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Pionier und Zeitzeuge : Jazzer der ersten Stunde

  • -Aktualisiert am

Erstaunliche Karriere: Zusammen mit seinem Bruder Albert wurde Emil Mangelsdorff, hier auf einer Aufnahme von 1993, zu einer prägenden Figur der deutschen und internationalen Jazzszene. Bild: Anna Meuer

Frankfurter durch und durch: Zum Tod des großen Künstlers und Menschenfreundes Emil Mangelsdorff.

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          Am Ende seines Lebens wurde Jacques Brel, einer der größten Interpreten des französischen Chansons, gefragt, was er in seiner Karriere am meisten bedauert habe. Die Antwort kam prompt: „Belgier zu sein.“ Ein vergleichbares Wort wäre Emil Mangelsdorff, einem der Großen unter den deutschen Jazzmusikern, nie über die Lippen gekommen. Mit seinem Land und seiner Geburtsstadt Frankfurt am Main war er wie sein Bruder, der Posaunist Albert Mangelsdorff, im Reinen. Ins Mutterland des Jazz, nach Amerika, in die Hochdruckkammer New York gar, hat es die beiden nie gezogen. Die Mangelsdorffs waren Frankfurter durch und durch; seit ihrer Kindheit, die sie in der Ernst-May-Siedlung in Praunheim verbrachten, über ihre erstaunlichen Karrieren, die sie von ihren bescheidenen Wohnsitzen in der Innenstadt aus steuerten, bis zu ihrem Tod, der sie an ihrem Heimatort ereilte.

          Die Stadt hatte Glück mit der Sesshaftigkeit der Mangelsdorffs. Ohne sie wären Jazz und Frankfurt sicher nicht so etwas wie Synonyme geworden. Ebenso gilt freilich auch der Umkehrschluss. Ohne die kulturelle und soziale Infrastruktur der Region in der unmittelbaren Nachkriegszeit als Zentrum der amerikanischen Streitkräfte und ihrer musikalischen Netzwerke hätten auch Emil und Albert Mangelsdorff nicht ihre künstlerischen Ambitionen am Standort Frankfurt und von ihm aus verwirklichen können.

          Die Liebe zum Jazz aber hat nicht erst mit der Präsenz amerikanischer Lebensart nach 1945 eingesetzt. Sie hat ihre Anfänge in einer Zeit genommen, die dem Jazz nicht förderlich gewesen ist, was Emil Mangelsdorff mit Drangsalierung und Haft in den braunen Jahren deutlich zu spüren bekam.

          Geistige Aufklärungsarbeit und notwendige Erinnerungskultur

          Deshalb muss man auch das Wort vom „im Reinen sein“ etwas modifizieren. Emil Mangelsdorff, der seine Leidenschaft für den Jazz schon im Alter von sechzehn Jahren zu erkennen gab, etwa als Gründungsmitglied des „Hotclub Frankfurt“ 1941 oder in der bahnbrechenden Band mit Carlo Bohländer, Hans-Otto Jung, Hans Podehl und Karl Petri, hatte keine Identitätsprobleme mit seiner deutschen Herkunft, wohl aber mit der mörderischen Politik und der barbarischen Weltanschauung des Nationalsozialismus in Deutschland.

          Ironischer Hitlergruß: Mangelsdorff (dritter von links) 1944 mit Freunden am Main Bilderstrecke
          Zum Tode von Emil Mangelsdorff : Jazzer der ersten Stunde

          So hat er auch die Gesprächskonzerte unter dem Slogan „Swing tanzen verboten“ verstanden, die er seit 1986 bis zum Schluss unermüdlich und landauf, landab durchführte: als pa­triotische Reinigungsmaßnahmen, geistige Aufklärungsarbeit und notwendige Erinnerungskultur für nachfolgende Generationen in Deutschland.

