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Schule des Bürgersinns

Von MATTHIAS TRAUTSCH
Foto: Michael Hauri

21. April 2019 · Mal fortschrittlich, mal linientreu: Das Wöhler-Gymnasium ist seit 150 Jahren ein Kind der Stadtgesellschaft – und deren Spiegel.

Mit abgesagten Jubiläumsfeiern kennt sich die Wöhlerschule aus. 1970 wollte das Gymnasium eigentlich seine damals 100 Jahre zurückliegende Gründung begehen. Doch die Zeit war nicht danach. Hinter der Schule lagen zwei Jahre des Ausnahmezustands. Der Protest der Studentenbewegung, die in Frankfurt auch eine Schülerbewegung war, hatte das Gymnasium in seinen Grundfesten erschüttert. Tagelang hatten Jugendliche im Zuge der, wie es in einem Flugblatt hieß, „organisierten Verunsicherung des bestehenden Schul- und Gesellschaftssystems“ einen Trakt der Schule besetzt, Inventar zerstört und Feuer gelegt.

„Zweckmäßig“: 1881 bekam die Wöhlerschule einen Neubau im Westend – am Rande der Stadt gelegen, wie Oberbürgermeister Miquel sagte.
„Zweckmäßig“: 1881 bekam die Wöhlerschule einen Neubau im Westend – am Rande der Stadt gelegen, wie Oberbürgermeister Miquel sagte. Foto: Archiv

Schon die Gründung ein Jahrhundert zuvor war gewissermaßen eine Revolution gewesen, allerdings ohne Tumult und Rauchschwaden. Per Annonce wurde im März 1870 kundgetan, dass die Polytechnische Gesellschaft Klassen für Jungen im Alter von sechs bis acht Jahren eröffnen werde. Der Unterricht sollte bis zum 15. Lebensjahr fortgeführt werden und sich in den oberen Klassen auf Zeichnen, Rechnen, Mathematik, Naturwissenschaften, Geographie, Geschichte, deutsche, französische und englische Sprache sowie Singen und Turnen erstrecken. Das war in jener Zeit, als sich höhere Bildung vielfach noch auf alte Sprachen und Theologie beschränkte, ein überaus fortschrittlicher Lehrplan, zumal er nicht nur einem kleinen Kreis von Sprösslingen wohlhabender Familien zugutekommen sollte. Dass gerade die Polytechnische Gesellschaft, deren langjähriger Präsident August Anton Wöhler zum Namenspatron wurde, das ambitionierte Projekt in Angriff nahm, war kein Zufall. Die Polytechniker waren, wie sie es mit ihrer Stiftung bis heute sind, ein zentraler Bildungsakteur in der Bürgerstadt Frankfurt. Sie führten unter anderem die höhere Gewerbeschule an der Junghofstraße, in der die Klassen der neuen allgemeinbildenden Schule zunächst unterkamen. Sie wuchs schnell und wurde 1876 von der Stadt übernommen, was ihr zunächst aber nicht zum Vorteil gereichte. Statt sie als Realschule 1. Ordnung – im heutigen Sinn also als Gymnasium – einzustufen, wollte das Schulamt sie „degradieren“, wie sich eine Zeitung empörte. Doch Eltern und Öffentlichkeit liefen Sturm und setzen sich letztlich durch.

Untersekunda: Das Foto entstand 1912, auf der Rückseite ist notiert, welche der Schüler wenige Jahre später im Krieg gefallen sind.
Untersekunda: Das Foto entstand 1912, auf der Rückseite ist notiert, welche der Schüler wenige Jahre später im Krieg gefallen sind. Foto: privat

Für Martin Hilgenfeld und Norbert Rehner macht dieser „Bürgersinn“ den besonderen Charakter der Wöhlerschule bis heute aus. Hilgenfeld war von 1993 an zehn Jahre Direktor des Gymnasiums und übergab die Leitung dann an Rehner, der sie bis 2011 innehatte. Für das 150-Jahre-Jubiläum haben sich die beiden ehemaligen Direktoren tief ins Archiv begeben. „Wobei Archiv etwas hoch gegriffen ist: Das war ein Kellerraum mit Kisten und Kartons“, sagt Rehner. Ausgangspunkt des Rechercheprojekts war seine Arbeit als Stadtteilhistoriker – auch das ein Projekt der Polytechniker-Stiftung.

