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Weihnachtsmarkttreiben : Daddy, ich wünsch mir

  • -Aktualisiert am

Ausgelassen im Kreis: das Karussel auf dem Römerberg Bild: Eilmes, Wolfgang

Wieso eigentlich strömen wir alle Jahre wieder in Massen auf Weihnachtsmärkte? Wegen überteuerter Lammfellhausschuhe oder des Glühweins jedenfalls nicht. Das Erfolgsgeheimnis ist ein anderes.

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          Eine Frau hebt ihren Schirm. Sie führt die Gruppe an. 20 Senioren, alle tragen Lebkuchenherzen um die Hälse. Und weil sie so viele sind, sieht es so aus, als müsste das so sein, und gar nicht danach, was es eigentlich ist, nämlich ein bisschen albern. Und das, obwohl „Frankfurter Sprüch“ auf den Herzen stehen. Der Straßenmusiker lässt sich jedenfalls nicht beirren: Er spielt eisern „Kalinka“ statt „Jingle Bells“.

          Drei Millionen Menschen besuchen jedes Jahr den Frankfurter Weihnachtsmarkt, er gilt als einer der größten im Land, und warum das so ist, wird für manche auf ewig unerklärlich bleiben. Meistens ist es kalt, immer ist es voll, und die mäßig gut zusammengenähten Lammfellhausschuhe, die es hier für 39 Euro gibt, schmeißen sie einem Ende Februar im Main-Taunus-Zentrum für die Hälfte hinterher.

          Was man jetzt noch schafft, rettet die Jahresbilanz auch nicht mehr

          Und mal ehrlich, wer an der Hauptwache als Erstes einen Mann mit zwei Glühweintassen gegen die Scheibe eines Transporters klopfen sieht und ihn „Deutschland, Deutschland“ lallen hört - Blick zur Uhr: halb fünf, wochentags, es dämmert -, der will umdrehen und sich zu einem beliebigen Markt-Muffel in die Wohnküche setzen und Tee ohne Schuss trinken. Aber - Blick zum Himmel: Nieselregen, drei Grad, das bleibt jetzt so bis März - zu keiner Zeit im Jahr ist das Verlangen nach Lammfellhausschuhen so drängend wie jetzt.

          Das ist das Geheimnis des Erfolgs: Der Weihnachtsmarkt kommt zur absolut rechten Zeit. Das Jahr ist so gut wie rum, und was man jetzt noch schafft, das rettet die Bilanz auch nicht mehr, weder die persönliche noch die des Betriebs. Mit einem Mal ist es total in Ordnung, um drei Uhr am Nachmittag das Büro zu verlassen, und zwar mit allen Kollegen. So hat es die Frauengruppe aus der Wetterau getan, die nahe der Liebfrauenkirche gegen fünf schon die dritte Runde alkoholischer Heißgetränke genießt und die sich so feierlich um den Stehtisch schart, wie man es sonst nur ums Lagerfeuer tut. Wenn sich eine am süßen Saft verschluckt, stehen sofort zwei zum Klopfen bereit.

          Völlerei größten Ausmaßes

          Die Zeit ist auch deswegen die rechte, weil die letzte Dippemess schon lange genug her und die nächste noch lange genug hin ist. So kann das Kind mit der rosa Mütze immer noch einmal auf dem Karussell auf dem Römerberg fahren wollen. Eigentlich ist es kaum zu verzeihen, dass „Countrymusiker“ Tom Astor dazu im Hintergrund „Daddy, ich wünsch mir“ singt. Aber, das muss eine Art Weihnachtswunder sein, es geht: Astor ist im selben Takt wie die wippenden Holzpferde, und direkt danach kommt ja auch „Rudolph the rednosed reindeer“.

          An erstaunlich vielen Ständen, über denen in roter Schrift das Wort „Glühwein“ leuchtet, wird Folgendes verkauft: Curry-Wurst, Spießbraten, Rindswurst, Nierenspieß. Schon Anfang Januar wäre diese Völlerei unerträglich, und erst recht wäre sie es in der Hitze eines Augusttages, denn ganz im Ernst: Nierenspieße?

          Süßer Mandelduft und Zuckerwatte in Eimern

          Aber auf Weihnachtsmärkten geht das. Auf einem durchschnittlich dreieinhalbstündigen Marktbesuch kann die große Gruppe Feierabendler aus der Stadtverwaltung auch all die Speisen und Spieße nacheinander essen und trotzdem noch das Gefühl haben, es wäre nur ein kleines Abendbrot. Schließlich braucht der Körper mehr Energie, wenn er draußen herumsteht und es draußen kalt ist. „Es liegt was in der Luft, ein süßer Mandelduft“, steht es an einer Bude gedichtet, an der Zuckerwatte in Eimern angeboten wird, und darauf gibt es an diesem schummrig ausgeleuchteten Ort nur eine Antwort: gieriges Nicken.

          Dezember, das ist die Zeit, in der der graue Deckel des mitteleuropäischen Herbstes, des Winters gar, viel zu lange schon auf der Stadt liegt. So fühlt sich das vielfarbige Licht des Lampenladens am Friedrich-Stoltze-Platz warm genug an, als rege ausdauerndes Aufhalten davor die Bildung von Vitamin D an, das uns Stadtmenschen in dunkler Zeit so sehr fehlt. Wem das wissenschaftlich zu heikel ist, der kann sich wenigstens an der Lichterkette aus Eulen freuen, die wirklich ein goldiges Geschenk ist.

          Die kollektive Toleranz gegenüber dem eigentlich Schrecklichen schließlich, das Gutfinden von Dingen, für die es, isoliert betrachtet, keine Argumente gibt - gut: Alkohol, aber der ist für vieles ein Argument -, lässt die Menschen besinnlich zueinander rücken, lässt sie die Reihen schließen. Ein silberner Mercedes versucht sich am Paulsplatz durchzuquetschten, eine Weihnachtsmarktbesucherin weiß, warum, und ruft es aus: „Der ist Offenbacher.“

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