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Weihnachtspost : Wie ein Paket von Frankfurt an die Nordsee kommt

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Die Filiale liegt ausgerechnet an der Poststraße. Hinter dem Schalter kassiert Mike Lissner 6,70 Euro und klebt den ausgefüllten Paketschein auf das Paket. Die Sendung, wie jedes einzelne Stück Fracht ...

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          Frankfurt, 16.10 Uhr

          Die Filiale liegt ausgerechnet an der Poststraße. Hinter dem Schalter kassiert Mike Lissner 6,70 Euro und klebt den ausgefüllten Paketschein auf das Paket. Die Sendung, wie jedes einzelne Stück Fracht im Postjargon heißt, legt er zu vielen anderen in einen gut zwei Meter hohen Rollbehälter, der schon fast voll ist. Lissner geht zurück an den Schalter. Um diese Uhrzeit kommen ständig Kunden herein.

          Frankfurt, 17.00 Uhr

          Trotz Feierabendverkehrs auf den Frankfurter Straßen dockt Vahap Okhur seinen Lastwagen pünktlich an die Rampe im Innenhof der Filiale an. Zehn Minuten später sind die drei Rollbehälter im Fahrzeug festgezurrt, Okhur nimmt Kurs auf das Briefzentrum an der Gutleutstraße. Dort soll er einen 3,5 Tonnen schweren Anhänger mitnehmen, den er zuvor mit weiteren Paketbehältern füllen muß. Einer von ihnen ist nicht bis oben hin bepackt, jemand hat offenbar geschludert. Okhur regt sich auf. "Hier arbeiten zu viele Leute, denen das egal ist." An seiner Laderampe stehen so viele gefüllte Behälter, daß er sechs von ihnen nicht mehr in seinen Anhänger bekommt. Die übrigen wird heute wohl niemand mehr abholen. "Vor Weihnachten bleibt hier immer wieder was stehen", sagt Okhur. Er fährt langsam zwei Meter vor, um die Flügeltür des Anhängers schließen zu können. Hinter ihm kracht es. Ein Behälter ist auf den Boden gestürzt. Die Pakete bleiben heil, ein Kollege hilft beim Einsammeln. Trotzdem ist Okhur noch im Zeitplan, der auf einem Zettel minutengenau vorgegeben ist.

          Frankfurt, 17.36 Uhr

          Okhur fährt auf die Autobahn in Richtung Frachtzentrum Rodgau. Es könnte eine seiner letzten Fahrten sein, denn im nächsten Jahr soll er eine andere Stelle bekommen. Er hofft, künftig nicht weniger zu verdienen. Im Moment bekommt er gut 1800 Euro netto.

          Rodgau, 18.25 Uhr

          An der Einfahrt zum Frachtzentrum stoppt Okhur den Wagen. "Hier ist der Transport 604010", spricht er in eine gelbe Säule. Dann geht die Schranke auf. Er solle rückwärts an Ladeluke 409 fahren, hört er aus einem Lautsprecher in der Säule. Arbeiter im Inneren der riesigen, U-förmigen Anlage rollen alle Behälter aus den Containern und leeren sie, an diesem Abend insgesamt etwa 2200. Auch das rosa Paket landet auf dem Band, an dessen Seiten zwei Frauen sitzen. Die lesen die Postleitzahl "26474" vom Paketschein ab und geben sie in einen Computer ein. Dann tippen sie den Straßennamen und ziehen wenige Sekunden später einen Aufkleber aus einem Drucker. "Label" heißt dieser maschinenlesbare Strichcode, das eigentliche Sortieren nach Bestimmungsort übernehmen Maschinen, keine Menschen. Das Paket läuft in etwa sieben Meter Höhe auf einem langen Band mit Hunderten von Schalen, in denen Sendungen liegen. Sie sind mit gut zweieinhalb Meter pro Sekunde in diesem "Hauptsorter" unterwegs.

          Computer ermitteln, an welcher Stelle die Schale mit dem Frankfurter Paket umkippt. Es fällt auf eine blaue Rutsche mit der Nummer 28, dem Code für das Frachtzentrum Bremen. Ein Arbeiter nimmt es und lädt es in einen "Wechselbehälter", so heißen die genormten gelben Container. Sie rollen auf Lastwagen jede Nacht in alle 32 anderen deutschen Frachtzentren. "Nach Bremen gehen vier", sagt Dietmar Holz, stellvertretender Leiter des Zentrums. Er raucht viel und sieht müde aus. Seit drei Uhr morgens arbeitet er im Frachtzentrum - vor Weihnachten darf nichts schiefgehen, und täglich kommen mehr Pakete an. Die 100 Angestellten bearbeiten bis 20 Uhr 126000 Pakete. Nachts, wenn Fracht aus allen Teilen Deutschlands Rodgau erreicht, sind es weitere 135000 Stück. Weihnachtsrekorde: Zu normalen Zeiten sind es nur 90000.

          Rodgau, 20.30 Uhr

          Waldemar Schmidtke steuert einen Lastwagen durch die Nacht, der einer von der Post beauftragten Spedition gehört. Früher war Schmidtke Bauarbeiter, heute fährt er jede Nacht eine andere Strecke. Mit 89 Kilometern in der Stunde rollt er über die Autobahn 45 nach Hagen. Auf der Gegenfahrbahn wird Salz gestreut, Schmidtke befürchtet Glatteis. Aber es bleibt trocken auf den gut 220 Kilometern bis nach Hagen im Ruhrgebiet.

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