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German Doctors : Hilfe in den Slums von Kalkutta

Ruth Kohl-Munthiu hat im Armenviertel Kalkuttas viele Menschen getroffen und behandelt. Bild: German Doctors

Die Frankfurter Ärztin Ruth Kohl-Munthiu war im Auftrag der German Doctors in Indien. Der Einsatz war für sie bereichernd, aber auch bedrückend.

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          Die Bilder sind immer noch präsent, und sie werden Ruth Kohl-Munthiu wohl nie ganz aus dem Kopf gehen: Kinder, die im Schlamm und im Müll umherlaufen und spielen, kranke Frauen, winzige Unterkünfte und verzweifelte Blicke, die doch auch Hoffnung auf Heilung ausstrahlen. 15 Tage lang war die Kinderärztin aus Frankfurt im vergangenen Jahr ehrenamtlich für die Hilfsorganisation German Doctors im indischen Kalkutta unterwegs. Die Eindrücke, die sie aus den Slums der Stadt im Bundesstaat Westbengalen mitgebracht hat, sind zwiespältig. „Es war unglaublich bereichernd, aber auch sehr deprimierend.“

          Daniel Schleidt
          Stellvertretender Koordinator der Wirtschaftsredaktion in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die German Doctors, die auch in Frankfurt ein kleines Büro betreiben, sind weltweit im Einsatz. Ob in Sierra Leone, in Kenia, auf den Philippinen oder in Bangladesch: Ziel der Hilfsorganisation mit Hauptsitz in Bonn ist es, Menschen dort zu helfen, wo der Zugang zu medizinischer Versorgung in der Regel schwierig ist.

          Bevor ihre Tochter auf die Welt kam, war Ruth Kohl-Munthiu bereits 2002 in Bangladesch, 2004 und 2005 auf den Philippinen. Auch ihr Mann Norbert Kohl hat schon mehrere solcher Hilfseinsätze absolviert und engagiert sich für die „Freunde der German Doctors“ in Frankfurt. In Kalkutta unterstützt die Hilfsorganisation seit 15 Jahren die Arbeit des „Saint Thomas Home“, das in den vergangenen Jahren dort zu einem anerkannten Zentrum zur Behandlung von Tuberkulose geworden ist. Tobias Vogt, der dort dauerhaft als Arzt tätig ist, wird immer wieder von Kollegen aus Deutschland unterstützt, die in der Regel sechs Wochen in Kalkutta bleiben und meistens Teile ihres Jahresurlaubs für die ehrenamtliche Tätigkeit opfern. Seit 1983 haben dort im Auftrag der Organisation knapp 1500 Einsätze deutscher Ärzte stattgefunden.

          Sechs Wochen in Indien

          Sechs Wochen in Indien sind für Ruth Kohl-Munthiu schwer zu organisieren, schließlich betreibt sie eine Kinderarztpraxis in Bad Vilbel. Während ihres Aufenthalts in Indien im vergangenen Jahr sprang ein pensionierter Kollege ein, wie sie berichtet. So konnte sie in die Millionenstadt Kalkutta reisen, in deren Slums die Ärmsten der Armen leben. „Das sind Menschen, die häufig Analphabeten sind und in der Regel gar nicht wissen, dass es Möglichkeiten gibt, ihnen zu helfen“, berichtet die Ärztin aus Frankfurt.

          Jeden Morgen fuhr Ruth Kohl-Munthiu mit einem Team Einheimischer vom „Saint Thomas Home“ aus in eine der Ambulanzen, die in einfachsten Verhältnissen als Anlaufstation für die Slumbewohner eingerichtet werden. „Diese Slums sind Labyrinthe, in denen man sich allein kaum zurechtfinden und in die man sich vermutlich auch nicht hineintrauen würde.“ Vor den Ambulanzen bilden sich meist schon morgens lange Schlangen von Patienten, die auf eine Behandlung hoffen. Die Arbeit der German Doctors konzentriert sich dabei im Wesentlichen auf Basismedizin, also vor allem auf die Diagnose, auf schnelle Hilfe bei alltäglichen Erkrankungen und darauf, die schweren Fälle zu erkennen und an Krankenhäuser zu vermitteln.

