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Tagebuch der Anne Frank : Warum konnte sie so schreiben?

Dreimal Anne: Das Triptychon des Frankfurter Malers Mike Kuhlmann soll künftig im Jüdischen Museum zu sehen sein. Bild: Zübeyde Kopp / studioZeta

Nur ihre ersten Kindheitsjahre verbrachte Anne Frank in Frankfurt. Und doch gilt sie als die größte Tochter der Stadt.

          3 Min.

          So gut wie jeder kennt Anne Frank. Viele haben ihr Tagebuch gelesen. Die meisten wissen, dass sie aus Frankfurt kommt. Bei allerlei Anlässen rühmt sich die Stadt ihrer „größten Tochter“. Und doch ist nicht selbstverständlich, was Anne Frank, die – hätten die Nazis sie nicht ermordet – in diesen Tagen 91 Jahre hätte werden können, mit ihrer Geburtsstadt verbindet. Den größten Teil ihrer Kindheit und Jugend verbrachte das jüdische Mädchen im Exil in Amsterdam, ihr Tagebuch schrieb sie auf Niederländisch. Erst im Kindergartenalter war sie gewesen, als ihre Familie Frankfurt verlassen musste. Die NSDAP hatte im März 1933 bei der Kommunalwahl die Mehrheit errungen, in der Folge kam es zu judenfeindlichen Kundgebungen. Annes Vater Otto Frank erkannte, dass seine Töchter in der Stadt am Main nicht sicher aufwachsen konnten.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Anne habe ihre Geburtsstadt verlassen müssen, weil diese sich ihr „in der dunkelsten Stunde ihrer Geschichte nicht würdig gezeigt hat“, sagt Bürgermeister Uwe Becker (CDU) am Montag in einem Grußwort zu einer Podiumsrunde, in deren Verlauf es noch intensiver um den Bezug zwischen Anne und Frankfurt gehen sollte. Der Veranstalter, die „Montagsgesellschaft“, hatte dazu eingeladen und eigentlich vorgehabt, Anne Frank an diesem Abend als „Frankfurter Legende“ auszuzeichnen. Glücklicherweise war aber rechtzeitig aufgefallen, dass ein solcher Titel zu erfolgreichen Sportlern oder Unternehmern passen mag, doch im Zusammenhang mit einem von den Nazis ermordeten Mädchen ziemlich deplaziert wirken könnte.

          Der Höhepunkt des Abends, für den die Kanzlei Arnecke Sibeth Dabelstein ihre Räume zur Verfügung stellte, ist somit die Übergabe von drei Porträts an das Jüdische Museum. Sie stammen vom Frankfurter Künstler Mike Kuhlmann, der sich das bekannte Foto Anne Franks aus dem Jahr 1941 zur Vorlage nahm.

          Seine Interpretation des Bildes stellte er in die Mitte des Triptychons, für den linken Teil malte er eine verjüngte Version des Porträts, das die kleine Anne am Ende ihrer Zeit in Frankfurt zeigt. Auf dem rechten Porträt ist das Mädchen zu sehen, wie es kurz vor dem Tod im KZ Bergen-Belsen ausgesehen haben könnte, abgemagert und mit geschorenem Schädel. Kuhlmann übergab das Triptychon, das in Teilen noch fertiggestellt werden muss, an Mirjam Wenzel, die Direktorin des Jüdischen Museums, die dafür einen Platz im Neubau des Hauses reservieren möchte.

          Junge Menschen können sich mit ihr identifizieren

          Es könnte also gut sein, dass an Kuhlmanns Triptychon bald Schulklassen vorbeilaufen oder besser noch stehen bleiben werden und so einen Anstoß bekommen, sich mit der Geschichte von Anne Frank zu befassen. Wie wichtig das jüdische Mädchen im Kampf gegen alten und neuen Antisemitismus ist, hebt Meron Mendel, der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, hervor. Die Zahl von sechs Millionen in der Schoa ermordeter Juden sei abstrakt. Aber mit „einer Person, die hier gelebt hat“, könnten sich junge Menschen identifizieren, gerade dann, wenn sie selbst aus Frankfurt kämen.

