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Klassenfahrten : Im Zweifel muss der Edersee reichen

  • -Aktualisiert am

Alle sollen dabei sein: Klassenfahrten finden die meisten Schüler gut, Eltern aber haben oft Vorbehalte. Bild: Rainer Wohlfahrt

Eine Klassenfahrt soll die Gemeinschaft fördern. Wie genau das geschehen soll und was es kosten darf – darüber gehen die Meinungen in den Schulen oft auseinander.

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          Lehrerwünsche und Schülerträume, Unterbringung und Ausrüstung, Eintrittskarten und Taschengeld – wer eine Klassenfahrt vorbereitet, weiß, wie schwer alle Bedürfnisse zu vereinbaren sind. Auch bewährte Konzepte werden immer wieder auf die Probe gestellt. So ist es zum Beispiel für muslimische Kinder schwierig, wenn Fahrten in den Ramadan fallen. Skifreizeiten hingegen werden von Eltern hinterfragt, die Skifahren als wenig gemeinschaftsdienlich und ökologisch fragwürdig kritisieren. An der Wöhlerschule im Frankfurter Stadtteil Dornbusch ist Skisport als Fahrtenziel „ganz klar ausgeschlossen, weil wir eine Umweltschule sind“, sagt Elternvertreterin Anette Ignatzi.  Die Frage nach einer Skifahrt in die Alpen komme gelegentlich auf, aber abgesehen vom Umweltaspekt sei so eine Fahrt für viele Eltern auch einfach zu teuer.

          Andererseits stoßen Leser in Elternforen im Internet immer wieder auf das Argument, dass Schulfahrten neue Erfahrungen bieten sollten und viele Kinder ohne die Schule niemals in Kontakt mit dem Skisport kämen. Mehrtägige Unternehmungen mit sportlichem Schwerpunkt und in der Natur gehören an den meisten Schulen zum Konzept der Fahrten. Uwe Gehrmann, Schulleiter der IGS Nordend, sagt: „Gerade in der Pubertät ist es für die Kinder wichtig, gemeinsame Grenzerfahrungen in der Natur zu machen, Verantwortung füreinander zu übernehmen.“ Die siebten Klassen der inklusiv arbeitenden Integrierten Gesamtschule fahren selbst mit mehrfach schwerbehinderten Kindern regelmäßig zum Wandern und Klettern in die Berge. „Gemeinsam wird das Programm erarbeitet, alle lernen, sich am schwächsten Glied der Kette zu orientieren“, sagt Gehrmann. „Und viele wachsen dann vor Ort über sich selbst hinaus, blühen richtig auf.“

          Fahrten müssen langfristig geplant werden

          Jede Schule muss ein sogenanntes Fahrtenkonzept erarbeiten, viele führen es im Internet detailliert auf. Für manch eine Familie ist es ein Grund für die Wahl der weiterführenden Schule. Der „Wandererlass“ des hessischen Kultusministeriums setzt allerdings klare Grenzen: Bis zu fünf Unterrichtstage je Schuljahr dürfen in den Klassen fünf bis zehn zu mehrtägigen Fahrten zusammengelegt werden, mehr als drei mehrtägige Fahrten in drei verschiedenen Schuljahren dürfen nicht stattfinden. Tagesausflüge und Fahrten in die neuen Bundesländer können zusätzlich angesetzt werden, für Auslandsreisen dürfen bis zu zehn Unterrichtstage aufgewandt werden. Wandern, andere sportliche Aktionen, Fahrten mit Bezug zu besonderen Unterrichtsthemen oder internationale Begegnungs- und Austauschfahrten sind als inhaltliche Schwerpunkte vorgesehen.

          Das Hauptproblem bei Klassenfahrten sind die Kosten. Das gilt vor allem für Auslandsreisen, aber auch für Fahrten mit Natur- und Sportschwerpunkt. Und für die vielfach gewünschten Berlin-Fahrten der zehnten oder elften Klasse. „Wenn wir eine Klassenfahrt in der zehnten Klasse machen, dann geht die nach Berlin“, sagt Horst Breuer, stellvertretender Leiter der Georg-August-Zinn Schule in Griesheim. Wenn – denn einfach ist es nicht, eine solche Reise zu organisieren. „Diese Fahrten müssen langfristig geplant und gebucht werden, manchmal weiß man bis zum Schluss nicht, ob das Geld wirklich zusammenkommt“, erläutert Breuer. Bei den in der fünften, siebten und neunten Klasse stattfindenden Fahrten falle die Wahl meist auf Ziele in der Umgebung, zum Beispiel auf den Edersee oder auf Burg Rieneck. „Das ist gemeinschaftsfördernd, bietet sportliche Aktivitäten und ist einfacher zu planen“, sagt der Schulleiter.

          Auch niedrige Kosten sind für manche ein Problem

          Laut „Wandererlass“ dürfen Inlandsfahrten nicht mehr als 300 Euro, Auslandsfahrten maximal 450 Euro kosten; und beides auch nur, wenn es die Möglichkeit zum langfristigen Sparen für die Eltern gibt. Doch nicht immer reicht es, Klassenfahrten lange im Voraus anzukündigen: Finanziell schwierig werden kann es etwa, wenn Geschwister gleichzeitig auf Klassenfahrt gehen sollen. Zwar haben die meisten Schulen einen Förderverein oder eine Spendenkasse beim Schulelternbeirat, um im Notfall unter Zusicherung von Vertraulichkeit Finanzierungslücken schließen zu können. „Doch vielen Eltern ist es zu peinlich, ihre Situation zu offenbaren und diese Zuschüsse in Anspruch zu nehmen“, sagt Melanie Hingott, im Stadtelternbeirat Vorsitzende des Ausschusses für die Integrierten Gesamtschulen.

          Eltern, die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, gewährt das Bildungs- und Teilhabepaket im Sozialgesetzbuch auf Antrag die Übernahme von Kosten. „Das Problem sind eher die Familien, die keine staatlichen Unterstützung erhalten und trotzdem sehr rechnen müssen“, sagt Hingott. „Da gibt es eine große Dunkelziffer.“ Die wenigsten wollten sich offenbaren und den Schulelternbeirat oder Förderverein um Unterstützung bitten.

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