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Wohngenossenschaft : „Komm rein, und zieh die Schuhe aus“

In einem städtebaulichen Wettbewerb kamen aber nicht alle Interessenten zum Zug, das Fundament-Projekt schrumpfte auf zwölf Parteien zusammen. Mehrfach änderte sich auch die Zusammensetzung der Gruppe. „Von der alten Garde sind nur vier übrig geblieben“, sagt Sauer. Die Gruppe hat sich stark gewandelt, erst seit zweieinhalb Jahren ist sie stabil. Weil kurz vor dem Einzug eine Partei aus privaten Gründen abgesprungen ist, steht eine Wohnung im Erdgeschoss mit kleinem Garten und eigener Terrasse noch leer.

Stadt glaubt an sozialen Mehrwert des Projekts

Seit Jahren trifft sich die Gruppe regelmäßig. Anfangs geht es um Grundsätzliches: Wie viel Gemeinschaft ist angemessen, wo beginnt das Private? Später wird es konkreter und pragmatischer: Es geht um die Anzahl der Fahrradbügel vor dem Haus, die Heizung, den mühsamen Bau der Tiefgarage, die Lage der Steckdosen, die Anzahl der Mülltonnen, die Gestaltung des Gemeinschaftsraums. Die ganze Organisation, das gemeinsame Planen eines großen Projekts, schweißt zusammen. „Zwischen den Gruppenmitgliedern ist es zu einer großen, für mich geradezu überraschenden Offenheit gekommen“, sagt Sauer.

Am 20. Juni 2011 wurde der Erbbauvertrag unterschrieben. Weil das Naxos-Gelände in einem begehrten Gründerzeitviertel liegt, gab es damals auch Kritik: Warum sollen bestimmte Bauherren bevorzugt werden und nicht die Meistbietenden zum Zug kommen? Die Stadt argumentiert mit der „Stadtrendite“, also dem sozialen Mehrwert für die Nachbarschaft: Die Projekte sollen durch ihre Zusammensetzung und mit besonderen Aktivitäten und Angeboten den Stadtteil bereichern. Einige der fünf Gruppen, die auf Naxos zum Zug kommen, wollen ihren Gemeinschaftsraum auch für Geburtstagsfeiern, Vorträge oder Lesungen zur Verfügung stellen. Andere haben angekündigt, einmal im Jahr einen Weihnachtsmarkt zu organisieren. Die Fundament-Gruppe erhielt den Zuschlag, weil sie für ihre Bewohner Carsharing und einen Gemeinschaftsraum anbietet und gemeinsame kulturelle Unternehmungen angekündigt hatte. Wann es damit losgeht, steht noch nicht fest. Noch haben die Neuankömmlinge mit Auspacken und Einrichten genug zu tun. Aber der erste Flohmarkt in der Naxoshalle hat schon stattgefunden, am 20. Dezember. Auch Lesungen und Hausaufgabenhilfe können sich die Mitglieder vorstellen.

Die Bewohner bilden auf dem verhältnismäßig günstigen Bauland kein Eigentum. Sie sind dem Genossenschaftsgedanken verpflichtet und erwerben ein lebenslanges Nutzungsrecht für ihre Wohnung. Wer bei der Genossenschaft „Fundament bauen wohnen leben“ mitmachen will, muss für mindestens 5000 Euro Anteile erwerben. Im Naxos-Projekt müssen zudem „nutzungsrechtliche Pflichtanteile“ in Höhe von 600 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche erworben werden. Dieser Betrag wird nach Auszug zurückgezahlt. Durch einen zusätzlichen Baukostenzuschuss kann je nach Höhe die monatliche Nutzungsgebühr, also eine Art Miete, gesenkt werden. Diese Gebühr beträgt rund zwölf Euro je Quadratmeter.

Ringsum kämpfen zwei andere Projekte noch mit ihren Baustellen. Nur gegenüber sind die Nachbarn schon eingezogen, mit vielen Kindern. „Wir sind hier die alten Knacker“, sagt Sauer und lacht. Der konsequente Fahrradfahrer wünscht sich noch mehr Abstellbügel vor dem Haus, ist sonst aber rundum zufrieden. Allein die Gruppenerfahrung in den beiden Jahren, in denen er bisher dabei war, sei „eine lohnende Zeit“ gewesen. Nur manchmal fühlt er sich im neuen Zuhause noch wie in einer Ferienwohnung: „Man zieht immer noch die falsche Schublade auf und findet nichts.“

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