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Fotos: Hannah Aders

Zwischen Baustellen und Brokkoli

Text: THERESA WEIß Fotos: HANNAH ADERS
Fotos: Hannah Aders

07.04.2021 · Das Gallus ist ein Getto. Das sagen Menschen, die den Stadtteil schlecht kennen. Wie ist es wirklich, dort aufzuwachsen? Was beschäftigt die Jugendlichen im Stadtteil, und wie passt das zu den Statistiken der Stadt?

Im Park, also eigentlich auf dem Grünstreifen neben der Frankenallee, riecht es nach Brokkoli. So würde Max das ausdrücken. Es ist ein Code für Marijuana, und dessen Duft liegt hier öfter mal in der Luft. „Wie überall sonst in Frankfurt“, schiebt er hinterher. Max ist 17 Jahre alt und lebt im Gallus. Ihm ist wichtig, dass es dort nicht krimineller zugeht als anderswo. 

Nicht alle stimmen da mit dem Jungen überein, der mit seinem kleinen Tretroller Tricks im Skatepark an der EZB macht, wenn er frei hat. Zum Beispiel Sandra. Sie erzählt von harten Typen, mit denen sie Stress hat. Darum will sie ihren richtigen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen.

„Es gibt schon Kanaken“, sagt Max, während er im Keller des Jugendmigrationsdiensts an einem langen Tisch sitzt, um über sein Viertel zu reden. Der Dienst des Internationalen Bundes bietet Jugendlichen im Stadtteil Räume und Veranstaltungen an. „Kanaken“, das sind Kleinkriminelle, egal, welchen Pass sie haben, es können auch Deutsche sein, erklärt Max. Die gebe es aber überall. „Die Klischees entsprechen dem Viertel nicht.“ Klischees über Gangs, über Drogen, über Jugendliche, die in Jogginghosen herumlaufen und nicht viel mit sich anzufangen wissen. Ein anderer Junge aus dem Viertel, 18 Jahre alt, sagt: „Es gibt eben zwei Seiten, die gute und die ekelhafte. Zum Beispiel wird sich nicht so krass um die Jugend gekümmert, wie alle sagen. Viele haben nicht so viele Optionen und entscheiden sich auch für den falschen Weg, verkaufen Drogen und so.“ Und trotzdem bleibt er dabei: Es ist auch schön in seinem Wohnviertel.

Das Gallus. Historisch ist es das frühere Galgenfeld westlich der mittelalterlichen Stadtgrenze Frankfurts, daher auch sein Name. Von Tod und Galgen ist aber nichts mehr zu spüren, stattdessen ist der Stadtteil lebendig und bunt: Es ist der zweitjüngste in Frankfurt, in keinem Viertel gibt es so viele Kinder je Familie wie im Gallus. Wer in die städtischen Statistiken für die Stadtteilbeobachtung schaut, findet allerdings ein paar Daten, die den Stadtteil nicht gerade ins schönste Licht rücken: Nirgendwo gibt es mehr Sozialhilfeempfänger. Im gesamten Viertel gibt es keine gymnasiale Oberstufe. Aber es leben sehr viele Menschen dort. Noch sind die Wohnungen bezahlbar, zumindest günstiger als im Nordend. Zugleich zeigen die Zahlenkolonnen der Stadt: Es gibt vergleichsweise wenig Spielplätze, praktisch keine Einfamilienhäuser, und jede freie Lücke wird bebaut. 

Das bedeutet jedoch nicht, dass viele günstige Wohnungen entstehen. Oft klagen Anwohner sogar, dass ihre Mieten steigen. Das liegt auch am Europaviertel. Es hat das Gesicht des Stadtteils verändert, ihm gleichsam eine Reihe weißleuchtender Zähne in einem alten Gebiss verpasst. Die schicken neuen Wohnungen haben wenig gemein mit den engen Zeilenbauten im südlicheren Teil des Viertels. Kosta, der Max aus dem Viertel kennt und mit ihm darüber spricht, wohnt dort. Er sagt, die Straßen rund um die Europaallee seien „deutscher“ geworden. Insgesamt ist das Viertel aber sehr divers. Der arabische Supermarkt an der Kleyerstraße, der Kiosk, in dem man die besten indischen Samosas bekommt, der Balkangrill – sie stehen für das gemischte Quartier, in dem Menschen aus 146 verschiedenen Herkunftsländern leben. Auch Kosta und Max sprechen perfekt Deutsch, sagen aber, dass sie aus Litauen und Serbien kommen.