          Stadtverordnetenvorsteher Stephan Siegler (CDU) versucht, den Bezug zwischen Anne und ihrer Geburtsstadt noch etwas enger zu knüpfen. Die Handelsmetropole Frankfurt sei von alters her „divers“ gewesen. Echte oder vermeintliche Andersartigkeit habe hier keine so große ausgrenzende Rolle gespielt wie in anderen Städten. Das sei bis heute so, und deshalb könne sich auch die junge Generation mit „Anne aus Frankfurt“ identifizieren, ihre Freuden und Ängste nachempfinden.

          Die vielleicht überzeugendste Verknüpfung zwischen Anne und Frankfurt gelingt Mirjam Wenzel. Ihre Ausgangsfrage dabei lautet: „Warum konnte dieses Mädchen so gut schreiben?“ Die Antwort gibt die Museumdirektorin selbst. Die Familie Frank sei nicht reich, aber ausgesprochen bürgerlich, progressiv und sehr kultiviert gewesen. In ihrer Wohnung am Dornbusch hätten die Franks eine Art Salon geführt, die Töchter seien, auch dank der über Ländergrenzen verzweigten Verwandtschaft, mehrsprachig aufgewachsen und schon früh zum Lesen und Schreiben angehalten worden. „Das sagt sehr viel über die bürgerlichen Umgangsformen der Jüdinnen und Juden in Frankfurt aus“, sagt Wenzel.

          Doch nicht nur der Lebenswandel der Franks sei in gewisser Weise typisch für das weltoffene Frankfurt und dessen reformjüdisches Bürgertum gewesen, die Familie habe sich auch mit der Stadt identifiziert. In Basel, wohin der überlebende Otto Frank in den fünfziger Jahren zog, habe im Wohnzimmer ein Gemälde des Frankfurter Opernplatzes gehangen. Das Bild des Malers Jakob Nussbaum befinde sich inzwischen im Besitz des Jüdischen Museums und werde auch in dessen Neubau zu sehen sein.

          Schwierige Ehrenbürgerschaft

          Die Stadt hat eine Realschule und eine Bildungsstätte nach ihr benannt, außerdem tragen eine Siedlung und eine kleine Straße ihren Namen. Doch das Vorhaben, Anne Frank zur Ehrenbürgerin zu machen, gestaltet sich schwierig. Denn Ehrenbürgerschaften werden in Frankfurt nur an Lebende verliehen und gelten nur bis zu deren Tod. Aus diesem Grund sind viele große Frankfurter wie Goethe und Schopenhauer keine Ehrenbürger. Dessen ungeachtet wird seit Jahren, etwa von Bürgermeister Uwe Becker (CDU), gefordert, für die bekannteste Tochter der Stadt eine Ausnahme zu machen und ihr die Ehrenbürgerwürde postum zu verleihen. Dass das bisher nicht geschehen ist, hat nicht nur formale Gründe. Denn die Chronik der Ehrenbürger trägt einige dunkle Flecken. Zwar finden sich dort viele hochverdiente und weitgehend unumstrittene Persönlichkeiten wie Theodor Heuss, Max Horkheimer und Oswald von Nell-Breuning, aber auch Paul von Hindenburg, Hermann Göring und Adolf Hitler standen einst auf der Liste. Die beiden Letztgenannten wurden schon kurz nach dem Krieg wieder gestrichen, bei Hindenburg geschah das 2015. Immer noch auf der Liste verzeichnet ist hingegen der Bankier Hermann Josef Abs, der als Vorstandsmitglied der Deutschen Bank während des Nationalsozialismus mit dem Zwangsverkauf jüdischer Unternehmen und Banken betraut war. Dass es passend wäre, Anne Frank künftig in einem Atemzug mit ihm zu nennen, bezweifeln viele Stadtverordnete. trau.

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