          Emil Mangelsdorff war als stilsicherer Altsaxophonist, Klarinettist und Flötist in den Genres Swing, Bebop und Cool Jazz eine prägende Figur der deutschen und internationalen Jazzszene, ein verantwortungsbewusster Zeitzeuge und mit seiner kreativen Ausdauer eine Persönlichkeit, die lange schon Kultstatus erlangt hat. Davon zeugen die vielen Ehrungen, die er aus Politik und Kultur wie kaum ein anderer Jazzmusiker erhielt. Davon zeugte auch die erstaunliche Konzertreihe, die er mit seinem Quartett seit 1996 bis zum 1. November des vorigen Jahren – 213 wurden es insgesamt – im Holzhausenschlösschen veranstalten konnte, von dessen Geschäftsleitung im Übrigen schon zu hören ist, dass sie dem ehrenden Gedenken an Mangelsdorff eine dauerhafte Jazzreihe jeweils im Frühjahr widmen wird. Es sollte nicht die letzte postume Ehrung für den großen Frankfurter Emil Mangelsdorff sein, der drei Jahre nach seiner Frau Monique und wenige Wochen vor seinem 97. Geburtstag am Freitag gestorben ist.

          Wertvolle Erinnerungsarbeit

          Emil Mangelsdorff war nicht nur ein profilierter Musiker, sondern auch ein unermüdlicher Aufklärer über die NS-Zeit. In etlichen Trauerbekundungen wurde dieses Wirken von Politikern und Musikern besonders gewürdigt. So schrieb etwa Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne): „Gemeinsam mit der deutschen Jazz-Szene trauere ich um einen ihrer profiliertesten und renommiertesten Solisten. Schon früh entdeckte er gemeinsam mit seinem Bruder die Liebe für den Jazz – in einer Zeit, in der jeder, der damals Jazz hörte oder gar selbst spielte, schwerste Strafen riskierte.“

          Auch der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) würdigte in einem Tweet, dass sich der für sein Engagement mit vielen Preisen ausgezeichnete Emil Mangelsdorff „nicht nur um die Kultur in Hessen verdient gemacht, sondern als Zeitzeuge der dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte wertvolle Erinnerungsarbeit geleistet“ habe. Der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) schrieb auf Twitter, Emil Mangelsdorff sei wegweisend für den Jazz und prägend für seine Heimatstadt Frankfurt gewesen. „Mit ihm verlieren wir auch einen Zeitzeugen der Nazizeit, der am eigenen Leibe spürte, was es hieß, sich als Künstler dem Regime zu widersetzen.“

          Die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) erklärte: „Frankfurt verliert eine Musiklegende. Gemeinsam mit seinem Bruder Albert hat Emil Mangelsdorff die deutsche Jazzlandschaft über Jahrzehnte geprägt. Seine früh geweckte Leidenschaft für den afroamerikanischen Musikstil gründete auf einem tief verwurzelten Freiheitsverständnis. Schon sein Bedürfnis nach künstlerischer Entfaltung brachte ihn in Konflikt mit dem nationalsozialistischen Regime, das ihm heftige Repressionen wie Inhaftierung und einen Kriegseinsatz an der Ostfront aufzwang. Diese Erfahrungen waren für ihn so einschneidend, dass er jungen Menschen davon berichten wollte. Als Zeitzeuge erinnerte er uns stets daran, dass künstlerische Freiheit eine unverzichtbare Grundlage unserer pluralistisch-demokratischen Gesellschaft ist. Emil Mangelsdorff wird uns fehlen.“

          Die Frankfurter Bürgermeisterin Nargess Eskandari-Grünberg (Grüne) schrieb: „Als Mensch und als Musiker werde ich Emil Mangelsdorff sehr vermissen. Sich als Zeitzeuge unermüdlich für Freiheit, Kultur und Vielfalt einzusetzen, war ihm ein ebenso großes Anliegen wie die Musik selbst.“

          Die Bigband des Hessischen Rundfunks würdigte Emil Mangelsdorff, der im Jahr 1958 zu den Gründern des Jazzensembles des Hessischen Rundfunks gehört hatte, als „einen der großen Wegbereiter des deutschen Jazz, der nicht zuletzt für Frankfurt wahnsinnig viel geleistet hat“. cfr.

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