Leistungen miteinander abrechnete. Auch der Sohn der beiden spielte eine Rolle. Da trat ein Anwalt auf, der zugleich Awo-Mitarbeiter war. Da gab es Kontrolleure mit Exekutivfunktion. Und dann war da noch diese Reise nach Israel, bei der sich ein gutes Dutzend Awo-Leute ein Cannabis-Projekt anschauen wollten, elf Tage im Land blieben, in einem Luxushotel abstiegen und sich selbst im Internet dafür feierten, wie Pürsün feststellte. „Das alles passte nicht zu einem Sozialverband. Das Maß ist komplett verloren gegangen.“ Als er später dann prüfen wollte, was die Awo zum Thema Cannabis veröffentlicht hatte, fand er: nichts.

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          Als Mitte November auch noch bekannt wurde, dass Zübeyde Feldmann, die Frau des Oberbürgermeisters, als Leiterin einer Awo-Kita ein ungewöhnlich hohes Gehalt samt Dienstwagen erhalten hatte, stand der FDP-Politiker schon sehr gut im Stoff. Als einer der ersten forderte er vom Magistrat, die Vorgänge schnellstens aufzuklären und darüber zu informieren, „was tatsächlich vorgefallen ist“. Bis alles geklärt sei, dürfe die Stadt keine Verträge mehr mit der Awo schließen. Mittlerweile hat Pürsün ein gutes Dutzend Vorlagen mit Fragen und Forderungen eingereicht. Nicht wenige im Römer und im Landtag sehen in dem stillen Mann, der bislang eher als Hinterbänkler galt, den politischen Chefaufklärer in der Awo-Affäre.

          Die Rolle verdient hat sich Pürsün durch Fleiß und Hartnäckigkeit. Seit November saß der Luftverkehrskaufmann nach eigenen Worten an manchen Wochenenden bis Sonntagabend am Rechner und recherchierte: Wer kennt wen? Wer hat sich mit wem wo warum getroffen? Welche Leistungen wurden erbracht? Wer hat dafür gezahlt?

          „Nur die Spitze des Eisbergs“

          Weil sich Pürsün früh öffentlich äußern konnte, prasselten die Hinweise aus allen Richtungen auf ihn ein. Oft war es nur ein Puzzleteil, das, alleine betrachtet, nicht interessant gewesen wäre. Weil er aber die Zusammenhänge kannte, konnte er die Teile zusammenlegen. „Bald war mir klar: Das ist keine Petitesse, das ist nur die Spitze des Eisbergs.“ Immer stärker drängte sich ihm der Eindruck auf: „Da haben einige Leute ihr Privatleben über die Awo-Kasse finanziert.“

          Wie es in der Affäre weitergeht, kann Pürsün nicht sagen. „Ich kann für alle Beteiligten nur hoffen, dass wir diesen Skandal so schnell wie möglich aufklären und das Fehlverhalten sanktionieren.“ Gelinge das nicht in Frankfurt, werde der Skandal früher oder später im Landtag landen. „Dann gibt es einen Untersuchungsausschuss, der für viele Leute sehr unangenehm werden könnte.“ Denn anders als der relativ machtlose städtische Akteneinsichtsausschuss kann ein Untersuchungsausschuss Zeugen laden, die dort nicht nur erscheinen, sondern auch die Wahrheit sagen müssen.

          Der FDP-Politiker will all das nicht als Drohung verstanden wissen. Eher als dringende Aufforderung an alle Beteiligten, besser früher als später alles auf den Tisch zu legen. Pürsün wird sonst immer weiter bohren. „Awo-Yanki“ ist auf einer Mission.

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