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Reise über Atlantik : Auch Wiesbadener Studentin segelt zu Klimakonferenz in Chile

Aktivistin: Clara von Glasow, Studentin aus Wiesbaden, reist mit einer Yacht zur Klimakonferenz nach Südamerika. Bild: Marcus Kaufhold

Greta Thunberg segelt über den Atlantik, um bei Klimakonferenzen in New York und Santiago de Chile teilzunehmen. Auch eine Jura-Studentin aus Wiesbaden möchte in Chile dabei sein – und tut es der berühmten Klima-Aktivistin gleich.

          Anfang Oktober soll sie in See stechen, die Königin der Meere. Den Dreimastschoner „Regina Maris“ haben sich 36 Klimaaktivisten ausgesucht, um möglichst emissionsarm zur 25. UN-Klimakonferenz nach Chile zu gelangen. Sie kommen aus ganz Europa.

          Unter ihnen ist Clara von Glasow, 25 Jahre alt, Jurastudentin an der privaten EBS-Universität für Wirtschaft und Recht in Wiesbaden und schon seit ihrer Kindheit an Umweltthemen interessiert. „Vor allem geht es darum, Aufmerksamkeit zu bekommen“, sagt Glasow über das Vorhaben – Aufmerksamkeit für den Klimawandel, der nicht zuletzt durch die jüngsten Dürresommer und die „Fridays for Future“-Proteste wieder in den Fokus gerückt ist.

          Ein großes Privileg für sie

          Schon auf den vorherigen Konferenzen in Bonn und Kattowitz war Glasow dabei. Seit 2017 ist sie Mitglied der Nichtregierungsorganisation „Klimadelegation“. Sie will vor allem zeigen, dass man auch weite Strecken nicht immer mit dem Flugzeug zurücklegen müsse – wenngleich ihr klar ist, dass nicht jeder, der über den Atlantik will, mal eben ein Segelschiff chartern kann. „Das, was ich mache, ist ein großes Privileg, aber das muss ich nutzen.“

          Am 1. Oktober legt das Schiff im niederländischen Scheveningen ab. Vier Zwischenaufenthalte sind vorgesehen: Casablanca, Teneriffa, Kap Verde und das brasilianische Recife. Von dort aus geht es weiter nach Rio de Janeiro. Wo immer die Aktivisten in Küstennähe sind, wollen sie ihre Social-Media-Kanäle bespielen, zum Beispiel auf Instagram, wo sie einen Account namens „Sail to the Cop“ eingerichtet haben. Sechs Wochen sind für die Segelfahrt eingeplant. Danach fahren die Teilnehmer von Rio aus eine Woche lang mit dem Bus nach Santiago de Chile.

          2500 pro Person

          Die Mitstreiter sind für Arbeiten auf dem Segelschiff eingeteilt. Für das Segeln ist vor allem eine fünfköpfige Crew verantwortlich. Zur ihr gehört ein Kapitän, der den Aktivisten einen Rabatt gewährt hat. So müssen sie nur noch 2500 Euro je Person aufbringen. Einen Teil davon finanzierten sie selbst, sagt Glasow, das Gros komme über eine Crowdfunding-Kampagne und Sponsoren zusammen, zu denen das niederländische Ministerium für Infrastruktur und Wasserwirtschaft gehöre.

          In Chile wollen sich die Segler für einen ambitionierteren Klimaschutz einsetzen. Gelegenheiten, sich darauf vorzubereiten, haben sie genug. „Wir wollen die Zeit nutzen, das Schiff in einen schwimmenden Thinktank umzuwandeln“, sagt Glasow.

          Andere Transportwege für die Zukunft

          Ziel ist es, Vorschläge zur Reduzierung von Emissionen auszuarbeiten. Glasow hat schon einige Ideen, über die derzeit auch in der Politik diskutiert wird. Man müsse die europäische Infrastruktur stärken, die Preise für Bahnfahrten verringern, Nachtzüge wieder etablieren und eine Kerosinsteuer für Flugzeuge einführen. Denn gerade Flüge innerhalb Europas seien oft vermeidbar.

          Auch wenn diese derzeit nur einen kleinen Anteil an den Emissionen ausmachten, zeigten Vorhersagen doch, dass die Belastung durch den Flugverkehr in den nächsten zwanzig Jahren deutlich zunehmen werde. „Es muss andere Transportwege geben, um unsere Zukunft zu garantieren.“

          Jeder müsse sich selbst fragen, ob es wirklich nötig sei, für zwei Wochen weit weg in den Urlaub zu fliegen. Auch die eine oder andere Geschäftsreise sei vermeidbar, weil man sich mit modernen Medien über weite Strecken unterhalten und sehen könne.

          Hoffnung auf mehr Anregungen

          Doch fahren die 36 Aktivisten – wenn auch emissionsarm – nicht gerade deshalb nach Chile, weil sie sich an Ort und Stelle mehr Anregungen erhoffen als via Skype? Das stimme schon, sagt Glasow: „Es ist etwas anderes, persönlich zu verhandeln.“ Und auch sonst weiß sie um den Vorteil des Fliegens. „Ich habe selbst schon Reisen in ferne Länder gemacht, die mir persönlich viel gebracht haben.“ So war sie nach ihrem Abitur in Indien, wo sie für eine Organisation gearbeitet hat, die sich für nachhaltige Landwirtschaft einsetzt.

          Und in Namibia engagierte sie sich für ein Projekt mit Kindern in einem Armenviertel. Ob sie das aus heutiger Sicht wieder machen würde? „Das ist eine knifflige Frage“, sagt die Jurastudentin. Aber wahrscheinlich schon.

          Wie die Aktivisten wieder zurückkommen, ist noch unklar. Mit der „Regina Maris“ jedenfalls nicht. Einige wollen zurück segeln, Glasow wohl auch. Das, sagt sie, sei wegen der Strömung aber erst im April möglich. Die Zeit habe sie nach ihrem ersten Staatsexamen aber nun. Auch das sei ein Privileg, das sie später als Juristin nicht mehr haben werde. „Dann wird es sicherlich nicht mehr möglich sein, sechs Wochen lang zu einer Konferenz zu fahren.“

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