https://www.faz.net/-gzg-9po0r

Frankfurter Bahnhofsviertel : Wo Gut und Böse nur ein paar Schritte auseinanderliegen

  • -Aktualisiert am

Für Ulrich Mattner ist das Bahnhofsviertel nicht nur sein Zuhause, sondern auch sein Arbeitsplatz. Bild: Esra Klein

Ulrich Mattner wohnt und arbeitet im Bahnhofsviertel. Bei den Führungen durch das Quartier zeigt er interessante Ecken und berichtet von schlüpfrigen Details.

          2 Min.

          Treffen sich ein Freimaurer, ein Bordellaufpasser und ein Hotelmanager. Was klingt wie der Beginn eines schlechten Witzes, ist der Arbeitsalltag von Ulrich Mattner. Seit zehn Jahren wohnt der Fotograf und Stadtführer nun im Bahnhofsviertel – das Quartier ist aber nicht nur sein Zuhause, sondern auch sein Arbeitsplatz.

          Um über die Aufnahmeorte und Porträtierten seines neuen Fotobandes „Schaulust“ zu sprechen, hat Mattner zu einer Tour durch das Bahnhofsviertel eingeladen: „das Viertel, das bittere Armut, Reichtum, Rotlicht, Drogen, schwere Jungs, internationale Küche, Kriminalität und Hoffnungslosigkeit vereint“, wie er sagt. „Gut und Böse liegen nirgends sonst so nahe beieinander.“

          Tempelsaal der „Brüder“

          Auf der guten Seite sieht sich Friedhold Andreas, Meister des 1742 gegründeten Frankfurter Freimaurerbundes. Andreas, hauptberuflich Anwalt, bittet in den dunklen Tempelsaal der „Brüder“: einen Ort, den die wenigsten Besucher des Viertels je zu sehen bekommen.

          Zwar habe man auch einst Besucher der Bahnhofsviertelnacht durch die Räume geführt. „Das fanden aber nicht alle Brüder gut.“ Die Abgrenzung sei wichtig für die Loge. Meister Andreas berichtet im Schummerlicht von Aufnahmeritualen der „Lehrlinge“. Dann verkündet er: Noch dieses Jahr werde eine Frauenloge namens „Confidentia“ gegründet.

          Vom Viertel geprägt

          Nächste Station: Rotlicht. Mattner führt in ein Bordell an der Taunusstraße. Hinter der Tür mit der Aufschrift „Privat“ sitzen die Aufpasser des Etablissements. Nur wenige Quadratmeter groß ist das Kämmerchen, der Arbeitsplatz eines Mannes namens Nico: massige Gestalt, großflächig tätowiert, die Baseballkappe tief ins Gesicht gezogen.

          Über den Dächern von Frankfurt: Blick auf die Skyline. Bilderstrecke

          Der Mittdreißiger ist einer der typischen Menschen, die das Viertel prägen – und der selbst vom Viertel geprägt ist. Beim Kurzbesuch sagt er Sätze wie „Auch im Puff gibt es ein Sommerloch“ und „Das Finanzamt ist der größte Zuhälter“ – jeweils gefolgt von einem röchelnden Lachen. Auch hier an der Taunusstraße fotografiert Mattner häufig. Denn trotz der vielen Missstände und der Armuts-Prostitution sei das Rotlichtviertel ein Geschenk für jede Kameralinse.

          Schlüpfrige Einzelheiten

          Aufpasser Nico plaudert heiter über die „Kundschaft“, die „Mädels“ und die Zimmerpreise des Bordells – 24 Stunden für 140 Euro –, doch bevor er weitere schlüpfrige Details auspacken kann, ruft Mattner: „Weiter geht’s!“ Auch eine der schönsten Ecken des Viertels soll auf der Tour nicht fehlen: die Dachterrasse des Hotels „Nizza“ an der Elbestraße, nur wenige Gehminuten von den Treffpunkten der Drogen- und Rotlichtszene entfernt.

          Neben dem Eingang des Hotels haben sich Büroangestellte zum Essen im chinesischen Restaurant verabredet; gegenüber macht gerade ein neuer Marokkaner auf, wie Mattner erzählt. Mit dem Fahrstuhl geht es in den fünften Stock, dort liegt der Zugang zur begrünten Terrasse, die einen Blick auf die umliegenden Altbaudächer und die Skyline bietet.

          Ein wirklicher Geheimtipp sei der Ort schon lange nicht mehr, sagt Mattner. Hier treffe man Touristen, Banker beim Feierabend-Drink oder auch Schauspieler wie Ulrich Tukur, wenn das Viertel wieder einmal als Kulisse für einen Fernsehkrimi herhalten müsse. Dennoch biete die Terrasse etwas, das im Quartier ein seltenes Gut sei: Ruhe. „Hier oben vergisst man die Konflikte und den Lärm auf den Straßen“, sagt Mattner. Ein Ort der Entschleunigung, mitten im hektischsten Viertel der Stadt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Zwanghafte Verhaltensstörung: Betroffene leiden vor allem an mangelnder Impulskontrolle.

          Krankhaftes Sexualverhalten : Wenn die Lust zur Qual wird

          Ahnlich wie Drogen- und Spielsüchtige sind auch Sexbesessene darauf aus, sich stets neue „Kicks“ zu verschaffen. Vielen Patienten könne eine Verhaltenstherapie helfen, sagen Forscher. Ein Lösungsansatz sei aber nur selten von Erfolg gekrönt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.