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Weihnachtsbaum : Um die Hüfte etwas dünn

Eigenwächs: Der Weihnachtsbaum aus dem Enkheimer Wald. Bild: Wonge Bergmann

Der Weihnachtsbaum auf dem Römerberg ist ein echter Frankfurter und von stattlicher Größe. Perfekt ist er allerdings nicht.

          3 Min.

          Im Zeitlupentempo erhebt sich der grüne Riese über den Römerberg. Grad um Grad nähert sich sein Stamm der Vertikalen. Schließlich hängt die sechs Tonnen schwere Fichte aufrecht am Kran. Der Stamm schwebt über dem Loch, das jedes Jahr den Baum für den Weihnachtsmarkt aufnimmt. Dann wird der Stamm zentimeterweise herabgelassen, er senkt sich ins Pflaster vor dem Rathaus, an den Seiten quillt das Wasser heraus. Passt. Das Publikum applaudiert. Das Christkind kann kommen.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es muss schon sehr lange her sein, dass ein echter Frankfurter Christbaum vor dem Römer stand. Zumindest so lange, dass sich Thomas Feda, Chef der städtischen Tourismus und Congress GmbH, und seine Mitarbeiter nicht mehr daran erinnern können. In jüngerer Zeit war der Baum für den Weihnachtsmarkt aus wechselnden Fremdenverkehrsregionen gekommen. Zuletzt war es eine Fichte aus Tirol gewesen. Auch dieses Jahr wird der Baum vom befreundeten Ausland gesponsert. Doch Zürich, die Partnerstadt des Weihnachtsmarkts, hat in Sachen Klimaschutz einiges vor, sie will sich zur „Green City“ entwickeln. Da wäre es schlecht vermittelbar, einen mehr als 30 Meter langen Baum per Tieflader über Hunderte Autobahnkilometer zu transportieren. So ist die Wahl auf ein Frankfurter Gewächs gefallen, eine Fichte aus dem Enkheimer Wald.

          „Wie gerupfte Hühner“

          Verglichen mit seinen Vorgängern, die ihre Wurzeln in halb Europa schlugen, hatte der von Einsatzkräften der Feuerwehr begleitete Baum also eine recht überschaubare Anreise. Dementsprechend gut ist der erste Eindruck, als der Konvoi gestern Vormittag die Innenstadt erreicht. „Volles Nadelwerk“, attestiert ein Rentner und beißt in sein Rindswurst-Brötchen. Wie Hunderte anderer verfolgt er das Schauspiel auf dem Römerberg. Manche sind seit Jahren dabei, wenn der Weihnachtsbaum aufgestellt wird. Und ihren geschulten Augen entgeht keine Schwachstelle.

          „Wir hatten schon welche, die sahen aus wie gerupfte Hühner“, sagt ein Mann und macht eine verächtliche Miene. Auch der diesjährige Weihnachtsbaum zieht misstrauische Blicke auf sich. „Da sind kahle Stellen dran“, sagt eine Frau und streckt den Zeigefinger Richtung Stamm, der zu diesem Zeitpunkt noch auf dem Transporter liegt. Einige Äste sind abgebrochen, ein Feuerwehrmann sagt besorgt, das Holz sei ziemlich trocken. Doch kleine Korrekturen sind nach dem Aufstellen ohnehin Routine: Äste werden geflickt oder sogar zusätzlich in den Stamm geschraubt, der Baum wird so gedreht, dass sich etwaige Schönheitsfehler auf der Römer-Seite befinden.

          Heimvorteil

          Ob es geholfen hat, kann das Publikum am 24. November beurteilen, wenn der Weihnachtsmarkt eröffnet wird. Dem Schweizer Generalkonsul Pius Bucher ist bewusst, dass die Frankfurter kritisch sind. Er selbst will den Baum aber nicht nach seinen Ästen und Nadeln beurteilen, für ihn ist er ein Symbol. „Durch ihn sind zwei Städte miteinander verbunden, die ohnehin viel gemeinsam haben.“ Bucher nennt die kulturelle Vielfalt, die bedeutenden Flughäfen, die Internationalität und das hohe Umweltbewusstsein. Möglicherweise lasse sich der eine oder andere Weihnachtsmarktbesucher zu einer Reise nach Zürich animieren. Dort gebe es im Hauptbahnhof einen Christbaum, der mit 15.000 Glitzersteinen geschmückt sei.

          Auch Wirtschaftsdezernent Markus Frank (CDU) findet, dass die Züricher Fichte aus Enkheim für die Zusammenarbeit zweier internationaler Finanzstädte stehe. Er bedanke sich in der Hoffnung, dass der Baum allen gefalle, „aber wir wissen natürlich, dass das nie der Fall sein wird“. So viel steht fest. Als der Kran die Fichte anhebt, werden die kritischen Stimmen lauter. Obenrum sei sie ja ganz schön, aber in der Mitte fehlten die Zweige. Etwas fülliger könne er schon sein. Ein boshafter Passant meint sogar, man habe aus Versehen nochmal das Exemplar vom vergangenen Jahr genommen.

          Und doch scheint es, als genieße die Enkheimer Fichte einen gewissen Bonus. Schließlich kann sie den Heimvorteil und eine gute Klimabilanz für sich in Anspruch nehmen. „Es gab hier schon Bäume von sonst woher, die sahen auch nicht besser aus“, sagt ein Mann, der als Wohnort „Klaa Paris“ angibt. Auch seine Begleiterin ergreift Partei für die Fichte mit dem vollen Wipfel und den etwas schmalen Hüften. „Wenn sie geschmückt ist, dann sieht sie bestimmt toll aus.“ Das kenne man ja von zuhause. „Wir hatten auch schon die krummsten Dinger, mit zwei Spitzen oder so. Aber für uns waren sie irgendwie immer schön.“

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