          Bilder von Tuberkulose-Patienten

          Ein gravierendes Problem in Kalkutta ist die Tuberkulose, die in westlichen Ländern als vergessene Krankheit gilt, aber immer noch jedes Jahr Hunderttausende Menschen tötet. Ein Großteil der Tuberkulose-Fälle tritt in Indien auf. In den engen, dunklen Unterkünften, in denen auf wenigen Quadratmetern oft ganze Großfamilien untergebracht sind, lässt sich die Ausbreitung der Infektionskrankheit kaum verhindern. „Die Armut ist bedrückend, und trotzdem sind uns die Menschen dort meist fröhlich und freundlich begegnet“, sagt Kohl-Munthiu – zumal die German Doctors in den Slums von Kalkutta längst einen guten Ruf haben.

          Die Kinderärztin spricht von Bildern im „Saint Thomas Home“, die Patienten vor und nach einer Tuberkulose-Behandlung zeigen: „zunächst ausgezehrt und abgemagert, danach das blühende Leben“. Und sie berichtet von Begegnungen mit drei Frauen, die ebenfalls an Tuberkulose erkrankt waren und der Ärztin zufolge ohne die Hilfe der German Doctors nicht mehr leben würden.

          Weil die Behandlungen oft sehr lange dauern, werden die Patienten im „Saint Thomas Home“ nicht nur versorgt. Viele von ihnen erhalten dort auch eine Ausbildung, zum Beispiel Nähkurse. Dabei verstehen die German Doctors ihre Arbeit als Ergänzung der in Indien vorhandenen medizinischen Strukturen, die Kohl-Munthin zufolge in den vergangenen Jahren besser geworden sind.

          Für die Zweiundfünfzigjährige ist das Engagement bei den German Doctors eine Herzenssache. Mit zunehmendem Alter empfinde sie immer mehr Dankbarkeit für Dinge, die hierzulande als Selbstverständlichkeit hingenommen würden, sagt sie – etwa Freiheit, ausreichend Nahrung, sauberes Trinkwasser. „Wir leben hier äußerst privilegiert“, findet die Ärztin. Deshalb sei es ihr wichtig, etwas zurückzugeben, anderen Menschen zu helfen, die in keiner vergleichbaren Lebenssituation seien.

          Die Arbeit der German Doctors in Kalkutta hält sie für sinnvoll und nachhaltig, weil sie auf Kontinuität setze und weil man nicht imperialistisch auftrete, sondern auch versuche, Menschen an Ort und Stelle auszubilden und einzubinden. „So werden auch Arbeitsplätze geschaffen.“

          Ein Geben und Nehmen

          Zudem ist der Einsatz in Kalkutta für sie keine einseitige Hilfe gewesen, sondern ein Geben und Nehmen. Sie sei von heute auf morgen in eine andere Welt eingetaucht, habe die Erschöpfung des deutschen Alltags schnell vergessen. Das Wissen, anderen Menschen helfen zu können, habe ihr viel Energie und auch eine unersetzliche Lebenserfahrung gegeben. Deshalb wirbt sie auch dafür, sich für die German Doctors zu engagieren. Sie selbst will nach dem gut zweiwöchigen Wiedereinstieg im Ausland auch in absehbarer Zeit abermals in eines der Länder reisen, in denen die Hilfsorganisation vertreten ist. In diesem Jahr allerdings sei zunächst ihr Mann Norbert Kohl wieder an der Reihe.

          Diese Zeitung hat die Arbeit der German Doctors in Kalkutta mehrfach mit ihrem Spendenprojekt „F.A.Z.-Leser helfen“ unterstützt. Ruth Kohl-Munthiu empfindet im Rückblick vor allem Dankbarkeit – und den Wunsch, eines Tages zurückzukommen.

          Spenden erreichen die German Doctors über das Spendenkonto DE 34 5206 0410 0005 0022 65 bei der Evangelischen Bank. Die Website der „Freunde der German Doctors in Frankfurt“ findet sich unter www.gd-freunde-frankfurt.de.

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