Das Europaviertel, entstanden auf dem ehemaligen Gleisfeld des Güterbahnhofs, hat andere Menschen ins Viertel geholt. Solche mit mehr Geld vor allem. Wer mit Max und Kosta spricht, hört, dass sie das beschäftigt. Das Wort „Gentrifizierung“ nennen sie selbst. „Ich würde gern hier wohnen bleiben, wenn ich zuhause ausziehe“, sagt Kosta. „Wenn die Mieten nicht weiter steigen.“ Denn was bedeuten all die Zahlen der Statistiker schon für Jungs wie Max und Kosta, die ihr Viertel mögen? Die gern dort wohnen, Pöbeleien zwischen Dealern als solche abtun und Sachen sagen wie: „Mir fehlt hier gar nichts.“

Sie wollen bleiben. Für sie ist nichts dran an den Vorurteilen, das Gallus sei ein Getto, ein Drogenumschlagplatz, ein Ort ohne Zukunft. „Das ist das ungefährlichste Viertel in ganz Frankfurt, weil hier eigentlich nur Familien wohnen, und keiner Stress will“, sagt Max. Sein Freund stimmt zu: „Aufstiegschancen gibt es immer, man hat alle Möglichkeiten.“ Normalerweise wenigstens. Kosta ist in Serbien geboren, und erzählt von Bekannten aus der alten Heimat, dass sie während der Pandemie einfach über den Fernseher Schulunterricht bekommen haben. Und in Frankfurt, „im reichen Deutschland“? Da holperte es so sehr, dass die Jungs immer wieder auf das Thema „Corona“ kommen, über die Schule und den Stoff reden, den sie verpassen. Das Problem kennen aber Schüler in allen Stadtteilen. 

Also doch ein Traumviertel? Als Max von der Musterschule im Nordend an die Paul-Hindemith-Schule gewechselt ist, war das „schon ein Abstieg“, wie er sagt. „Ist schon assiger hier, Schlägereien und so“, erzählt er vom Alltag in der Integrierten Gesamtschule. Trotzdem: Er will es nicht so stehen lassen, dass alles im Gallus schlecht sei. Dass es gar gefährlich sei. „Hier steht niemand mit dem Messer, der dich direkt angreift oder so“, sagt auch der Junge, der von den schlechteren Optionen redet und lacht, weil die Vorstellung von so offener Gewalt für ihn einfach absurd ist. Das Viertel ist vielseitig, so wie die Jugendlichen, die da leben, die Pläne und Träume haben. Der Junge will zum Beispiel einen festen Job finden und eine Familie gründen. Max will professioneller Rollerfahrer werden, er wird schon gesponsert von einem Skaterladen. Kosta will mal studieren. Andere Jugendliche besuchen beim Jugendmigrationsdienst ein Seminar, in dem sie das Fotografieren lernen. Es gibt eine Mädchenfußballgruppe, der Sportplatz wurde neu gemacht. Das Gallus als Getto, das greift einfach zu kurz. Und eine Jogginghose sagt nichts über die Pläne ihrer Träger aus.

In der gedruckten Version dieses Projekts wurden zwei Zitate aus dem Text herausgegriffen und als grafisches Element neben die Fotos gestellt. Missverständlicher Weise konnte man meinen, sie abgebildeten Personen zuordnen zu können. Die Zitate wurden exemplarisch herausgegriffen, um die Vielfalt und unterschiedlichen Seiten des Gallus zu illustrieren. Wir möchten uns dafür entschuldigen, wenn der Eindruck entstanden ist, eine der fotografierten Personen hätte, wie in einem Zitat stand, wenig Optionen oder sich für den falschen Weg entschieden, oder verkaufe Drogen. Dieses Zitat bezieht sich explizit nicht auf die Gezeigten, was jedoch erst aus dem Kontext des Texts deutlich wird. Für diese fehlende Sensibilität bitten wir um Verzeihung.

Tischtennis Die wollen nur spielen
FRANKFURTER TRADITIONSCAFÉ Wohnzimmer des Nordends

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 30.03.2021 17:30 Uhr