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Wildpinkler in Frankfurt : Gelber Tropfen höhlt den Stein

  • -Aktualisiert am

Zerfressenes Mauerwerk in der Bendergasse: Die Frankfurter Altstadt leidet unter den Wildpinklern. Bild: Helmut Fricke

Die Frankfurter Altstadt als Zierde der Metropole ist in ihrem Ansehen bedroht. Denn die ehrwürdigen Gebäude werden immer wieder von Wildpinklern anvisiert.

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          Claudia Gabriel zeigt auf ein Stück verfärbte Mauer an einer neuen Hausfassade am Alten Markt. Der graue Stein ist von mehreren Spritzern bedeckt, die zusammen einen großen dunklen Farbfleck ergeben. Eine Lache zieht sich den Gang zum Parkhaus entlang. „Die Verfärbungen zeigen, dass hier mehrfach uriniert wurde“, sagt sie. Gabriel ist Leiterin der Stabstelle Sauberes Frankfurt und kennt die problematischen Ecken rund um die neue Altstadt. Sie zeigt auf einen Torbogen in der Gasse „Hinter den Lämmchen“. Zwischen dem Bogen und der Hausfassade liegt eine Nische, die Sichtschutz bietet. „Hier wird nicht nur gepinkelt“, sagt Gabriel.

          In den vergangenen Jahren habe das sogenannte Wildpinkeln zugenommen. Der öffentliche Raum werde mehr genutzt, zugleich werde zunehmend hochprozentiger Alkohol getrunken, sagt Gabriel. Dadurch sinke die Hemmschwelle. Aus Bequemlichkeit würden viele gar nicht erst eine Toilette aufsuchen. „Eine Ecke gibt es überall, vor allem in der verwinkelten Altstadt“, sagt sie. In den meisten Fällen seien die Wildpinkler Männer.

          „Wer eine Toilette finden will, findet eine“

          Stefan Scholz bestätigt diese Beobachtung. Er ist Priester im Frankfurter Kaiserdom. Durch die Fenster der Pfarrei sieht er die Nordseite des Doms. Dort verrichten nach seinen Beobachtungen vor allem in den Abendstunden Männer ihre Notdurft. Auch das Gelände des Alten Friedhofs werde häufig zweckentfremdet. Aber besonders in der neuen Altstadt fehle es an öffentliche Toiletten, meint Scholz. In der Pfarrei würden sich Altstadtbesucher häufig nach einer Möglichkeit erkundigen, auf Toilette gehen zu können. Die Kirche habe die Stadt schon früh auf das Problem hingewiesen. Dennoch seien bei der Planung keine zusätzlichen Toiletten vorgesehen worden.

          Die Hemmschwelle sinkt: Urinflecken beschmutzen das Mauerwerk in der Altstadt.

          Das zuständige Amt für Bau und Immobilien verweist die Besucher der Altstadt auf eine unterirdische Toilettenanlage am Paulsplatz. „Wer eine Toilette finden will, findet eine“, sagt ihr Sprecher. Die Anlage liegt ungefähr 200 Meter vom Domplatz entfernt, ist nachts aber geschlossen.

          Bei heißen Temperaturen versprühen die Ausscheidungen einen scharfen Gestank.

          Auch Jo Ator beklagt den Mangel an öffentlichen Toiletten. Sie führt Touristengruppen durch die Altstadt und weist ihre Gäste immer auf die Anlage am Paulsplatz hin. Viele würden, selbst wenn sie direkt davor stünden, die Toilette nicht erkennen. Ann-Katrin Heidger berichtet ähnliches. Sie ist Inhaberin einer Boutique am Alten Markt. In ihrem Laden kommen oft Altstadtbesucher, um sich nach einer öffentlichen Toilette zu erkundigen. Heidger vermisst Hinweise auf schon vorhandene Toiletten.

          Stadt will schnell handeln

          Im zuständigen Dezernat sei man sich der mangelnden Beschilderung bewusst, sagt der Sprecher. Man wolle deshalb handeln. So wurde in den vergangenen Tagen ein Hinweisschild auf dem Domplatz angebracht. Auch Toiletten-Apps sollen bei der Suche weiterhelfen. Noch ist unklar, inwieweit neue öffentliche Toiletten im Stadtgebiet entstehen können. Um den Bedarf zu ermitteln, habe man zuletzt eine Online-Umfrage unter Bürgern durchgeführt. So konnten Vorschläge für neue Standorte abgegeben werden.

          Hässliche Hinterlassenschaft: Die Betroffenen Nutzer der Gebäude fordern mehr öffentliche Toiletten.

          In der Innenstadt, zwischen Anlagenring und Mainufer, gibt es laut Baudezernat zurzeit sieben öffentliche Toiletten, darunter zwei Vertragstoiletten. Sie gehören zu Restaurants, die mit der Stadt kooperieren und für die Nutzung der Toiletten entschädigt werden. Hinzu kommen Toiletten in Museen sowie provisorische Einrichtungen wie Dixi-Klos am nördlichen Mainufer.

          Wie sich das Wildurinieren langfristig auf die Bausubstanz auswirkt, lässt sich außerhalb der neuen Altstadt beobachten. Wildpinkler machen selbst vor dem Römer nicht halt. Im Torbogen an der Bethmannstraße zeigt Gabriel auf eine Metalltür, die am unteren Ende rostet. „So reagiert Metall, wenn es permanent vom Urin angegriffen wird.“ Auf der gegenüberliegenden Seite sind frische Kotflecken an der Wand. „Das war bestimmt kein Hund“, fügt Gabriel hinzu. Im Säulengang an der Kunsthalle Schirn zerfällt mancherorts sogar der Sandstein. Wildpinkeln ist eine Ordnungswidrigkeit und wird in Frankfurt mit einem Bußgeld von siebzig Euro bestraft. Gabriel appelliert an die Freipinkler: Wer pinkele zuhause an die Wand?

           

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