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Islamischer Staat : „Dschihad bringt nichts“

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Salafismus als Popkultur: Anouar S. hatte keine Ahnung vom IS. Nun wird ihm vor dem Landgericht der Prozess gemacht. (Symboldbild) Bild: dpa

Trotz verhängtem Ausreiseverbot wollte der Frankfurter Anouar S. sich in Syrien dem IS anschließen. Mittlerweile ist er froh darüber und hat sich vom Salafismus abgewandt.

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          Anouar S., 22 Jahre alt, sagt, er spiele gerne Fußball und Playstation und gehe mit seinen kleinen Geschwistern spazieren. Dann sagt er: „Ich hätte gegen das Assad-Regime gekämpft.“ Daraus wurde nichts, und heute ist S. froh darüber. Im Sommer vergangenen Jahres, so sagt er das, fühlte sich sein Vorhaben, in Syrien zum „Islamischen Staat“ (IS) zu gehören, noch wie ein Abenteuer an.

          Es endete an der bulgarisch-türkischen Grenze: S. zeigte seinen gefälschten französischen Reisepass vor und wurde festgenommen, seine Reise in den Dschihad blieb ein Versuch. Weil auch der seit einer im Frühjahr 2015 beschlossenen Gesetzesänderung strafbar ist, sitzt S. seit gestern vor dem Landgericht und ist ein Beispiel dafür, wie sehr der Salafismus auch Popkultur ist.

          Trainingscamp und dann sehen, was kommt

          Noch ist Anouar S. in Untersuchungshaft in Preungesheim, das erste Mal in seinem Leben, aber er wird, wenn alles gutgeht, bald wieder frei sein: Zum Auftakt gestern sichern ihm Gericht und Staatsanwaltschaft eine Bewährungsstrafe zu – gegen ein ausführliches und ehrliches Geständnis. Und so gibt S. dann auch zu, was ihm vorgeworfen wird: Trotz eines Ausreiseverbots fuhr er im Sommer 2015 auf dem Landweg Richtung Türkei. Er wollte sich von da aus nach Syrien bringen lassen, dem IS anschließen und tun, was nötig wäre: Trainingscamp und dann sehen, was kommt. „Ich hatte keine Ahnung, was meine Aufgabe gewesen wäre, ich wünschte mir etwas in der Verwaltung oder bei der Stadtpolizei“, liest der Anwalt von S. in dessen Namen vor.

          Im Zuschauerraum sitzen einer der Brüder von S. und ein halbes Dutzend Freunde. Alles adrette junge Männer, die kichern, wenn der Angeklagte von einer „telefonatischen Bewerbung“ spricht oder davon, er sei „halt nicht grad der Musterschüler gewesen“. Alle seine Freunde, sagt S., würde die Polizei als Salafisten bezeichnen. Dabei stimme das gar nicht – nur weil man zusammen im Galluspark aufgewachsen sei und miteinander rumgehangen habe. Tatsächlich sieht keiner der Jungs im Gericht, der Angeklagte eingeschlossen, wie in typischer Salafist aus. Dennoch kann mindestens eine Handvoll Freunde von S. nicht beim Prozess dabei sein, weil sie, wenn sie noch leben, in Syrien sind.

          Prozess soll Anfang Juni zu Ende gehen

          Eine Reise in den Bürgerkrieg kann einem halt so passieren, jedenfalls hört sich das, was S. erzählt, so an. Er habe damals auf seinen älteren Bruder gehört, von dem heute niemand weiß, wo er lebt. Dieser sei im Sommer 2015 schon in Syrien gewesen, beide hätten den Menschen dort helfen wollen. „Den IS habe ich als Heldenperson kennengelernt“, sagt der Angeklagte. Davon, wie in der Miliz der Islam ausgelegt werde, habe er nichts weiter gewusst. Sein Bruder habe ihn dann irgendwann darauf hingewiesen, dass er als strenggläubiger Muslim nicht kiffen solle. So richtig hat er sich das dann aber nicht abgewöhnen können.

          Im Gefängnis, sagt S., sei er erwachsen geworden. „Dschihad bringt nichts“, sagt er und dass er sich nun um seine Zukunft kümmern wolle. Sein Prozess soll Anfang Juni zu Ende gehen.

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