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Wetterdienst : Der einsamste Job am Frankfurter Flughafen

Wetterbeobachterin Waltraud Bütof bei der Arbeit am Frankfurter Flughafen Bild: F.A.Z. / Foto Frank Röth

125.000 Passagiere werden Tag für Tag am Frankfurter Flughafen gezählt. Doch wenn Waltraud Bütof erst einmal an ihrem Arbeitsplatz am östlichen Ende der beiden Parallelbahnen sitzt, bekommt sie für die nächsten zehn Stunden keinen Menschen mehr zu Gesicht.

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          Es ist der wohl einsamste Job am Frankfurter Flughafen. 125.000 Passagiere kommen hier Tag für Tag an oder reisen ab, innerhalb von 24 Stunden starten und landen 1200 Flugzeuge. Doch wenn Waltraud Bütof erst einmal an ihrem Arbeitsplatz weitab auf der grünen Wiese am östlichen Ende der beiden Parallelbahnen des Flughafens sitzt, bekommt sie für die nächsten zehn Stunden keinen Menschen mehr zu Gesicht. Die Crews der fast minütlich und manchmal kaum zwanzig Meter über der Wetterbeobachtungsstation anfliegenden Jets kann sie nur erahnen. Die Piloten der auf dem Taxiway - dem Weg zwischen den beiden Start- und Landebahnen - vorbei rollenden Maschinen bleiben Punkte hinter Cockpitscheiben.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Bütof gehört zu den zwölf Wetterexperten, die im Team von Bodo Feyh rund um die Uhr am Flughafen Stärke und Richtung des Windes, die Sichtweite, den Luftdruck, die Wolkenhöhe, die Niederschlagsmenge und alle sonst noch für die Fliegerei wichtigen Daten sammeln. Viel Zeit zu erzählen hat Bütof, die seit März 1972 dabei ist, nicht, denn die Messdaten müssen alle 30 Minuten abgelesen und weiter gegeben werden - Tag und Nacht. Die Informationen gehen direkt an das Mutterhaus - den Deutschen Wetterdienst in Offenbach -, an den Flughafenbetreiber Fraport, die Deutsche Flugsicherung in Langen, an Fluggesellschaften und - via Satellit - schließlich in ein weltweites Wetterinformationssystem.

          Wetterdaten nicht nur für Fluglinien wichtig

          Denn die Wetterbedingungen sind natürlich für alle Airlines, die Frankfurt nutzen, von entscheidender Bedeutung. Dabei geht es nicht nur um die Flugsicherheit. Warteschleifen wegen schlechten Wetters oder die Umleitung eines Fluges zu einem anderen Flughafen bedeuten zusätzlichen Kerosinverbrauch, also Zusatzkosten, die den Gewinn der Fluggesellschaften schmälern. In der Branche, in der ein besonders harter Wettbewerb herrscht, spielt die Treibstoffkalkulation eine große Rolle.

          Die Wetterwerte sind aber längst nicht nur für Fluggesellschaften wichtig, sondern auch beispielsweise für die Firmen, die sich um die Enteisung von Flugzeugen kümmern. Sie müssen wissen, wann sie gefragt sind.

          Doch das Wetter wird nicht nur in dem rot-weißen Haus am Rande der Start- und Landebahnen beobachtet. Zusätzlich sitzt noch ein Kollege im Büro der Wetterbeobachter im Terminal 2. Dort werden telefonische Anfragen beantwortet. Manchmal kommen auch Leute der Fluggesellschaften einfach vorbei, um sich Daten abzuholen. Von hier aus kommen die Beobachter nur mit dem Auto bis zu dem Stützpunkt zwischen Rollbahnen und der Autobahn 5. Da sie dabei dieselben Bahnen benutzen wie die großen Jets, braucht es einen extra Vorfeldführerschein, wie Feyh berichtet.

          Zum Ablesen immer wieder aus dem Haus

          Heutzutage messen eigentlich High-Tech-Geräte sämtliche Werte, mit denen die Beobachter arbeiten. Feyh schwört aber nach wie vor auf die traditionellen Instrumente zur Messung des Luftdrucks oder Luftfeuchtigkeit. Sie stehen neben dem rot-weißen Haus in einem kleinen weißen Hüttchen mit Lamellentüren. „So können wir auf jeden Fall immer die wichtigsten Daten liefern.“

          Um die neuesten Werte abzulesen, müssen die Beobachter auch nachts immer wieder das einsame Haus verlassen. Das hatten auch die bis vor kurzem auf der Airbase stationierten Amerikaner mitbekommen, und sie liebten es, vor allem die Beobachterinnen beim Gang zu den Messstellen ordentlich zu erschrecken, wie sich Bütof schmunzelnd erinnert.

          Den nachhaltigsten Eindruck hat bei Feyh, der seit 26 Jahren als Wetterbeobachter arbeitet, kein Wetterphänomen hinterlassen. Sondern ein riesiges russisches Transportflugzeug vom Typ Antonov AN 124. Der Pilot des damals größten Transportflugzeuges der Welt hatte offenbar den Taxiway für eine dritte Piste gehalten. Mit ohrenbetäubendem Lärm steuerte er die Maschine dicht über das Haus der Wetterbeobachter und setzte den gut 20 Meter hohen und fast 70 Meter langen Koloss auf der schmalen und dafür gar nicht gedachten Rollbahn auf - immerhin ohne jeden Schaden, wie Feyh sich erinnert. Nach besonderen Wettererscheinungen gefragt, fällt ihm sofort der Jahrhundertregen ein, der vor einigen Jahren einen Niederschlag von 109 Liter auf einem Quadratmeter brachte. „Da stand das Vorfeld unter Wasser, es ging nichts mehr“, sagt Feyh.

          Einsamkeit inmitten des pulsierenden Betriebs

          Gelernt hat er das Wetterbeobachten im Bildungszentrum der Deutschen Flugsicherung. Mindestens ein Realschulabschluss sei erforderlich, und mit Naturwissenschaften sollten Interessenten auch nicht auf Kriegsfuß stehen, wie er sagt. Schichtdienst ist obligatorisch. In jungen Jahren, so sagt Waltraud Bütof, habe sie den nach der Nachtschicht fehlenden Schlaf beim Sonnenbaden nachgeholt. Mit den Jahren spüre man den unsteten Rhythmus mehr. Den müsse man schon wegstecken können.

          Demnächst steht bei den Beobachtern in ihrem rot-weißen Haus wohl ein Umzug an. Sie müssen Platz machen für den gewaltigen Airbus A 380. Daher wird es die Wetterbeobachter an das andere - westliche - Ende des Flughafens verschlagen. Die Aufgaben werden dieselben bleiben. Die Einsamkeit inmitten eines pulsierenden 24-Stunden-Betriebs auch.

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