Den Fokus ihrer Forschungen legten Hilgenfeld und Rehner auf die Zeit vom Kaiserreich bis zu den Anfangsjahren der Bundesrepublik. 1881 hatte die Wöhlerschule einen Neubau im Westend bezogen – „am Rande der Stadt gelegen“, wie Oberbürgermeister Johannes Miquel bei der Eröffnung sagte. Nicht nur die Stadtgemarkung ist inzwischen eine andere, sondern auch der gestalterische Anspruch an Schulbauten: Das aus heutiger Sicht überaus repräsentative Gebäude an der Lessingstraße war in den Augen Miquels „in allen seinen Teilen zweckmäßig, nach den neuesten Erfahrungen im Schulbau eingerichtet, geschmackvoll und doch einfach und prunklos“.

Geschichtsforscher: Die ehemaligen Direktoren Norbert Rehner (links) und Martin Hilgenfeld haben sich tief ins Schularchiv begeben.
Geschichtsforscher: Die ehemaligen Direktoren Norbert Rehner (links) und Martin Hilgenfeld haben sich tief ins Schularchiv begeben. Foto: Helmut Fricke

„Das Gebäude ist in allen seinen Teilen zweckmäßig, nach den neuesten Erfahrungen im Schulbau eingerichtet, geschmackvoll und doch einfach und prunklos.“
JOHANNES MIQUEL, Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt, 1881

Hilgenfeld und Rehner haben solche Zitate, historische Bilder und kurze Erläuterungen zu einer kleinen Ausstellung zusammengestellt. Sie dokumentiert auch den nationalistischen Militarismus, der Deutschland und die Wöhlerschule vor Ausbruch und zu Anfang des Ersten Weltkriegs erfasste. Auf einem Foto ist der Schulleiter mit Pickelhaube zu sehen, umrahmt von Abiturienten, die sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hatten. Eine andere Abbildung zeigt eine Untersekunda aus dem Jahr 1912 – auf der Rückseite ist notiert, welche der Schüler wenige Jahre später gefallen waren. Insgesamt starben 300 Lehrer und Schüler im Ersten Weltkrieg.

Von Anfang an spielte der Sport eine große Rolle, zum Beispiel Turnen, Skifahren und Ballspiele. So kam Rugby schon 1876 durch Wöhlerschüler nach Frankfurt.
Von Anfang an spielte der Sport eine große Rolle, zum Beispiel Turnen, Skifahren und Ballspiele. So kam Rugby schon 1876 durch Wöhlerschüler nach Frankfurt. Foto: privat
Widersetzte sich: Von den Nazis entlassen, wurde Franz Schramm nach dem Krieg Kultusminister.
Widersetzte sich: Von den Nazis entlassen, wurde Franz Schramm nach dem Krieg Kultusminister. Foto: privat
Erstaunlich umfassend sei die Quellenlage über die Schule während des Nationalsozialismus, sagt Hilgenfeld. Auf einem Porträt ist Schulleiter Franz Schramm zu sehen, der seine jüdischen Schüler und Lehrer zu schützen versuchte, 1935 strafversetzt und drei Jahre später aus dem Schuldienst entlassen wurde. Unter dem neuen Leiter nahm die Wöhlerschule einen stramm nationalsozialistischen Kurs. Im Festsaal wurde ein Gemälde aufgehängt, das „den Führer lebensgroß, in schlichter Menschlichkeit und doch geschichtlicher Größe“ zeigte, wie die „Wöhlerschulmitteilungen“ 1937 schrieben.

