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Ramadan in Zeiten von Corona : Mehr Besinnung, weniger Herzlichkeit

Gemeinschaft gehört zum Ramadan: Bei einer Obdachlosenspeisung im Bahnhofsviertel geht das immerhin mit Schutzvorkehrungen. Bild: Lando Hass

An diesem Wochenende feiern die Muslime das Ende des Ramadans. Vieles ist anders als sonst.

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          Stell dir vor, Ostern fällt aus, und Ostern ist 30 Tage lang jeden Tag“, sagt Nilab Taufiq. Die 28 Jahre alte Studentin der Politikwissenschaft und Soziologie sitzt in der ISS-Moschee im Gallusviertel. Mittwochs und samstags trifft sich hier ihr Verein „Asiyah“, um Essen für Obdachlose im Bahnhofsviertel zu kochen. Auch während des Ramadans, der am 23. April begonnen hat und in dieser Woche endet, läuft das Projekt weiter. Es ist eine der wenigen Gelegenheiten, sich auch in Zeiten der Corona-Isolation kurz zu sehen und wenn schon nicht gemeinsam zu essen, dann doch immerhin gemeinsam für andere zu kochen.

          Für gläubige Muslime ist der Fastenmonat Ramadan der Höhepunkt des Jahres. Jeden Abend nach Sonnenuntergang findet das Fastenbrechen statt, man begeht es normalerweise mit der Familie, mit Freunden oder anderen Gläubigen in der Gemeinde. In der Moschee betet man gemeinsam, jeder bringt etwas anderes zu Essen mit, man tauscht und teilt. In diesem Jahr geht das nicht.

          Von ihrer Vereinsarbeit abgesehen sei dieser Ramadan für sie deutlich einsamer gewesen als frühere Fastenmonate, sagt Taufiq, die aus München kommt und wie viele ihrer Kommilitonen keine Familie in Frankfurt hat, mit der sie diese Zeit verbringen könnte. In den vergangenen Jahren sei sie deshalb immer mindestens zwei Wochen nach Bayern gefahren. Dieses Jahr habe sie das Fasten fast jeden Abend allein gebrochen. „Ich und meine Mutter haben es mal mit einem Videoanruf versucht, aber das war nicht das Gleiche. Ich saß da mit meiner traurigen Gemüselasagne aus der Tiefkühltruhe, und sie hatte das tollste Essen. Da wollte ich das Video schnell wieder ausmachen“, sagt Taufiq. Ihre ausländischen Kommilitonen hätten ihr erzählt, dass sie sich in Frankfurt nie so einsam gefühlt hätten wie jetzt: allein im Studentenzimmer, während die Familie zu Hause beisammen sitzt.

          Nilab Taufiq: „Ich verbinde mit Ramadan das Familiäre, das Soziale. Davon ist viel weggefallen. Besonders für Menschen, die keine Familie hier haben.“

          Älteren, alleinstehenden Leuten sei es ähnlich gegangen: „Für die war das schon schlimm. Ich denke, der psychische Aspekt war da fast wichtiger als der religiöse. Denn das Freitagsgebet ist auch immer ein soziales Event, man trifft Freunde, trinkt gemeinsam Tee“, erzählt die Studentin. Der Stillstand hatte aber auch sein Gutes. „Für viele Familien war es schön, mehr Zeit füreinander zu haben“, sagt Taufiq. Alles sei weniger gehetzt gewesen. Außerdem sei der Ramadan auch ein Monat der Besinnung. Und dafür war nun mehr als genug Zeit.

          Reem Al Khateb kommt aus Frankfurt. Sie macht ebenfalls bei „Asiyah“ mit und kocht an diesem Tag für die Obdachlosen. Ramadan sei jedes Jahr ein bisschen anders, mal intensiver, mal weniger intensiv. Dieses Jahr habe sie mehr Zeit gehabt, sich auf das Religiöse zu konzentrieren. Das Fasten sei weniger anstrengend gewesen, weil sie nicht von der Uni zur Arbeit nach Hause gehetzt sei, denn außer der Vereinsarbeit habe das meiste nicht mehr stattgefunden.

          Mansur Azizi: „Gemeinsam zu beten, das hat sehr gefehlt. Dadurch ist einem aber auch bewusst geworden, was man wirklich braucht.“

          Inzwischen sind Gebete in der Moschee zwar wieder erlaubt, doch die Distanzregeln sorgen dafür, dass viel weniger Menschen daran teilnehmen können. Im Frauenbereich gebe es 36 statt 120 Plätze, sagt Taufiq. Wer zuerst kommt, darf rein, doch wollen das ohnehin nur wenige: Viele Leute haben immer noch Sorge, sich mit Corona anzustecken.

          Ein Gebet, bei dem man nicht eng beieinander sitzen könne und Maske trage, sei außerdem etwas seltsam, sagt Mansur Azizi, der gekommen ist, um später bei der Essensausgabe zu helfen. „Es ist nicht so herzlich wie sonst. Alle sind ein bisschen vorsichtiger.“

          Auch Id al Fitr, das große Fest zum Ende des Ramadans, das die Muslime von diesem Samstagabend bis Sonntag feiern, wird anders sein. Vielleicht ruhiger, vielleicht besinnlicher. Doch das Essen mit anderen zu teilen, wird fehlen. Und das gehört normalerweise einfach dazu.

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