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Aufwertung der Konstablerwache : King’s Cross als Vorbild

  • -Aktualisiert am

Begleitgrün: Derzeit werten einzig die Bäume die Konstablerwache optisch etwas auf. Bild: Helmut Fricke

Die Konstablerwache in Frankfurt ist ein Unort – über und unter der Erde. Angehende Architekten der örtlichen University of Applied Sciences möchten das ändern.

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          Dienstag, 12 Uhr mittags an der Konstablerwache: Das große Plateau in der Platzmitte ist menschenleer, nur an einer Ecke werkeln Bauarbeiter an den Treppenstufen. Passanten huschen die Abgänge zu den Bahngleisen hinunter; auf die Idee, sich hier länger als nötig aufzuhalten, scheint niemand zu kommen. Heinrich Lessing wundert das nicht. Der Mainzer Architekt, der an der Frankfurt University of Applied Sciences lehrt, schaut sich um: „Als größter Platz der Innenstadt müsste die Konstablerwache eigentlich ein Treffpunkt sein. Ein Ort, mit dem sich die Frankfurter identifizieren. Was aber komplett fehlt, ist die Aufenthaltsqualität.“

          Lessing möchte die „Konsti“ neu denken. Um eine Umgestaltung anzuregen, hat er 36 Masterstudenten für deren Abschlussarbeit die Aufgabe gestellt, den Platz städtebaulich neu zu ordnen. Dazu gehört auch ein Konzept, das Fußgänger-, Rad- und Autoverkehr verträglich miteinander verbindet. Außerdem war ein Gebäude für öffentliche Veranstaltungen zu entwerfen, das über der Station errichtet werden soll – als eine Art Bürgerforum.

          Inspiriert durch historische Elemente

          Die Ergebnisse sind vielfältig. Einer der Entwürfe zeigt einen Neubau mit spitzem Giebel und geschwungenen Arkaden im Erdgeschoss. In den Obergeschossen sollen Wohnungen entstehen, im Sockel wäre Platz für eine öffentliche Nutzung, auf dem Dach für eine Bar. „Das Gebäude enthält Elemente, die von der alten Konstablerwache inspiriert sind, die 1886 abgerissen wurde“, sagt Lessing. Andere Studenten haben sich Bahnhöfe wie King’s Cross in London zum Vorbild genommen. Sie schlagen vor, die Station nach oben zu öffnen und mit einer Art großer Halle zu überbauen.

          Überbau: Unterhalb des Gitter-Daches könnte weiterhin der beliebte Markt stattfinden.

          „Auch damit würde ein Problem der Konstablerwache gelöst“, meint Lessing. „Die Eingänge sind nicht einladend und fallen gestalterisch kaum bis negativ auf“, urteilt der Professor. „Auf dem Weg vom Gleis, 17 Meter unter der Erde, bis an die Oberfläche fällt die Orientierung sehr schwer.“ Der Architekt findet, dass man sich gerade bei den großen Stationen der Stadt wieder auf die „Bahnhofshalle des 19. Jahrhunderts“ besinnen sollte: einladende, repräsentative Bauten mit anspruchsvoller Architektur, in denen man sich gerne aufhält. Die zwei großen Stationen in der Innenstadt – Hauptwache und Konstablerwache – stellten in ihrer jetzigen Form so ziemlich das Gegenteil dar.

          VGF sieht technische Schwierigkeiten

          Ein anderer Entwurf zeigt ein Hochhaus auf dem Plateau. „Das wäre baurechtlich aber schwieriger umsetzbar, da es sich deutlich vom Umfeld abhebt“ sagt Lessing. Außerdem müsste die Tragfähigkeit des Deckels noch nachgewiesen werden. Seiner Meinung nach hätte die Stadt schon neu über den Platz nachdenken müssen, als er in den siebziger Jahren seine Funktion als oberirdischer Verkehrsknotenpunkt verloren hat – bis dahin fuhr dort die Straßenbahn.

          Hoch hinaus: Auch Hochhäuser können sich die angehenden Architekten an der Konstablerwache vorstellen.

          Wieder andere Konzepte der Studenten zeigen eine komplette Überbauung des Plateaus mit gitterartigen Strukturen als Überdachung. Darunter könnte weiterhin der Wochenmarkt stattfinden, so Lessing. Denn im Gegensatz zum Rest der Woche zeige sich an Markttagen das Potential des Platzes. Auch in den Boden eingelassene Glasfenster als Gucklöcher in den Untergrund oder Gebäuderiegel zur Kurt-Schumacher-Straße hin finden sich in den Entwürfen.

          Überbau: Anstelle des Plateaus könnte eine Bahnhofshalle entstehen.

          Neu ist die Idee, die Konstablerwache umzugestalten, nicht. Seit Jahren, gar Jahrzehnten ist der Platz ein eher unbeliebter Verkehrsknotenpunkt, der weder ober- noch unterirdisch zum Verweilen einlädt. Umbaukonzepte gab es immer wieder, verwirklicht wurde bisher keines. Die VGF als Betreiber der B-Ebene weist auf die technischen Schwierigkeiten einer Umgestaltung hin.

          Historisch: Dieser Entwurf ist von der alten Konstablerwache inspiriert.

          Die Wahrscheinlichkeit, dass einer der Entwürfe von Lessings Studenten jemals realisiert wird, ist demnach nicht allzu hoch – das weiß der Professor selbst. „Für eine Umgestaltung müsste man größer denken. Mit einzelnen Maßnahmen ist es nicht getan.“ Dennoch sei etwa das Planungsamt für Vorschläge zur Neuordnung offen. Der Architekt ist überzeugt: „In den nächsten Jahrzehnten muss der Platz sich verändern.“

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