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Einsamer Tod : Sterben auf der Isolierstation

In den letzten Stunden ohne Angehörige: Auf den Isolierstationen dürfen Ärzte und Krankenschwestern die Patienten nur in Schutzkleidung und mit Atemmaske versorgen. Bild: dpa

In Zeiten von Corona gelten in Krankenhäusern andere Regeln. Was ist, wenn kein Angehöriger dem Sterbenden auf der Isolierstation die Hand halten darf? Ein Theologe fordert Hospize, Krankenhäuser und Kirchen auf, sich vorzubereiten.

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          Thorsten Latzel will übers Sterben sprechen. Über das Sterben in Zeiten von Corona. Eine Prognose über die Zahl der Toten in Deutschland als Folge der Pandemie ist kaum seriös zu treffen. Das weiß der Leiter der Evangelischen Akademie in Frankfurt. Mit Blick auf Erfahrungswerte aus Italien kommt der Theologe trotzdem zu dem Schluss, es sei realistisch, „sich darauf einzustellen, dass wir wohl Hunderttausende Menschen im Sterben begleiten und noch viel mehr Menschen in ihrer Trauer stärken müssen“.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Latzel veröffentlicht in diesen Tagen „Impulse“, in denen er seine Sicht auf einen Alltag aufschreibt, der immer stärker vom Leben mit dem Coronavirus geprägt ist. Er beschäftigt sich mit Fragen wie: Was bedeutet es, mit Vorsichtsmaßnahmen zu leben? Wie wirkt sich die Covid-19-Pandemie auf unsere Gesellschaft aus? In seinem jüngsten Impuls geht es um das Sterben in einer Ausnahmesituation. Ausdrücklich spricht der Pfarrer von „ersten, unfertigen Impulsen“. Zugleich hebt er seine große Hoffnung hervor, „dass ich mich irre und sich diese Impulse einmal im Nachhinein als unnötig erweisen werden“.

          Keine Möglichkeit mehr, Abschied zu nehmen

          Gedanken macht sich der 1970 geborene Theologe zum Beispiel über das „Sterben in der Isolierstation“. Viele Kranke und Angehörige werden seiner Ansicht nach wegen der Infektion nicht mehr voneinander Abschied nehmen können. Hinzu komme, dass sich ein solch einsames Ende oft an eine schon Wochen oder Monate dauernde Quarantäne anschließe, in der sich beide Seiten nicht mehr gesehen hätten.

          Latzel sieht eine große Belastung voraus, wenn die Angehörigen am Ende sagen müssten: „Wir konnten Oma oder Opa nicht einmal mehr die Hand geben oder streicheln.“ Trauerprozesse würden massiv erschwert oder sogar verhindert. Der Theologe schlägt daher vor, dass sich Intensivstationen und Hospize rechtzeitig, also jetzt, damit befassten, Formen des Abschiednehmens per Video zu etablieren und eine solche neue Zeremonie kulturell und geistlich zu gestalten - würdig also.

          Latzel schlägt einfach zu bedienende „Trauertablets“ vor

          Gedanken macht sich Latzel auch um die Seelsorge im Trauerfall. „Wie gehen wir damit um, wenn der 75 Jahre alte Mann stirbt und seine 78 Jahre alte Frau infiziert zu Hause in Quarantäne ist?“ Wie kann in einer solchen Lage Trauerarbeit überhaupt noch funktionieren? Schließlich habe Seelsorge viel mit Kontakt zu tun – kommunikativem, emotionalem und auch körperlichem Kontakt. Nötig seien auch hier „rein technische wie auch seelsorgliche und rituelle Formen, um mit diesen besonderen Herausforderungen umzugehen“, findet Latzel.

          Weil gerade ältere Menschen an der Pandemie stürben, die sich mit der neuen Technik nicht gut auskennten, halte er es für sinnvoll, fertig programmierte und einfach bedienbare „Trauertablets“ anzuschaffen. Dort könnten trauernde alte Menschen tröstende Texte, Bilder des Angehörigen und Videos von der Trauerfeier aufrufen und per Videochat mit Angehörigen und Seelsorgern Kontakt haben. Neue Wege wünscht sich Latzel auch für Trauerfeiern, an denen die Angehörigen, wie in Norditalien geschehen, womöglich nicht mehr teilnehmen dürften.

          Nicht mit digitalen Angeboten erschöpfen

          Seine Pfarrer-Kollegen fordert Latzel auf, sich auf die Grenzbelastungen der Pandemie vorzubereiten. Das gelte erst recht für die Krankenhausseelsorger, die auch dem medizinischen Personal zur Seite stehen müssten. Nötig sei „in jedem Fall dringend Unterstützung in dieser Phase“, auch aus anderen Ressorts der Kirche.

          Ortspfarrer sollten sich überdies in der nächsten Zeit von anderen Aufgaben freimachen. Und sich „nicht in zusätzlichen digitalen Angeboten erschöpfen. So schön und wichtig diese sind, es stehen sehr bald andere, dringendere Aufgaben an.“ Deshalb, so wünscht es sich der Akademieleiter in seinem Impuls, sollten alle Pfarrer, Kirchenleitungen, Kirchenvorstände und in der Hospizarbeit Engagierte jetzt intensiv über Sterbebegleitung und Trauerarbeit in der Pandemiezeit reden – „und unsere Kraft konzentriert auf die Vorbereitung dieser Arbeit setzen“.

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