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Zum Tod von Moritz Gertler : Geschäftsmann und Wohltäter

Die Bürostadt Eschborn - sie ist eine Erfindung von Moritz Gertler. 1968 hat der Frankfurter Kaufmann damit begonnen, auf der grünen Wiese vor Frankfurts Toren Bürohäuser zu errichten.

          Die Bürostadt Eschborn - sie ist eine Erfindung von Moritz Gertler. 1968 hat der Frankfurter Kaufmann damit begonnen, auf der grünen Wiese vor Frankfurts Toren Bürohäuser zu errichten. Als einer der ersten hat Moritz Gertler geahnt, daß es in Frankfurt für Bauherren zu eng und zu teuer werden würde; weitsichtig sah er voraus, daß die Nachbargemeinde von allen Frankfurter Vorteilen - dem Flughafen, den Autobahnkreuzen, den kulturellen Einrichtungen - profitieren werde, ohne die Nachteile der Metropole - teure Grundstückspreise, hohe Steuern, geringe Expansionsmöglichkeiten - tragen zu müssen. Ja, Moritz Gertler war ein gewiefter Geschäftsmann, gewiß kein einfacher Verhandlungspartner, aber einer, der das Ausgehandelte penibel einhielt.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Gertler scheute die Publizität, er wollte seinen Namen nicht in der Zeitung lesen - obwohl er viel zu erzählen gehabt hätte. Über seinen Leidensweg durch die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie hat er indes nur zu Freunden gesprochen. Man spürte ein gewisses Trauma, das aus dieser Zeit zurückgeblieben war. Juden in Deutschland, dies war sein persönlicher Schluß aus seinen schlimmen Jugenderfahrungen, sollten sich zurückhalten mit öffentlichen Äußerungen, weil sie sonst sofort Zielscheibe antisemitischer Angriffe würden.

          Aus diesem Grund hat Moritz Gertler damals in den siebziger Jahren, während der Zeit der Hausbesetzungen im Frankfurter Westend, jene Okkupanten nicht angezeigt, die eines seiner Häuser mit Beschlag belegt hatten. Der Frankfurter Polizeipräsident persönlich nahm den Kaufmann deswegen ins Gebet, weil er ohne Strafanzeige keine gewaltsame Räumung einleiten konnte. Genutzt hat es nichts. Gertler blieb bei seinem Nein, lud statt dessen die Besetzer zum Kaffeetrinken und zur Diskussion zu sich nach Hause ein. Einer der damaligen Revolutionäre, er hieß Johnny Klinke, revanchierte sich viele Jahre später mit regelmäßigen Einladungen zu den Premieren im Tigerpalast, die Moritz Gertler gerne annahm. Denn er bewunderte die Geschäftstüchtigkeit des Varietedirektors, wahrscheinlich weil sie ihn an seine eigene erinnerte. Leute, die tatkräftig waren und etwas anpackten, schätzte der Selfmademan Gertler.

          Aber er hat seinen mit zäher Arbeit erworbenen Wohlstand auch teilen können. Für Projekte in Israel etwa hat er stets ein offenes Ohr und eine gebende Hand gehabt. Seine Frau Miriam konnte immer auf seine Hilfe rechnen, wenn sie als Vorsitzende der jüdischen Frauenorganisation Wizo mit ihren Mitstreiterinnen wieder einmal eine teure Benefizgala zugunsten von Müttern und Kindern in Israel vorbereitete. Frankfurt und die Rhein-Main-Region hat jetzt mit Moritz Gertler einen Mann verloren, der ein halbes Jahrhundert lang still, aber effektiv die Entwicklung vorangetrieben hat.

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