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Razzien in Frankfurt : Crack als Leitdroge

Reihenuntersuchung: Regelmäßig kontrolliert die Polizei die Dealer – am nächsten Tag verkaufen sie weiter. Bild: Helmut Fricke

Das Frankfurt Bahnhofsviertel kommt nicht zur Ruhe. Die Klagen über Dealer nehmen wieder zu. Und Polizei und Stadt sehen sich heftiger Kritik ausgesetzt.

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          Die meisten Razzien, sagt Ferdinand Hartmann, fänden donnerstags statt. Zur frühen Abendstunde, wenn es dunkel wird. „Das weiß man, wenn man im Bahnhofsviertel lebt. Das weiß man, wenn man im Bahnhofsviertel arbeitet.“ So wie Hartmann. Jeden Tag steht er in seiner Bar „Latin Palace Chango“ an der Münchener Straße, die als Verbindung zwischen Hauptbahnhof und Willy-Brandt-Platz parallel zur Kaiserstraße verläuft. Hartmann, ein Mann mit guter Laune und Bart, sagt, es sei zwar wichtig, dass die Polizei die Drogenszene auf der Straße regelmäßig und großflächig kontrolliere. Nur: „Wenn ich weiß, wann die Razzien stattfinden, dann wissen das die Dealer auch.“

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Über das, was sich nachts auf den Straßen des Bahnhofsviertels abspielt, vor allem an den Hotspots Taunusstraße und Elbestraße, können Anwohner und Gewerbetreibende aus dem Viertel viel erzählen. Und es sind keine schönen Geschichten. In den vergangenen Jahren haben sich ihrer Ansicht nach die Zustände massiv verschlechtert.

          Seit Crack als Leitdroge gilt, sei die Szene kaum noch überschaubar, heißt es. Inzwischen drängten die Dealer verstärkt auch auf die Münchener Straße, um ihre „Steine“ zu verkaufen. Wenn Geschäftsinhaber sie vertreiben wollten, drohten die Gruppen entweder mit körperlicher Gewalt oder sie ignorierten die Aufforderung einfach.

          Bekommt die Stadt das Drogenproblem in den Griff?

          Hartmann ist an diesem Mittwochnachmittag nicht der einzige, der sich über die Zustände beklagt. Eingeladen zum „Tacheles reden“, wie er es nennt, hat Ulrich Mattner. Und der hat den Tag nicht zufällig ausgewählt: Am Abend wird er sein Amt als Vorsitzender des Gewerbevereins Bahnhofsviertel niederlegen. „Aus zeitlichen Gründen.“ Tatsächlich läuft seine Amtszeit ab, er will nicht wieder kandidieren, sagt offen, der Verein habe an der Spitze „jemanden verdient, der etwas diplomatischer ist als ich“. Nun, da er „frei reden kann“, holt er aus, wirft der Stadt vor, das Drogenproblem im Bahnhofsviertel nicht in den Griff zu bekommen.

          Auch die Polizei habe mit ihren Razzien keinen dauerhaften Erfolg. „Das Schlimmste aber ist“, so Mattner, „dass mir Sozialarbeiter berichten, dass die Stadt das Problem nur schön reden will. Und wenn ich dann sage, das sollten sie doch mal öffentlich äußern, dann ziehen sich alle zurück. Die hängen am Tropf der Stadt.“ Laut Mattner geht das Schweigen aber noch weiter: Auch die meisten Hoteliers hielten sich zurück, weil bei ihnen sonst die Kundschaft ausbleibe. Dasselbe gelte für viele Gastronomen.

          Für Mattner ist der Frankfurter Weg gescheitert. Sein Vorbild ist Zürich. Dort habe es die Stadt geschafft, innerhalb weniger Jahre mit einer konsequenten Drogenpolitik die Suchtkranken von der Straße in eigens geschaffene Häuser zu bringen, wo sie von Ärzten und Sozialarbeitern betreut würden. „Eine offene Drogenszene wie in Frankfurt gibt es dort nicht mehr“, sagt Mattner. Ein derart breit angelegtes Konzept wünscht er sich auch für Frankfurt. Und damit ist er nicht allein: Polizeipräsident Gerhard Bereswill hat schon vor Monaten Zürich als Beispiel für eine nachhaltige Drogenpolitik genannt.

          Mehr als 1000 Straftaten im Jahr

          Für Mattner hat der Frankfurter Weg vor allem drei gravierende Folgen: „Die Beschaffungskriminalität ist nach wie vor vorhanden, der Drogentourismus hält an. Und die Auseinandersetzungen auf den Straßen nehmen zu.“ Er wundert sich, dass Stadt und Polizei es seit zwei Jahren nicht schaffen, an der Ecke von Taunus- und Elbestraße eine Kamera aufzustellen, „wenn es doch nach Einschätzung der Polizei ein so großer Brennpunkt ist mit mehr als 1000 Straftaten im Jahr“.

          Ob eine Kamera helfen würde, weiß Ferdinand Hartmann nicht. Aber er wünscht sich noch mehr Polizeipräsenz. Neulich habe er wieder einen Dealer beobachtet, als er seinen Stoff verkaufte. „Direkt neben einem Polizeiauto.“

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