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Umgang mit Verstorbenen : Die Privatisierung der Trauer

Ewige Ruhe: Drei Viertel der Verstorbenen werden mittlerweile in Urnen beigesetzt. Bild: Wonge Bergmann

An Totensonntag wird noch gemeinschaftlich der Verstorbenen gedacht. Doch der Umgang mit dem Tod wandelt sich rasant.

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          Alles begann mit dem Hinweis eines Bürgers an die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), weil ihm das arg verwitterte Grab Else Niemöllers in Wiesbaden als Schandfleck aufgefallen war. Es drohte sogar abgeräumt zu werden. Die Kirche gab ein Signal an die Martin-Niemöller-Stiftung, und die nahm sich der Sache an: Heute wird das Grab der früh verstorbenen Frau des Widerstandskämpfers und ersten Kirchenpräsidenten der EKHN von Friedhofsgärtnern gepflegt – die Stiftung und die Nachfahren kommen für die Kosten auf.

          Martin Benninghoff
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Bei der prominenten Familie Niemöller war der Fall klar: Der Friedhof dient als Erinnerungsort, an dem sich Vergangenheit und Gegenwart treffen, an dem die Hinterbliebenen um ihre Angehörigen oder Freunde trauern – und auch die Öffentlichkeit, wenn nicht die Erinnerung, so doch das Gedenken teilt. Auch der Totensonntag an diesem Wochenende, den manche evangelische Kirchen als Ewigkeitssonntag bezeichnen, ist eine Gelegenheit kollektiven Gedenkens. In den Gottesdiensten wird der im vergangenen Kirchenjahr Verstorbenen gedacht, Gläubige besuchen ihre Gräber.

          Empathie und Mitgefühl sind häufig schnell verbraucht

          Aber haben Rituale und gemeinschaftliche Trauerbewältigungsstrategien Bestand in einer Gesellschaft, die sich zunehmend individueller gestaltet? Die Frankfurter Trauerforscherin Heidi Müller spricht vor diesem Hintergrund von einer „Privatisierung von Trauer“, von einem Rückzug ins Private und damit auch der Trauer, die „kein Thema fürs soziale Umfeld“ mehr sei. In der Leistungsgesellschaft sei der Trauer nach dem Verlust eines nahestehenden Menschen ein enger Rahmen gesetzt, Empathie und Mitgefühl seien häufig nach wenigen Monaten verbraucht. Stattdessen müsse jeder schnell wieder „funktionieren“.

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          Davon betroffen ist auch die Bestattungs- und Trauerkultur, die sich seit Jahren wandelt – und den rasant veränderten Bedürfnissen nach individuellen Lösungen und Privatsphäre anpasst. In Frankfurt wurden 2019 nur noch 25 Prozent der Toten in einem herkömmlichen Sarg beigesetzt, 75 Prozent wurden kremiert und in einer platzsparenden Urne bestattet. Zum Vergleich, 2009 waren es 34 Prozent Sarg- zu 66 Prozent Urnenbeisetzungen. Die Gründe dafür sind vielfältig: Viele Angehörige leben nicht mehr in der Nähe ihrer Verwandten, können oder wollen die Gräber nicht pflegen. Wer dennoch ein herkömmliches Grab zu pflegen hat, behilft sich mitunter mit Rindenmulch oder gar Schotter und Kies, so wie in den umstrittenen steingewordenen Vorgärten. „Das sehen wir nicht so gerne“, sagt die Leiterin des für die Frankfurter Friedhöfe zuständigen Grünflächenamtes, Heike Appel. Die Verwaltung empfiehlt eine Bepflanzung, und seien es nur Bodendecker.

          Es geht auch ums Geld: Eine Erdbestattung auf einem der 37 Friedhöfe in der Stadt kostet zurzeit mehr als 1400 Euro, eine Urnenbeisetzung hingegen „nur“ knapp 900 Euro. Damit sind in beiden Fällen nur einige städtische Dienstleistungen rund um die Beisetzung abgedeckt, wie die Aushebung des Grabes oder der Transport der Kränze. Hinzu kommen Mietkosten für die Trauerhalle und natürlich die Gebühren für die Nutzung des Grabes, die nach Ablauf der Zeit verlängert werden kann – sowie die Kosten für den privaten Bestatter. Da kommen einige Tausend Euro zusammen. Seit Jahren steigen die Gebühren: „Je mehr man anhebt, desto eher wandern die Leute ab“, sagt Appel.

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