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Zerstörte Synagoge : Die Tatsachen unter der Erde

Heute eine Gedenkstätte: Der Hochbunker an der Friedberger Anlage überdeckt die Reste einer orthodoxen Synagoge, die in der Pogromnacht von 1938 angezündet wurde. (Archivbild) Bild: Wolfgang Eilmes

Unter dem Hochbunker im Ostend liegen die Reste der zerstörten Synagoge. Eine Initiative will sie ausgraben lassen. Der Direktor des Archäologischen Museums hat dazu einen klugen Rat.

          Für den Psychoanalytiker Kurt Grünberg ist der Hochbunker an der Friedberger Landstraße ein Unort. Denn das zwischen 1942 und 1943 von Zwangsarbeitern errichtete Betonmonster diente in seinen Augen als Tatwerkzeug, um die Erinnerung an die orthodoxe Israelitische Religionsgesellschaft und ihr 1907 eröffnetes Gotteshaus auszulöschen, das in der Pogromnacht und in den darauf folgenden Tagen vier Mal von nationalsozialistischen Brandstiftern angezündet und danach auf Kosten der Gemeinde abgetragen wurde.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Früher wollten Grünberg und manche seiner Mitstreiter von der „Initiative 9. November“, die nach dem Börneplatz-Konflikt und der Besetzung der Baustelle für die Stadtwerke im Jahr 1987 entstanden ist, den mächtigen Bunker am liebsten abreißen. Mittlerweile haben sie ihre Meinung geändert. Man muss, so glauben sie jetzt, die Zwingburg aus Beton, in der die Initiative zurzeit vier Ausstellung zur Verfolgung der Juden und zu jüdischem Leben zeigt, als Gedenkstätte erhalten. Gleichzeitig möchte die Initiative jedoch die archäologischen Spuren der Synagoge sichtbar machen.

          Archäologie an einem nationalsozialistischen Tatort? Damit kennt sich Wolfgang David, der Direktor des Archäologischen Museums, bestens aus. Denn er hat um die Jahrtausendwende im ehemaligen Konzentrationslager Dachau mit seinen damaligen Studenten archäologische Grabungen vorgenommen. Von David hatte sich die „Initiative 9. November“ denn auch Rat bei ihren Plänen für eine archäologische Erschließung des Bunkergeländes erhofft und ihn deshalb für Donnerstagabend zu einem Vortrag in den Bunker eingeladen.

          Wirkung der originalen Relikte

          Originalspuren – die hat David nicht nur bei seinen Grabungen in Dachau und dort vor allem auf dem ehemaligen SS-Schießplatz bei Herbertshausen gesucht, sondern auch bei seinen Besuchen anderer Konzentrationslager und NS-Zwangseinrichtungen von Buchenwald über Flossenbürg bis Kaufering. Denn die originalen Relikte, mögen sie auch noch so bescheiden sein, wirken nach seinen Erfahrungen auf die Nachgeborenen oft stärker als schriftliche Berichte oder Filme.

          In Buchenwald ist noch einiges an originalen Relikten des alten Konzentrationslagers übriggeblieben. Sogar die Fundamente der Häftlingsbaracken, die in Dachau in der Nachkriegszeit überdeckt worden sind, um eine Gedenkstätte mit einer parkähnlichen Fläche zu schaffen, sieht man in dem riesigen Lager bei Weimar noch. Freilich nagt an den übriggebliebenen Baracken-Grundrissen der Zahn der Zeit. Mittlerweile werden sie an einigen Stellen rekonstruiert. Doch damit, so stellt David fest, gehe die Authentizität verloren.

          Ob in den Konzentrationslagern Flossenbürg in der Oberpfalz und Mauthausen bei Linz oder in den Arbeitslagern von Mühldorf am Inn und Kaufering bei Landsberg am Lech: Immer sind es David zufolge die originalen Reste, die am meisten beeindrucken. Etwa die im Waldboden eingesackten Feldhütten, in denen Zwangsarbeiter vegetierten, die in den bei Mühldorf errichteten riesigen Hallen Flugzeuge für ihre Peiniger bauen mussten. Oder die eingeritzten Namen von Häftlingen auf Tonröhren, mit denen im Lager Kaufering VII die Behelfsunterkünfte der Gefangenen errichtet waren.

          Juden und Zwangsarbeiter hatten zum Hochbunker während den Bombennächten keinen Zutritt.

          In Dachau, dessen Häftlingsbaracken nach dem Krieg Flüchtlingen als Unterkunft dienten und von denen nichts mehr erhalten ist, hat David eine Baracke ausgraben lassen. Eine besondere Baracke, die Desinfektionsbaracke, durch die damals alle Häftlinge gegangen sind. Bei den Grabungen entdeckte sein Team auch den alten Lagergraben, der nach dem Krieg zugeschüttet worden war. Er ist breiter als der für die Gedenkstätte später rekonstruierte Graben – die Tatsachen liegen eben zuweilen unter der Erde.

          „Zum Verhör“ an die SS

          Den größten Erfolg mit seiner KZ-Archäologie hat David auf dem ehemaligen SS-Schießplatz bei Herbertshausen erzielt. Auf dieser riesigen Anlage wurden in den Jahren 1941 und 1942 zwischen 4000 und 6000 sowjetische Kriegsgefangene erschossen: jüdische Soldaten, Politkommissare und Offiziere. Sie wurden von der Wehrmacht aus ihren Gefangenenlagern in Bayern an die SS „zum Verhör“ ausgeliefert und auf dem Schießplatz mit Pistolen erschossen. Über diese Mordaktionen gibt es kaum Berichte.

          Mit Hilfe der archäologischen Grabungen konnte David genau die Schießbahn identifizieren, auf der die Gefangenen jeweils zu fünft getötet wurden. Ebenso den „Warteraum“, in dem die in Reih und Glied angetretenen Opfer auf ihre Abschlachtung warteten. Auf Grundlage dieser Erkenntnisse wurde jetzt in dem fast vergessenen Schreckensort Hebertshausen eine Gedenkstätte geschaffen, die durch ihre Schlichtheit beeindruckt.

          David und seine Studenten fanden auf dem Schießplatz auch Fragmente von Schädeln und Kiefern einiger der Ermordeten. Mittlerweile konnten über diese Funde die Namen von etwa 30 Soldaten festgestellt werden. „Diese Ausgrabungen hatten Sinn“, sagt David.

          Und sieht er mögliche Ausgrabungen auf dem Bunker-Areal an der Friedberger Anlage? Es gebe dort mit Sicherheit Reste der Synagogenfundamente, meint der Museumsdirektor. Und er ist überzeugt davon, dass das Gelände ein einzigartiger Grabungsort werden könnte. Allerdings hat David für die Mitglieder der „Initiative 9. November“ auch eine Warnung: Sie sollten keinesfalls einfach losgraben. Fü ein solches Vorhaben müsse man vorher genau wissen, was man wolle und einen detaillierten Plan entwickeln. Denn das, was man ausgrabe, müsse man danach auch schützen und bewahren – was immer teure Bauten nach sich ziehe. Überreste, die freigelegt würden, seien andernfalls der Witterung ausgesetzt und nach ein paar Jahren verschwunden, sagt David. Die Initiative müsse deshalb aufpassen: „Relikte sind empfindlich.“

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