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Wohnungsnot zum Semesterstart : „Ich hoffe, ich muss kein Zelt kaufen“

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Britta Herres weiß nicht mehr, wie viele Bewerbungen um WG-Plätze sie geschrieben hat. Bild: Albermann, Martin

Kurz vor Beginn der Vorlesungen im neuen Semester haben etliche Studenten noch keine feste Bleibe. Der AStA der Goethe-Universität wirft Stadt und Land vor, zu wenig gegen die Wohnungsnot in Frankfurt zu tun.

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          Ihr Budget liegt bei 500 Euro im Monat. Auf der Suche ist sie seit Juli. Anfangs hat sie drei Bewerbungen in der Woche abgeschickt. Mittlerweile sind es zehn am Tag. Britta Herres ist 20 Jahre alt und möchte in wenigen Tagen ihr Geschichtsstudium an der Goethe-Universität beginnen. Bis dahin wüsste sie gerne, wo sie wohnen wird.

          „Ich habe wirklich alles probiert, mich auf Wohnheimplätze, WG-Zimmer oder Einzimmerwohnungen beworben. Alles Absagen.“ Bezahlbare WG-Zimmer seien so heiß begehrt, dass ein Großteil der Anfragen über Onlineportale wie „WG gesucht“ überhaupt nicht beantwortet werde. Wenn Herres dann doch mal zu einem „Casting“ für ein freies Zimmer in einer Wohngemeinschaft eingeladen wird, steht sie vor dem nächsten Problem: „Häufig bekomme ich dann zu hören, dass ich zu jung für die WG bin und man eigentlich erst ab 25 Jahren oder älter sucht. Es ist zum Verrücktwerden.“

          Herres stammt nicht aus Frankfurt, sie hat dort weder Freunde noch Verwandte, die sie unterbringen könnten. „Momentan unterstützen mich meine Eltern finanziell, damit ich die ersten Tage im Hotel zumindest ein Dach über dem Kopf habe. Aber auf Dauer ist das natürlich keine Lösung.“ Optimal für sie wäre ein Platz in einem Studentenheim. Günstige Mieten, meist in unmittelbarer Nähe zur Uni gelegen, Gleichaltrige als Nachbarn. „Aber die Wartelisten für Plätze im Wohnheim sind riesig lang. Sechs Monate muss man im Moment mindestens warten, bis man überhaupt eine Chance auf eine Wohnung bekommt.“

          „Es läuft einfach richtig schlecht!“

          Tim Hoppe vom AStA der Goethe-Uni kennt solche Nöte gut. Die gegenwärtige Lage auf dem Wohnungsmarkt für Studenten sei desolat: „Es läuft einfach richtig schlecht!“ Im Koalitionsvertrag hätten CDU und Grüne den Anspruch formuliert, mindestens zehn Prozent aller Studenten in Hessen einen Wohnheimplatz anbieten zu können. „Dieses Ziel wurde aber komplett verfehlt, aktuell liegen wir im Land bei etwa 7,3 Prozent“, so Hoppe.

          Damit stehe Hessen im Vergleich aller Bundesländer auf Platz 13. In Frankfurt sei die Situation noch schlimmer, dort gebe es nur Plätze für 4,5 Prozent aller Studenten. Momentan stünden etwa 2000 Interessenten auf der Warteliste, um einen dieser begehrten Plätze zu bekommen. „Wir haben den fehlenden Wohnraum für Studenten schon so oft zur Sprache gebracht. Aus der Politik heißt es dann immer, man unternehme größte Anstrengungen, das Problem zu lösen. Doch allein, es passiert nichts.“

          Flächen für den Bau von Wohnheimen gäbe es genug in Frankfurt, meint Hoppe. „Allerdings sitzt das hessische Finanzministerium auf den Grundstücken wie die Henne auf dem Ei.“ Das Land verkaufe Flächen lieber an private Investoren, als sie für Studentenwohnungen zu reservieren. So geschehen zum Beispiel beim alten Frankfurter Polizeipräsidium, das 2018 für 200 Millionen Euro an einen privaten Entwickler verkauft worden sei. Das Versprechen des Landes, den Erlös in bezahlbaren Wohnraum zu investieren, sei bisher nicht eingelöst worden, kritisiert Hoppe.

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          Um zumindest in Notfällen zu helfen, hat der AStA in den vergangenen Jahren zu Semesterbeginn die Türen des Studierendenhauses in Bockenheim für wohnungslose Neukommilitonen geöffnet. Unter der Parole „Mieten? Ja wat denn?“ wurden Feldbetten in dem Gebäude aufgestellt, um einigen Studenten zumindest für ein paar Tage eine Bleibe zu verschaffen. Für die Gäste, die meist neu in Frankfurt waren, gab es auf dem Campus dann mehrere Programmtage mit Veranstaltungen, die ihnen die Stadt und die Universität nahebringen sollten.

          „Durch Corona war es uns in diesem und im letzten Jahr aber leider nicht möglich, das Projekt fortzuführen“, sagt Hoppe. Die Hygienebedenken seien einfach zu groß gewesen. „In Zukunft würden wir es aber sehr gerne wieder aufleben lassen.“ Eine Studentenvertretung könne natürlich keinen dauerhaften Wohnraum bereitstellen, das sei Sache der Stadt und der zuständigen Landesministerien. Allerdings gehe es bei der Aktion auch darum, ein Zeichen gegen die Wohnungsnot zu setzen.

          Förderung ist kompliziert

          Die Stadt Frankfurt ist sich der Schwierigkeiten bewusst. „Wir haben durchaus Nachholbedarf, was das Angebot für studentischen Wohnraum angeht“, gibt der Sprecher des Planungsdezernats zu. Doch sei es für die Stadt kompliziert, solche Projekte zu fördern. „Für studentischen Wohnraum ist eigentlich das Land Hessen zuständig. Dort werden auch die Fördermittel gestellt. Wir als Kommune haben da deutlich weniger Möglichkeiten.“

          Dennoch wolle die Stadt einen eigenen Beitrag leisten, sagt der Sprecher. So seien in den vergangenen Jahren sechs Wohnheimprojekte beschlossen worden, die von der Kommune mit knapp zwölf Millionen Euro gefördert würden. „Wichtig war uns dabei, dass die Wohnheime für Studenten auch bezahlbar bleiben.“

          So gebe es in Frankfurt zwar viele private Wohnheime mit freien Zimmern, allerdings seien diese zum Teil so teuer, dass ein Großteil der Studenten die Miete unmöglich aus eigener Tasche zahlen könne. „Wir als Stadt fördern nur Wohnheimprojekte, deren Wohnungen nicht mehr als 350 Euro im Monat kosten. Damit wollen wir sicherstellen, dass Studenten auch tatsächlich davon profitieren.“

          Auch das Land Hessen ist laut dem Sprecher des Planungsdezernats nicht untätig. So stünden drei Wohnheimprojekte, die von der Regierung mitfinanziert würden, kurz vor der Bewilligung. Etwa 1000 Wohnheimplätze sollen dadurch geschaffen werden.

          All dass hilft Britta Herres bei der Suche nach einer Bleibe im Moment wenig. „Ich habe den Überblick verloren, wie viele Bewerbungen ich insgesamt schon abgeschickt habe. Ich hoffe einfach, dass ich mir zum Semesterstart nicht ein Zelt kaufen muss, um irgendwo schlafen zu können.“

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