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Gedenken an Halle : „Der beste Schutz ist die Bekämpfung von Hass“

Etwa 1000 Teilnehmer sammelten sich zum Gedenken vor der Frankfurter Synagoge im Westend. Bild: Marina Pepaj

Bei einer Gedenkveranstaltung vor der Synagoge im Frankfurter Westend haben nach dem Anschlag in Halle etwa 1000 Teilnehmer Solidarität gezeigt – und ein ernsthaftes Umdenken gefordert.

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          Ein Anschlag wie jener in Halle wäre in Frankfurt anders verlaufen. Das ist in einer Gedenkveranstaltung vor der Westend-Synagoge aus Anlass des Attentats in Sachsen-Anhalt klar geworden. Denn in Frankfurt hätten Gläubige in dem Gotteshaus nicht acht Minuten in Todesangst auf das Eintreffen der Polizei warten müssen, weil das Gebäude an der Freiherr-vom-Stein-Straße rund um die Uhr von Polizisten bewacht wird.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Kürzlich sicherten Dutzende von Beamten unter der direkten Aufsicht von Polizeipräsident Gerhard Bereswill die Straße vor der Synagoge. Dort hatten sich an die 1000 Bürger zusammengefunden, die dem Ruf der Stadt Frankfurt und des Römerberg-Bündnisses von Kirchen, Gewerkschaften und Jugendring gefolgt waren, vor dem Gotteshaus ihre Anteilnahme zum Ausdruck zu bringen. Unter den Teilnehmern waren viele Mitglieder des Frankfurter Magistrats, Vertreter von Parteien, Kirchen und Verbänden.

          Schon am Abend des Anschlags war es vor dem Tempel im Westend zu einer spontanen Solidaritätskundgebung gekommen, und am Freitagabend darauf hatten die beiden großen Kirchen dort ihre Solidarität mit der Jüdischen Gemeinde bekräftigt. „Der Schock ist groß“, sagte der Gemeinde-Rabbiner Julien Chaim Soussan. Denn man kenne die Leute in Halle. Sein Vater zum Beispiel sei dort Landesrabbiner gewesen. Er hoffe inniglich, dass Halle nicht der Beginn von Schlimmerem sei.

          Vom Rabbiner bis zum Oberbürgermeister: Gegen Hetze und Terror sprachen sich in Frankfurt Personen aus Politik und Gemeinde aus.

          Für Soussan stellt das Attentat einen Angriff auf die gesamte Gesellschaft dar: „Der Hass richtet sich gegen alle.“ Ähnlich äußerten sich die drei Redner auf der Kundgebung. „Wir sind nicht nur traurig, sondern auch wütend“, sagte Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD). Die richtige Antwort auf die Frage, wie man auf eine derartige Aggression wie in Halle reagieren solle, hat für Feldmann der damalige norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg gegeben, der nach dem Massaker von Utöya von 2011 mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Menschlichkeit gefordert hatte.

          „Toxische Männlichkeit“

          Der Jüdischen Gemeinde täten die Solidaritätsbekundungen gut, sagte Marc Grünbaum vom Vorstand der Gemeinde: „Wir wissen, dass wir nicht allein sind.“ Für ihn ist Halle nicht der Anfang und auch nicht das Ende. Grünbaum stellte den Anschlag auf die Synagoge in eine Reihe früherer Hassverbrechen wie der Mordserie des NSU und die Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte. „Der beste Schutz für die Jüdische Gemeinde ist die Bekämpfung von Hass, Rassismus und Antisemitismus in den Köpfen“, glaubt Grünbaum. Halle müsse Anlass für ein ernsthaftes Umdenken werden. Der Anschlag dort sei eine Schande für Deutschland, für die Politik, für die Bildungseinrichtungen, für die Polizei und andere Institutionen.

          Anteilnahme: Zum Gedenken an die Opfer in Halle legen Menschen Blumen und Kerzen vor der Frankfurter Synagoge nieder.

          Philipp Jacks, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Frankfurt und Sprecher des Römerbergbündnisses, erinnerte daran, dass es immer junge Männer gewesen seien, die die schlimmen Attentate in der jüngeren Vergangenheit ausgeführt hätten. Er sprach von einer „toxischen Männlichkeit“, die sich aus Frauenfeindlichkeit, Rassismus und Judenhass speise. Diese gelte es zu brechen, wobei im Vordergrund Aufklärung und Bildung stehen müssten. Sowohl Feldmann wie auch Grünbaum und Jacks griffen scharf die AfD an, die ihrer Meinung nach den Boden für Hass und Rassismus bereitet hat. Für Grünbaum sind führende AfD-Politiker mitverantwortlich für den wachsenden Antisemitismus und die Hetze gegen Minderheiten. „Alexander Gauland und Jörg Meuthen, schämen Sie sich für Halle“, rief er unter Beifall der Kundgebungsteilnehmer. Feldmann warf der AfD ein „Zündeln mit dem Feuer“ vor, sie säe Hass und greife die demokratische Verfassung an.

          Polizeipräsident Bereswill hob am Rande der Kundgebung noch einmal hervor, dass die jüdischen Einrichtungen in Frankfurt seit vielen Jahren von der Polizei gut geschützt würden. So wachen nicht nur vor der Westend-Synagoge Tag und Nacht Beamte, sondern auch vor dem Jüdischen Gemeindezentrum. Das für die Sicherheit zuständige Vorstandsmitglied Leo Latasch bestätigte, dass die Gemeinde eng mit der Polizei kooperiere und es keine Beanstandungen gebe. Latasch erinnerte indes daran, dass jüdische Einrichtungen in kleineren Städten längst nicht so intensiv geschützt würden wie in der Mainmetropole. Zudem müssten die Gemeinden eigenes Sicherheitspersonal anstellen, um ihren Mitgliedern Schutz zu gewähren. Die Frankfurter Gemeinde bringe dafür etwa eine Million Euro im Jahr auf.

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