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F.A.Z.-Leser helfen : Erinnerungen in der Papa-Kiste

Mut zur Wahrheit: Die Mutter will aufrichtig zu ihrer Tochter sein. Bild: Kolb, Marie-Luise

Wie spreche ich mit meiner Tochter darüber, dass ihr Vater sich das Leben genommen hat? Das Projekt Sternenzelt, für das „F.A.Z.-Leser helfen“ Spenden sammelt, hilft Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die einen geliebten Menschen verloren haben.

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          An einem Montagmorgen Ende Mai 2020 ruft Bettina Mahler ihren Kontostand auf, und sogleich steigt ein ungutes Gefühl in ihr hoch. Ihr früherer Partner hat den Unterhalt für die gemeinsame Tochter Klara überwiesen – für drei Monate im Voraus. So, als ob er dafür sorgen will, dass es in nächster Zeit wenigstens keine finanzielle Notlage gibt. So, als ob er sich verabschieden will, Klaras Vater hatte sich schon seit Längerem schlecht gefühlt, er hatte den Eindruck, er werde verfolgt, und war deshalb auch in der Psychiatrie gewesen. Weil Bettina Mahler ihn an jenem Montagmorgen telefonisch nicht erreichen kann, schreibt sie ihm eine Nachricht. Darin steht, dass seine Tochter ihn liebt und dass er sich helfen lassen soll.

          Matthias Trautsch
          Koordination Reportage Rhein-Main.

          Klara scheint zu spüren, dass etwas nicht in Ordnung ist. In der folgenden Nacht schläft die damals knapp Achtjährige bei der Mutter im Bett, was sie sonst nur noch selten tut. Am nächsten Morgen bekommt Bettina Mahler die Nachricht, dass ihr früherer Partner am Montagnachmittag von einem Zug überrollt worden ist. Sie kann es trotz aller Vorahnungen im ersten Moment gar nicht begreifen, denkt an einen Unfall, obwohl die Umstände doch eindeutig für einen Suizid sprechen. Wie soll sie das, was passiert ist, ihrer Tochter erklären, wenn sie es selbst kaum versteht?

          Das Mädchen ist ganz ruhig geblieben

          Bettina Mahler weiß es nicht. Aber sie kann Klara auch nichts vorspielen. „Ich habe ihr dann gesagt, dass der Papa es nicht geschafft hat“, erinnert sich die Fünfundvierzigjährige, die mit ihrer Tochter und deren älterem Bruder im Vordertaunus wohnt und eigentlich einen anderen Namen trägt. „Klara hat dann gefragt, ob der Papa tot ist. Und ich habe gesagt: Ja.“ Sie habe befürchtet, dass ihre Tochter weint oder schreit oder zusammenbricht. Aber das Mädchen sei ganz ruhig geblieben, habe geradezu erleichtert gewirkt. Während Bettina Mahler das erzählt, stockt ihre Stimme, sie greift zu einem Taschentuch.

          Der Tod von Klaras Vater liegt inzwischen anderthalb Jahre zurück. Eine große Stütze in der Zeit seither war das Projekt Sternenzelt. Von einer Freundin erfuhr die Mutter von dem Angebot der Evangelischen Familienbildung Main-Taunus. Sternenzelt hilft Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die einen geliebten Menschen verloren haben, ihren persönlichen Weg der Trauer zu finden. Dazu gehören Einzelberatungen, Familiengespräche und Hausbesuche, vor allem aber die nach Alter gestaffelten Gruppen, in denen sich Trauernde regelmäßig treffen und austauschen. Für diese Angebote gibt es eine große Nachfrage – dafür, dass sie entsprechend ausgebaut werden können, bittet die F.A.Z. ihre Leser um Spenden.

          Ein enges Verhältnis

          Wenn ein Elternteil sich selbst das Leben nimmt, dann wirft das für die Hinterbliebenen noch einmal andere Fragen auf, als wenn ein Angehöriger durch eine Krankheit oder einen Unfall stirbt. Auch wenn Bettina Mahler und ihr früherer Partner schon länger getrennt waren, hatte Klara zu ihm ein enges Verhältnis. Er wohnte in der Nähe, kümmerte sich um die Tochter, wenn die Mutter, die im Gesundheitswesen arbeitet, Schichtdienst hatte. „Wir haben uns gut verstanden“, sagt Mahler.


          Hilfe bei Suizidgedanken

          Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie – auch anonym – mit anderen Menschen über Ihre Gedanken sprechen können.

          Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich.

          Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.
          Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist nicht nur kostenfrei, er taucht auch nicht auf der Telefonrechnung auf, ebenso nicht im Einzelverbindungsnachweis.

          Ebenfalls von der Telefonseelsorge kommt das Angebot eines Hilfe-Chats. Die Anmeldung erfolgt auf der Webseite der Telefonseelsorge. Den Chatraum kann man auch ohne vereinbarten Termin betreten. Sollte kein Berater frei sein, klappt es in jedem Fall mit einem gebuchten Termin.

          Das dritte Angebot der Telefonseelsorge ist die Möglichkeit der E-Mail-Beratung. Auf der Seite der Telefonseelsorge melden Sie sich an und können Ihre Nachrichten schreiben und Antworten der Berater lesen. So taucht der E-Mail-Verkehr nicht in Ihren normalen Postfächern auf.

          Ihr Ex-Partner, der deutlich älter war als sie, sei ein liebevoller, ruhiger, zufriedener, aufmerksamer Mensch und überdies beruflich erfolgreich gewesen. Nur gewisse merkwürdige esoterische Weltanschauungen habe er auch schon früher vertreten. Anfang 2020 sei er dann in eine Krise geraten, die sich, vielleicht auch bedingt durch die Umstände der Corona-Pandemie, zugespitzt habe. Ende März, also etwa zwei Monate vor dem Tod, habe er sich selbst in eine psychiatrische Klinik einweisen lassen. „Er fühlte sich verfolgt, hatte massive Ängste.“ Klara habe ihren Vater trotz des Lockdowns besuchen können, allerdings nur auf dem Flur der Einrichtung. „Das war eine grauenvolle Situation, da wollte sie nicht mehr hin.“

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