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Frankfurter Altstadt : Die „Goldene Waage“ kommt aus Lemgo

  • -Aktualisiert am

Lippische Handarbeit: Holzbildbauer Wolfgang Koch (oben) bearbeitet Verzierungen für die goldenen Waage. Bild: Daniel Pilar

Handwerker aus Westfalen zimmern und schnitzen für das prächtigste Fachwerkhaus der Frankfurter Altstadt die Balken neu. Es ist aus einem Holz, das bis zu 500 Jahre alt ist.

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          Der Zimmermann in dunkler Kordhose und Weste streicht über die Holzbalken. „Wir verarbeiten hier Eichenholz, das zwischen 300 und 500 Jahre alt ist“, sagt Maik Ebert stolz. Aus diesen Balken soll die „Goldene Waage“ neu entstehen. Das Fachwerkhaus wird das Herzstück der „neuen“ Altstadt. Ebert ist als Objektleiter des Unternehmens Kramp & Kramp für die Rekonstruktion der tragenden Holzteile zuständig. Der Handwerksbetrieb in Lemgo bei Bielefeld gehört zu den führenden Spezialisten für die Restaurierung alter Gebäude. Die Goldene Waage sei für sie ein besonderer Auftrag, sagt Geschäftsführer Guido Kramp: „So ein Projekt ist in Deutschland extrem selten.“

          Zu Beginn des Jahres 1944 stand die Goldene Waage noch. Am östlichen Ende des Viertels zwischen Römer und Dom galt sie als Schmuckstück der Altstadt. Ihre besonders reichen Verzierungen, ihre Farbigkeit und das Belvedere machten sie zu einer Seltenheit. Der Name des Hauses leitet sich von einer goldenen Waage ab, die von einem Blecharm an einer Ecke des Gebäudes gehalten wurde. Doch im März 1944 versank die Altstadt in Schutt und Asche. Am 18. und 22. März flogen die Alliierten zwei große Luftangriffe. Dabei setzten sie gezielt Brandbomben ein, um die Fachwerkaltstadt zu zerstören. Von den Altstadtgebäuden überstand lediglich das Haus Wertheym gegenüber dem Historischen Museum die Bombenangriffe. Von der Goldenen Waage blieben einige Reste des Sandsteinsockels, die namensgebende Waage und ein Eckbalken erhalten.

          40 Stunden für einen Quadratmeter Schnitzerei

          Mit diesem Eckbalken beginnt die Rekonstruktion des Hauses durch Kramp & Kramp. Die Spezialisten konnten sich damit einen Eindruck von der Beschaffenheit des Holzes und den Verzierungen machen. In drei Monaten habe man den Balken untersucht und eine Kopie hergestellt, sagt Objektleiter Ebert. „Dabei haben wir viel gelernt.“ Um originalgetreu zu arbeiten, sei man auf möglichst viele Informationen angewiesen. Die Goldene Waage ist vergleichsweise gut dokumentiert. Außer zahlreichen Fotos gibt es Pläne und schriftliche Aufzeichnungen, die das Bauwerk von innen und außen wiedergeben. Dennoch ist der erhaltene Balken für das Unternehmen wichtig. So könne man untersuchen, wie das Holz bearbeitet worden sei. Denn die Renaissance-Technik sei heute kaum mehr bekannt.

          Die Goldene Waage wurde 1619 für Abraham von Hameln errichtet. Er musste als Calvinist aus den habsburgischen Niederlanden fliehen und ließ sich als Gewürzhändler und Zuckerbäcker in Frankfurt nieder. Der Neuankömmling fiel mit seinem Haus auf. Denn die Residenzen der Frankfurter Patrizier hatten damals überwiegend schlichte Fassaden. Hameln baute hingegen eines der prachtvollsten Privathäuser der Frankfurter Innenstadt, das schon damals durch seine reichen Ornamente Neid und Bewunderung erregte.

