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Frankfurt : Anteil des Radverkehrs höher als in Berlin

Beliebtes Transportmittel: Ein Frankfurter legt fast 20 Prozent seiner Wege in der Mainmetropole mit dem Rad zurück. Bild: dpa

Laut einer repräsentativen Befragung liegt der Anteil des Radverkehrs in Frankfurt derzeit übers Jahr gesehen bei mindestens 19,8 Prozent. Das ist sogar mehr als in der vermeintlichen Radfahrermetropole Berlin.

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          Obwohl mehr Frankfurter denn je ein Auto haben, legen sie gleichzeitig immer mehr Strecken mit dem Fahrrad zurück. Wie eine repräsentative Befragung von Frankfurter Haushalten durch die Technische Universität Dresden ergeben hat, liegt der Anteil des Radverkehrs in Frankfurt derzeit übers Jahr gesehen bei mindestens 19,8 Prozent. Das bedeutet, dass ein Frankfurter fast 20 Prozent seiner Wege in der Mainmetropole mit dem Rad zurücklegt.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          2013, als die von der Stadt in Auftrag gegebene Befragung zuletzt stattgefunden hatte, lag der Radverkehrsanteil bei 12,6 Prozent. Erstmals hatte die Universität im Jahr 2003 über das Jahr verteilt 2000 Frankfurter nach ihrem Verkehrsverhalten befragt. Damals wurden 8,3 Prozent aller Wege mit dem Rad zurückgelegt. Damit hat sich der Anteil seitdem mehr als verdoppelt und liegt heute sogar über dem der vermeintlichen Radfahrermetropole Berlin. Dort beträgt der Radverkehrsanteil 17,5 Prozent. Die jetzt präsentierten Umfragedaten aller Städte stammen aus dem Jahr 2018.

          Der Frankfurter Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) sprach am Donnerstag bei der Vorstellung der Befragungsergebnisse mit Blick auf die Radler von „der eindrucksvollsten Entwicklung“. Berücksichtige man nur die Fahrten, die die Frankfurter innerhalb des Stadtgebiets zurücklegen, „dann ist der Radverkehr sogar auf 23 Prozent gestiegen“, so Oesterling. Daraus könne nur ein Schluss gezogen werden: „Wir als Stadt sind verpflichtet, den Radfahrern mehr und ausreichend Platz zur Verfügung zu stellen.“

          Da der Autoverkehr nur noch bei 33 Prozent liege – zwei Prozentpunkte niedriger als 2013 –, aber den größten Teil des Straßenraums einnehme, „haben wir Nachholbedarf für die Radfahrer“. Das bedeute, Straßen müssten zu Lasten des Autoverkehrs umgebaut werden, so wie es die Koalition aus CDU, SPD und Grünen mit der „Initiative Radentscheid“ vereinbart habe. „Dieser Tatsache muss man sich stellen.“

          Rad wird am meisten bei Strecken bis fünf Kilometer genutzt

          Das Forschungsprojekt der TU Dresden, das unter dem Motto „Mobilität in Städten“ steht und von zahlreichen Städten in Auftrag gegeben wird, berücksichtigt im Fall Frankfurts nicht das Verkehrsverhalten der mehr als 370.000 Einpendler. Dagegen ist die Zahl der mittlerweile rund 100.000 Auspendler von Frankfurt ins Umland bei den Befragungen berücksichtigt worden. Der Anteil der Radfahrer ist dort jedoch mit rund fünf Prozent relativ gering, etwa 68 Prozent der Fahrten werden mit dem Auto zurückgelegt, ein Viertel mit dem öffentlichen Nahverkehr. Dazu passt, dass das Rad am meisten bei Entfernungen von bis zu fünf Kilometern genutzt wird. Doch selbst auf Strecken bis zehn Kilometer sind, vermutlich dank Pedelecs, mittlerweile doppelt so viele Radler unterwegs wie 2013. Für den Stadtrat ist es deshalb richtig, auf Radschnellwege in die Region zu setzen.

          Oesterling warnte davor, aus den Steigerungen beim Radverkehr zu schließen, dass die Frankfurter nicht mehr mit dem Auto führen. Er könne die Autoindustrie beruhigen: „Die Abkehr vom Auto ist nicht zu sehen.“ Im Gegenteil – es gibt sogar mehr Autos in Frankfurt als in den Vorjahren, eine Entwicklung, die nicht allein dem Wachstum der Stadt zuzuschreiben ist. Vielmehr ist die Zahl der Haushalte ohne Auto von 38 auf 31 Prozent gesunken, gleichzeitig stieg die Zahl der Haushalte mit einem und sogar zwei Autos. „Man hat ein Auto und nutzt für die kürzeren Wege das Fahrrad“, fasste Oesterling zusammen. Die Befragung zeigt nach seinen Worten auch, wer das Rad vor allem nutzt: Es seien diejenigen mit sehr geringem und mit überproportional hohem Einkommen, „die akademische Klientel eben“.

          Mit dem starken Bevölkerungswachstum in Frankfurt ist auch der Zahl der zurückgelegten Wege deutlich gestiegen, nämlich um 423.000. Alle Verkehrsmittel werden stärker als früher genutzt. Für Oesterling steht fest, dass die exorbitante Steigerung der Fahrten mit dem Rad geholfen hat, das höhere Verkehrsaufkommen zu bewältigen. Oder anders gesagt: Ohne das Umsteigen vieler Frankfurter aufs Fahrrad „wäre die ganze Stadt dicht gewesen“, hätten alle im Stau gestanden. Es klinge paradox, doch wer dafür sorge, dass noch mehr Menschen aufs Rad umstiegen, „hält den Autoverkehr flüssig“.

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