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Islamismus in Hessen : Im Gebetshaus des Drahtziehers

  • -Aktualisiert am

Während der Razzia in der Griesheimer Bilal-Moschee in Frankfurt ist das Gebäude von Polizisten und Einsatzwagen umstellt. Bild: Maximilian von Lachner

Der Tunesier Haikel S. gilt als Anführer der Terrorzelle, die am Mittwoch zerschlagen worden ist. Seine Saat säte er in der Bilal-Moschee. Doch wer war der Mann?

          Am Vormittag, als sich die letzten Polizeiwagen in Bewegung setzen, wird es still um die Bilal-Moschee. Am Ende einer langen Wohnstraße steht sie wie ein großer gelber Block. Die Anwohner in Griesheim sprechen auch von einer „Trutzburg“, die sich der marokkanisch-islamische Kulturverein dort hingesetzt hat. Nicht erst seit gestern steht sie unter Islamisten-Verdacht.

          Auf dem Hof sammeln sich Männer. Zunächst sind es zwei, die über den langgezogenen asphaltierten Platz schreiten, sie reden laut, es fällt das Wort „Polizei“. Später kommen drei weitere hinzu. Sie sehen sich die Eingangstür an, die am frühen Morgen in aller Dunkelheit von den Spezialeinsatzkräften aufgebrochen worden war. Dann schauen sie in den Flur, dort liegen noch Brocken aus Zement. Offenbar sind die Wände hier sehr dünn. „Die Polizei hätte mich anrufen können“, sagt Mohamed El Bojaddayni aus dem Vorstand der Moschee. „Ich hätte den Beamten aufgemacht.“ So aber laufen Razzien nicht ab.

          Der Tunesier Haikel S., der gestern Morgen unter Terrorverdacht festgenommen worden ist, hatte viele Stunden in der Bilal-Moschee verbracht. Über Jahre ist er immer wieder zum Beten gekommen, hat sich sein Netzwerk von „Gläubigen“ aufgebaut. In den Räumen der Moschee, die eher schleichend zum Sammelbecken radikaler Salafisten wurde, fühlte er sich wohl. Kaum ein Freitagsgebet, das er verpasste. „Wir kennen ihn“, sagt El Bojaddayni. Näheren Kontakt will der Moschee-Vorstand zu dem Terrorverdächtigen nicht gehabt haben. „Wir haben ihn gesehen, wenn er zum Beten kam. Das war aber auch schon alles.“

          Er sei schon immer „eher still“ gewesen

          Das Bilal-Gebetshaus in Griesheim soll die „Lieblings-Moschee“ des Sechsunddreißigjährigen gewesen sein. Schon 2006 soll er dort verkehrt haben, in jener Zeit, in der er seine Kontakte in der hessische Salafistenszene festigte. In dieser Zeit fiel Haikel S. zum ersten Mal den Sicherheitbehörden auf. Er suchte gezielt die Nähe von bekannten Salafisten, die nach heutigen Parametern allesamt als Gefährder gelten. Über sie soll er sich weiter radikalisiert haben, bis in die europäische Salafistenszene hinein. Dem Vernehmen nach gibt es Spuren bis nach Frankreich.

          Schon damals war dem Tunesier eine islamistische Gewalttat zugetraut worden. Dann, im April 2013, war er plötzlich verschwunden. Inzwischen wissen die Behörden, dass er sich unter anderem in Tunesien aufhielt, wo er sich im März 2015 mutmaßlich als einer der Anführer an dem Anschlag auf das Bardo-Museum in Tunis beteiligte. Als er im August 2015 wieder einreiste, diesmal unter anderem Namen, soll er wieder die Bilal-Moschee aufgesucht haben. Besucher des Gebetshauses berichten, ihn in dieser Zeit dort gesehen zu haben. Angeblich unverändert. Er sei schon immer „eher still“ gewesen.

          Offenbar aber nur nach außen. Denn in dieser Zeit begann Haikel S. offenbar, eine Zelle im Rhein-Main-Gebiet zu gründen. So belegen es die Erkenntnisse der Sicherheitsbehörden. Mindestens 15 weitere IS-Anhänger soll er rekrutiert haben. Dem Vernehmen nach stammen einige von ihnen ebenfalls aus dem Umfeld der Moschee. Die Treffen fanden zum Teil in ihren Privatwohnungen statt, die Kommunikation außerhalb dieser Räume verlief weitgehend verschlüsselt. So gut wie alle von ihnen sollen bereit gewesen sein, einen Anschlag in Deutschland zu verüben. Das Ziel: Er sollte mindestens die Dimension haben wie das Attentat in Tunis, bei dem mehr als zwanzig Menschen starben.

          Kein selbstkritisches Wort seitens des Moscheevorstandes

          Gestern war noch unklar, ob die Zelle möglicherweise noch größer ist. Ob es Ableger gibt. Oder Vernetzungen mit internationalen Zellen. Die Ermittler vermuten das, sie fügen derzeit die Erkenntnisse auch aus anderen Bundesländern und europäischen Staaten zusammen. Hinweise erhoffen sie sich aus dem Material, das gestern in Moscheen und Wohnungen im ganzen Rhein-Main-Gebiet beschlagnahmt worden ist. Sie schließen nicht aus, dass sie dann auf weitere bekannte Namen stoßen werden.

          Zum Beispiel auf Abdellatif Rouali, den Anführer der inzwischen verbotenen Vereinigung Dawa Ffm. Auch er war eine Zeitlang regelmäßig in der Bilal-Moschee zu Gast. Oder, was weitaus brisanter wäre, auf den Namen Ahmad Abdulaziz Abdullah A. alias Abu Walaa. Der Hildesheimer Salafist, der vor einigen Monaten festgenommen worden war, hatte mehrfach in der Bilal-Moschee gepredigt, bevor er zum „geistigen Führer“ des IS in Deutschland aufstieg. Die Sicherheitsbehörden haben keine Erkenntnisse, dass er und Haikel S. in jüngerer Vergangenheit in Kontakt standen.

          Aber sie sehen Parallelen: Abu Walaa sollte im Namen des IS deutschlandweit die Rekrutierung von jungen Salafisten vorantreiben, was dem Vernehmen nach auch die Gründung von Terrorzellen mit einschloss. Haikel S. setzte genau das auf lokaler Ebene um. Er war „der Mann für den Vertrieb“. Das jedenfalls halten die Ermittler für denkbar. Auch deshalb werden die Ermittlungen weiter „auf hohem Level“ geführt.

          Am Abend des Tages, die Razzia ist gerade zwölf Stunden her, traf sich der Vorstand der Moschee abermals. Sie räumten auf, überlegten, wer für die Schäden an den aufgebrochenen Türen aufkommen kann. Ein Gutachter solle bestellt werden, heißt es.

          Kein Wort darüber, warum die Bilal-Moschee überhaupt in den Blickpunkt der Polizei geraten ist. Kein selbstkritisches Wort. Dabei weiß der Vorstand der Moschee genau, was ihm vorgeworfen wird. Das Wegschauen. Das Billigen. Das Alles-nicht-ernst-Nehmen. „Ob Abu Walaa mal zu Gast war?“ El Bojaddayni überlegt. Dann sagt er, er müsse sich jetzt erst einmal um die Schäden an der Moschee kümmern. Das habe Vorrang.

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