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Wohngenossenschaft : „Komm rein, und zieh die Schuhe aus“

Gute Aussichten: Auf Peter Sauers Balkon ist Herbert Bauch (Mitte) zu Besuch. Ulla Diekmann wohnt ein Stockwerk drüber. In der Hausgemeinschaft der Genossenschaft Fundament leben 13 Personen. Bild: Wonge Bergmann

Im Alter allein sein, wer will das schon? Auf dem Naxosgelände in Frankfurt hat keiner Angst vor der Einsamkeit. Dort sind die ersten gemeinschaftlichen Wohnprojekte fertig.

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          Es ist dann doch nicht der erhoffte grandiose Blick. Am Silvesterabend hüllt sich die Skyline in Nebel, auch die Rauchschwaden der Raketen und Böller trüben den Blick. Für die „Projektgruppe Naxos“ der Wohngenossenschaft Fundament ist dieser Jahreswechsel trotzdem ein besonders schöner. Wie verabredet, treffen sie sich um Mitternacht auf der Dachterrasse im sechsten Stock ihres neuen Zuhauses und stoßen an. Auf die gemeinsame Zukunft im Ostend.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Erlebnisse verbinden. Das weiß jeder, der schon einmal einen längeren Urlaub im Freundeskreis verbracht oder in einer Wohngemeinschaft gewohnt hat. Im Grunde genommen ist die Fundament-Gruppe auch eine Art WG. Nur dass die Bewohner nicht als Studenten zusammenziehen, sondern im fortgeschrittenen Alter, in dem für die meisten der Ruhestand schon begonnen hat oder zumindest nicht mehr fern ist. Das war für viele von ihnen auch der Grund zusammenzuziehen: Im Alter allein sein, wer will das schon?

          Die 13 Mitglieder der Naxos-Gruppe bilden eine Hausgemeinschaft. Jeder Haushalt hat seine eigene Wohnung, insgesamt sind es zwölf, aber die Waschmaschinen, die Dachterrasse und auch die Autos werden geteilt. Im Erdgeschoss gibt es einen Gemeinschaftsraum. Und solange das Internet noch nicht bei allen funktioniert, loggt man sich einfach beim Nachbarn ein.

          Vom Zeitungsabo bis zur Waschmaschine

          Mitte November sind die Genossen eingezogen. Als dritte Projektgruppe von fünfen, die auf dem Naxos-Gelände im Ostend eine neue Heimat gefunden haben, waren sie „drin“ in ihren Wohnungen, wie Peter Sauer sagt. Er ist fast sechzig, noch berufstätig und erst spät zu der Gruppe gestoßen. Aber schon restlos überzeugt: „Man kann überall im Haus rumlaufen und klingeln. Bisher hieß es noch nicht einmal ,Lass uns in Ruhe‘, sondern immer ,Komm rein, und zieh die Schuhe aus‘.“ Es gibt noch ein paar Baumängel, im Keller steht manchmal Wasser, das Treppenhaus und der Fahrstuhl sind noch mit Pappe ausgelegt, und der Gemeinschaftsraum ist noch lange nicht fertig. Aber als der Umzugsmüll entsorgt werden musste, hat einer einfach sein Auto zur Verfügung gestellt, und alle haben mit angepackt.

          Jetzt sitzen sie bei Peter Sauer im Wohnzimmer und erzählen. Auf dem Tisch stehen eine Schale mit Obst, Schoko-Nikoläuse und ein Blumenstrauß, es riecht nach frischer Farbe. Ulla Diekmann hatte nur elf Umzugskartons. „Das war Rekord!“ Bei Herbert Bauch, der 90 Kartons mitbrachte, hat die Waschmaschine den Umzug nicht überstanden. Anstatt eine neue zu besorgen, teilt er sich jetzt im Waschraum eine Maschine mit zwei Nachbarn. Bauch ist schon Rentner, er macht seine Wäsche tagsüber, wenn Sauer (mehr als 80 Kartons) und Diekmann arbeiten. Und wenn das Ding kaputt ist, kauft sich die Waschgemeinschaft ein neues Gerät. Auch andere Sachen wollen sie teilen: Das Haus bezieht fünfmal die „Frankfurter Rundschau“, dreimal die „taz“, einmal den „Freitag“, einmal die F.A.Z. und einmal die „Junge Welt“. Die Zeitungen wollen sie im Gemeinschaftsraum auslegen, wenn er einmal fertig ist.

