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Zirkus „Flic Flac“ : Wahnsinn unter der Zeltkuppel

  • -Aktualisiert am

„Auf Wiedersehen” kann man auch so sagen. Bild: Marcus Kaufhold

Der Wahnsinn soll ein Ende haben. Diese Tournee noch, und dann nimmermehr. Der Zirkus "Flic Flac" verabschiedet sich von seinem Publikum.

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          Der Wahnsinn soll ein Ende haben. Diese Tournee noch, und dann nimmermehr. Benno Kastein, Zirkusdirektor und Gründer des Unternehmens, geht in den Ruhestand, niemand führt den Betrieb weiter. „Flic Flac“ wird bald Geschichte sein – und einen Logenplatz in der deutschen Zirkusgeschichte einnehmen. Keinem anderen Zirkus ist es in den vergangenen zwanzig Jahren so gut gelungen, den Geschmack der Rock- und Pop-Generation zu treffen. Neben „Roncalli“ und „Krone“ zählt „Flic Flac“, der sich ganz auf Artistik, Comedy und Musik konzentriert, zu den drei Assen im hiesigen Zirkusgeschäft.

          Zum Abschied hat Kastein noch einmal den Wahnsinn, der ihn und seine Artisten antreibt, in einem Programm in Form gebracht. Nachdem „Flic Flac“ mit der gigantomanischen Show „No limits“ in einem Achtmastenzelt mit einer Bühne von 100 Meter Länge und fliegenden Motorrädern seine Grenzen erkennen musste, hat das Unternehmen sich nun besonnen und wieder eine Show für ein normal dimensioniertes Zelt kreiert. Aber auch in diesem kleineren Rahmen bleibt der Wahnsinn groß, mit dem die Artisten an jene Grenze gehen, die Tod und Leben trennt.

          Ohne Absicherung gäbe es Tote und Schwerverletzte

          Wie riskant die Sprung-, Seil- und Fliegernummern sind, die die Show mit dem Titel „Artgerecht“ zwei Stunden lang am laufenden Band bietet, kann man daran ermessen, dass jüngst in Koblenz einer der Reifen-Cowboys der moldawischen Truppe „Bikers“ eine halbe Drehung zu viel hinlegte, auf den aufgeblasenen Lastwagenreifen landete und mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht werden musste. Jetzt ist er, der vor noch nicht allzu langer Zeit seine Kunst beim Festival in Monte Carlo vor Prinzessin Stefanie und Zirkusdirektoren aus aller Welt zeigen durfte, ein querschnittsgelähmter Invalide.

          Würden sich die Artisten in der Zirkuskuppeln nicht bei bestimmten Nummern mit einer Leine absichern, gäbe es in regelmäßigen Abständen Tote und Schwerverletzte. Das hat man bei der Frankfurter Premiere während der gewagten Nummer von Nicolai Kuntz am Schwingtrapez gesehen: Bei einer schwierigen Drehung griff der junge Deutsche daneben – und wurde vom Sicherungsseil zum Glück aufgefangen. Das Risiko, das viele Darsteller eingehen, ist hoch. Am offensichtlichsten wird dies, wenn acht Teufelskerle auf ihren ratternden Motorrädern in einer Stahlkugel donnern und sich bei rasender Geschwindigkeit ihre Fahrwege kreuzen. Doch auch die „Heros“ am fliegenden Trapez arbeiten im Limit.

          Das ganze Zelt brüllt fröhlich

          Es sind weitgehend Weltklassetruppen, die „Flic Flac“ aufbietet. Die russische Gruppe Tsisov etwa hat mit ihrer Nummer auf dem Hoch- und Schrägseil in Monte Carlo einen Silbernen Clown eingeheimst. Sensationell ist Anatoli Zhukov, der Feuerspucker. Zuerst säuft er zwei oder drei Liter Benzin, dann spukt er es in Form von Feuerschlangen wieder aus. Besonders gesund ist das gewiss nicht, aber Zhukov ist Russe, und in seinem Heimatland kippen sich viele alle möglichen gefährlichen Flüssigkeiten hinter die Binde.

          Gut und Böse stehen sich in „Artgerecht“ gegenüber, Schwarz und Weiß. Auch musikalisch. Frank Fabry röhrt tief und dunkel, Alexandra Gerbey steigt hingegen hoch in Arienhöhe. Der „Cirque du Soleil“ lässt grüßen. Aber „Flic Flac“ findet doch seinen eigenen Stil, einen Rockerstil, der nicht immer ganz jugendfrei ist, aber die jungen Zuschauer besonders begeistert. Einen poetischen Gegenpunkt setzen Tatjana Kastein mit einer ansprechenden Handstandnummer auf einem geneigten Spiegel und Larissa Kastein, die andere Direktorentochter, mit einer reifen Darbietungen an der senkrechten Stange.

          Ja, und dann ist da noch einer, der über sich selbst so ansteckend lacht, dass auf einmal das ganze Zelt fröhlich brüllt. Steve Eleky, der Komödiant im Schottenrock, ist wirklich ein komischer Vogel. Typisch „Flic Flac“.

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