Hilgenfeld hat ein besonderes Augenmerk auf die Abituraufgaben der NS-Zeit gerichtet. Auch wenn man von der rassistischen Indoktrinierung jener Jahre wisse, sei es erschütternd zu lesen, wie die jungen Leute das nationalsozialistische Gedankengut verinnerlicht und wie selbstverständlich wiedergegeben hätten. Noch in den Kriegstrümmern Anfang 1945 wurde die Reifeprüfung abgehalten mit Themen wie „Vom Wert und Unwert des Buches“ und „Das Meer als Quelle der Völkergröße“. Schon knapp ein Jahr zuvor war das Schulgebäude beim großen Fliegerangriff auf Frankfurt zerstört worden. Der entlassene Schulleiter Schramm wurde hingegen nach Kriegsende rehabilitiert und zum ersten hessischen Kultusminister ernannt.

Dass es die Wöhlerschule überhaupt noch gibt, schreiben Rehner und Hilgenfeld dem besagten Bürgersinn zu. Anfang der fünfziger Jahre beschloss der Magistrat, die Schule zu schließen, was heftige Proteste hervorrief. „Schildbürgerstreich oder Schulpolitik?“, fragte diese Zeitung 1952. Die Stadt zog ihren Beschluss zurück, verlangte jedoch, dass ein Förderverein Kapital für ein neues Schulgebäude besorgte. Kredite für den heutigen Schulcampus am Dornbusch wurden privat eingeworben, für die Inneneinrichtung sammelte der Förderverein in der ganzen Stadt, so dass die Eröffnung 1957 unter großer gesellschaftlicher Anteilnahme stattfand.
Am Dornbusch: 1957 zog die Wöhlerschule auf ihr heutiges Schulgelände um.
Am Dornbusch: 1957 zog die Wöhlerschule auf ihr heutiges Schulgelände um. Foto: privat

Auch am neuen Standort war der Schulbesuch zunächst Jungen vorbehalten, 1972 öffnete sich das Gymnasium für Mädchen und wurde über die Jahre zu einer der größten Schulen in Frankfurt. Das technisch-naturwissenschaftliche Profil, das vom Ursprung als Realgymnasium angelegt war, wurde fortentwickelt, unter anderem durch die Befassung mit digitalen Medien. Seit den achtziger Jahren baute die Schule außerdem einen Musik-Schwerpunkt auf und nahm sich des Umweltthemas an, gestaltete einen Teil des Schulgeländes naturnah um und siedelte Bienenvölker an. Das „Ökohaus“, das in den neunziger Jahren auf dem Schulgelände entstand, war abermals ein Projekt bürgerschaftlichen Engagements: Entstanden aus einer Schülerinitiative wurde es mit Hilfe einer Stiftung, von Sponsoren und Spendern finanziert.

Schüler vor der Wöhlerschule
Schüler vor der Wöhlerschule
Das Schwimmbad der Schule, Eröffnung 2011
Das Schwimmbad der Schule, Eröffnung 2011
Foto: Wolfgang Eilmes

All das wäre sicher auch beim für den 25. April geplanten akademischen Festakt zur Sprache gekommen, den die Schule wegen der Corona-Pandemie absagen musste. Anders als 50 Jahre zuvor soll die Jubiläumsfeier allerdings nicht ersatzlos entfallen. Schulleiterin Renate Bleise hofft, dass der Festakt im Herbst nachgeholt werden kann. Dann könnte auch die Ausstellung zur Schulgeschichte zu sehen sein, die die beiden Vorgänger Bleises erarbeitet haben.

Ausguck: Wöhlerschüler beobachten 2015 die Sonnenfinsternis.
Ausguck: Wöhlerschüler beobachten 2015 die Sonnenfinsternis. Foto: dpa

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 21.04.2020 08:09 Uhr