          Eine Wohnung mit Garten steht noch leer

          Aber nicht nur der gemeinsame Alltag, auch die jahrelange Planung verbindet. Begonnen hat alles schon 2006. Damals hatte sich die Gruppe mit der Absicht gegründet, ein großes Mehrgenerationenhaus mit 32 Wohnungen zu bauen. Die Stadt wollte das Gelände rund um die Naxoshalle, das die Naxos-Union bis 1997 als Produktionsstätte genutzt hat, mit Wohnhäusern bebauen. Bei der Vergabe der Baufelder wurden gemeinschaftlich organisierte Projekte bevorzugt. Weil die Stadt eine gemischte Bewohnerstruktur auf dem Gelände wünscht und auch grundsätzlich gemeinschaftliche Wohnprojekte fördern will, wurde zusätzlich zu den Miet- und Eigentumswohnungen ein Drittel der Wohnbaufläche rund um die Naxoshalle für solche Gruppen reserviert.

          In einem städtebaulichen Wettbewerb kamen aber nicht alle Interessenten zum Zug, das Fundament-Projekt schrumpfte auf zwölf Parteien zusammen. Mehrfach änderte sich auch die Zusammensetzung der Gruppe. „Von der alten Garde sind nur vier übrig geblieben“, sagt Sauer. Die Gruppe hat sich stark gewandelt, erst seit zweieinhalb Jahren ist sie stabil. Weil kurz vor dem Einzug eine Partei aus privaten Gründen abgesprungen ist, steht eine Wohnung im Erdgeschoss mit kleinem Garten und eigener Terrasse noch leer.

          Stadt glaubt an sozialen Mehrwert des Projekts

          Seit Jahren trifft sich die Gruppe regelmäßig. Anfangs geht es um Grundsätzliches: Wie viel Gemeinschaft ist angemessen, wo beginnt das Private? Später wird es konkreter und pragmatischer: Es geht um die Anzahl der Fahrradbügel vor dem Haus, die Heizung, den mühsamen Bau der Tiefgarage, die Lage der Steckdosen, die Anzahl der Mülltonnen, die Gestaltung des Gemeinschaftsraums. Die ganze Organisation, das gemeinsame Planen eines großen Projekts, schweißt zusammen. „Zwischen den Gruppenmitgliedern ist es zu einer großen, für mich geradezu überraschenden Offenheit gekommen“, sagt Sauer.

          Am 20. Juni 2011 wurde der Erbbauvertrag unterschrieben. Weil das Naxos-Gelände in einem begehrten Gründerzeitviertel liegt, gab es damals auch Kritik: Warum sollen bestimmte Bauherren bevorzugt werden und nicht die Meistbietenden zum Zug kommen? Die Stadt argumentiert mit der „Stadtrendite“, also dem sozialen Mehrwert für die Nachbarschaft: Die Projekte sollen durch ihre Zusammensetzung und mit besonderen Aktivitäten und Angeboten den Stadtteil bereichern. Einige der fünf Gruppen, die auf Naxos zum Zug kommen, wollen ihren Gemeinschaftsraum auch für Geburtstagsfeiern, Vorträge oder Lesungen zur Verfügung stellen. Andere haben angekündigt, einmal im Jahr einen Weihnachtsmarkt zu organisieren. Die Fundament-Gruppe erhielt den Zuschlag, weil sie für ihre Bewohner Carsharing und einen Gemeinschaftsraum anbietet und gemeinsame kulturelle Unternehmungen angekündigt hatte. Wann es damit losgeht, steht noch nicht fest. Noch haben die Neuankömmlinge mit Auspacken und Einrichten genug zu tun. Aber der erste Flohmarkt in der Naxoshalle hat schon stattgefunden, am 20. Dezember. Auch Lesungen und Hausaufgabenhilfe können sich die Mitglieder vorstellen.

          Die Bewohner bilden auf dem verhältnismäßig günstigen Bauland kein Eigentum. Sie sind dem Genossenschaftsgedanken verpflichtet und erwerben ein lebenslanges Nutzungsrecht für ihre Wohnung. Wer bei der Genossenschaft „Fundament bauen wohnen leben“ mitmachen will, muss für mindestens 5000 Euro Anteile erwerben. Im Naxos-Projekt müssen zudem „nutzungsrechtliche Pflichtanteile“ in Höhe von 600 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche erworben werden. Dieser Betrag wird nach Auszug zurückgezahlt. Durch einen zusätzlichen Baukostenzuschuss kann je nach Höhe die monatliche Nutzungsgebühr, also eine Art Miete, gesenkt werden. Diese Gebühr beträgt rund zwölf Euro je Quadratmeter.

          Ringsum kämpfen zwei andere Projekte noch mit ihren Baustellen. Nur gegenüber sind die Nachbarn schon eingezogen, mit vielen Kindern. „Wir sind hier die alten Knacker“, sagt Sauer und lacht. Der konsequente Fahrradfahrer wünscht sich noch mehr Abstellbügel vor dem Haus, ist sonst aber rundum zufrieden. Allein die Gruppenerfahrung in den beiden Jahren, in denen er bisher dabei war, sei „eine lohnende Zeit“ gewesen. Nur manchmal fühlt er sich im neuen Zuhause noch wie in einer Ferienwohnung: „Man zieht immer noch die falsche Schublade auf und findet nichts.“

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