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Zoll beschlagnahmt Bücher : Wollte ein Islamforscher Bücher unterschlagen?

Kontrolle: Bevor die Bücher in die Türkei gebracht werden können, müssen die Eigentumsverhältnisse geklärt werden. Bild: dpa

Der Zoll soll Hunderte Bücher aus dem Bestand des Instituts für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften an der Uni Frankfurt beschlagnahmt haben. Der Verdacht richtet sich offenbar gegen Forscher.

          Die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen im Umfeld des Instituts für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften an der Universität Frankfurt aufgenommen. Zu den Hintergründen wollen weder die Behörden noch Vertreter der Hochschule offiziell Stellung nehmen. Zu erfahren ist trotzdem einiges: Es geht um den Vorwurf der Unterschlagung und des versuchten heimlichen Abtransports großer Buchbestände in die Türkei. Das Institut tut genau das, was der Name vermuten lässt: Sechs Forscher arbeiten dort die arabische Wissenschaftsgeschichte auf. Geleitet wird das Institut von dem 92 Jahre alten Fuat Sezgin.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nach Informationen dieser Zeitung muss sich der Professor nun dem Vorwurf stellen, Eigentum der Universität in die Türkei schaffen zu wollen. Es hatte sich das Gerücht verbreitet, das gesamte Institutsgebäude sei in einer Nacht-und-NebelAktion leergeräumt worden. Der Umzug wurde offenbar vom Zoll am Flughafen gestoppt. Die Hochschule macht keine Angaben dazu, wieso im Umfeld des Instituts ermittelt wird. In einer kurzen Stellungnahme heißt es lediglich: „Die Goethe-Universität hat alle notwendigen Schritte zur Sicherung der Kulturgüter unternommen und steht mit den ermittelnden Behörden in intensivem Austausch. Mit Rücksicht auf laufende polizeiliche Ermittlungen bitten wir um Verständnis, dass wir dazu derzeit keine darüber hinausgehenden Auskünfte erteilen.“

          Fallen die Bücher unter das Kulturgutschutzgesetz?

          Institutsleiter Sezgin kann die ganze Aufregung nicht verstehen: „Das Institut bleibt hier – nur ein Teil meiner Bücher zieht in die Türkei.“ Seine Betonung liegt dabei auf dem Wort „meine“. Es handele sich bei den Büchern um seinen Privatbesitz, sagt Sezgin. Dass sie nun beim Zoll lägen, sei nichts Ungewöhnliches, es handele sich lediglich um eine routinemäßige Stichprobe, so der Orientalist, der erst im hohen Alter von 90 Jahren mit seiner Forschung in den Fokus der globalen Öffentlichkeit rückte. Zu verdanken hat er das dem türkischen Präsidenten Erdogan. Der hatte eine Theorie des 1960 aus der Türkei geflohenen Sezgin stark vereinfacht publik gemacht. Erdogan berief sich damals auf die Forschung des Orientalisten und gab bekannt, Muslime hätten Amerika entdeckt. Tatsächlich beschäftigte sich Fuat Sezgin während seiner Forschungszeit besonders mit dem Studieren von Karten, Reiseberichten und Koordinationstabellen aus mehr als 800 Jahren arabischer Geschichte.

          Daher rührt auch die hohe Anzahl alter Bücher und Karten, mit denen Sezgin arbeitet. Zahlreiche der Werke, die angeblich ausgeführt werden sollten, könnten somit mehr als 100 Jahre alt sein und unter das Kulturgutschutzgesetz fallen. Dieses regelt klar, was als geschütztes nationales Kulturgut gilt. Doch selbst wenn ein einzelnes Buch nicht in ein Verzeichnis „national wertvollen Kulturguts“ eingetragen ist, kann es besonderen Bestimmungen unterliegen. In einem Auszug aus dem Kulturgutschutzgesetz heißt es, dass ein Buch unter diese Regelung fallen könne, wenn es sich „in öffentlichem Eigentum und im Bestand einer öffentlich-rechtlichen Kulturgut bewahrenden Einrichtung befindet, die überwiegend durch Zuwendungen der öffentlichen Hand finanziert wird oder Teil einer Kunstsammlung des Bundes oder der Länder ist“. Diese Kriterien könnten auf eine Universität zutreffen.

          Die Finanzierung des Instituts ist undurchsichtig

          Das Ziel der Bücher sei kein Geheimnis gewesen, hieß es auch aus dem Mitarbeiterkreis des Instituts. Die Bücher sollten in einer neu eröffneten Bibliothek des „Museums für Geschichte der Wissenschaft und Technik im Islam“ im Gülhane-Park in Istanbul stehen. Undurchsichtig ist, wie sich das Institut für die Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaft finanziert. Gegründet wurde es im Jahr 1982. Damals hatte Kuweit den Kauf des Institutsgebäudes an der Westendstraße ermöglicht, andere arabische Staaten stellten das Stiftungskapital zur Verfügung. Ob die Stiftung auch Fördergeld der Universität bekam, gilt es jetzt zu klären. Dann nämlich müsste sich der geschäftsführende Direktor Sezgin die Frage gefallen lassen, ob die Bücher tatsächlich sein Eigentum sind oder auch mit öffentlichen Stiftungsgeldern angeschafft wurden.

          Die Nachfrage beim Stiftungsverzeichnis in Darmstadt nach der Förderstruktur des Instituts bringt kein Licht ins Dunkel. Dem Registereintrag lässt sich nur entnehmen, dass es sich um eine Stiftung des öffentlichen Rechts handelt, deren Ziel die „Erforschung und Lehre der Geschichte der Wissenschaften im arabisch-islamischen Kulturraum“ sei. Diese Aufgabe hat Fuat Sezgin, der sich in der Vergangenheit mit Äußerungen zur politischen Lage in der islamischen Welt stets zurückgehalten hat, zweifelsohne vorangetrieben. Seine Theorie, Muslime hätten Amerika entdeckt, formulierte der Wissenschaftler selbst im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung im Jahr 2014 differenzierter: „Kolumbus hat Amerika mit einer arabischen Karte gefunden.“

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