          Für die Holzschnitzarbeiten hat das Unternehmen eigens einen Holzbildhauermeister engagiert. Wolfgang Koch steht in der Werkhalle und schnitzt Lammböcke, antike Götter und Blumenmuster in die alten Stämme. 40 Stunden braucht er für einen Quadratmeter. Insgesamt bearbeitet er 70 Quadratmeter. Für den Anstrich, vermutlich in dunklem Ochsenrot, ist das Unternehmen allerdings bisher nicht zuständig. „Aber wir bewerben uns darum“, sagt Ebert.

          Neue Decke weicht vom Original ab

          Zunächst muss die Goldene Waage einmal stehen. Allein für das sichtbare Fachwerk werden 40 Kubikmeter Eichenholz benötigt, das bis zu 500 Jahre alt ist. Das hänge mit der historischen Patina zusammen, damit das Haus nicht wie ein Nachbau, sondern wirklich wie ein altes Gebäude wirke, sagt Ebert. Außerdem verliere Holz in den ersten 100 Jahren an Feuchtigkeit. Dabei schrumpfe es. Bei Fachwerkhäusern entstünden dadurch Risse, nach einigen Jahrzehnten sei eine Renovierung des Baus nötig. „Daher stellen wir an die äußeren Balken besondere Anforderungen“, sagt Ebert. Die Goldene Waage wird nur im Erdgeschoss einen Betonkern haben. „Ab dem ersten Stock wird alles Fachwerk“, betont er. Die Balken müssten das Gebäude tragen. Das mache eine statische Prüfung notwendig.

          Wenn das Holz für das Projekt geeignet sei, schneiden und schleifen die Mitarbeiter es in Form. In der Werkhalle stecken sie die verschiedenen Teile dann zusammen. „Wir arbeiten fast nur mit Holznägeln und Zapfen“, sagt Ebert. Die ersten Fachwerkkonstruktionen stehen schon in der Halle, dreieinhalb Meter hoch. Im Juni nehmen die Mitarbeiter alles auseinander und fahren nach Frankfurt. Bis November sollen die Einzelteile wieder zusammengesteckt und mit Lehmziegeln vermauert werden. Im Inneren kommt lediglich eine Isolierschicht dazu, für die Wärmedämmung. Die Innenwände und die Decken fertigt das Unternehmen aus Nadelhölzern. Bei der Decke müsse man vom historischen Original aus Brandschutzgründen abweichen, das Holz werde mit Beton kombiniert.

          Der Auftrag für Kramp & Kramp hat ein Volumen von 700.000 Euro. Die gesamte Rekonstruktion soll laut der DomRömer GmbH sieben Millionen Euro kosten, aktuell laufen noch weitere Ausschreibungen. Bei Kramp & Kramp überlegt man, sich zum Beispiel noch für die Türen zu bewerben. Daneben ist das Unternehmen schon bei einem weiteren Altbauprojekt beteiligt. Auch beim „Rebstockhof“ setzt die Dom-Römer-Gesellschaft auf die Expertise aus Lemgo.

          Und wo bleibt das Fachwerk?

          Und wo bleibt das Fachwerk? Auf der Baustelle zwischen Dom und Römer stehen die ersten Wände - aus Stahl und Beton. Das mag einige Passanten wundern, ist aber genauso stets geplant gewesen. Aus Sicherheitsgründen haben selbst die Erdgeschosse der 15 Rekonstruktionen einen Kern aus Beton. Die heutigen Anforderungen an Statik und Brandschutz verlangen es so: Früher war der massive Sockel aus Sandstein, aber Naturstein ist als tragendes Material heute nicht mehr zugelassen, schon gar nicht die Originalsteine, die als Spolien in vielen Häusern wieder eingesetzt werden. Weil die Altstadt auf dem Dach einer Tiefgarage wächst, ist die Konstruktion besonders knifflig. Die Lasten werden über die Außenwände abgetragen. Vor dem Betonkern wird die Fassade dann mit handwerklich bearbeitetem Sandstein verblendet. Vom ersten Obergeschoss an ist alles Fachwerk: Über dem Erdgeschoss wird in traditioneller Technik gearbeitet. (rsch.)

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