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Wahlkampf im Wohnzimmer : „Große Ideen brauchen Platz“

Pro EU: Die Vorsitzende des Vereins „Frauen im Gespräch“ will ihre Gäste von der Europäischen Union überzeugen. Und zwar in heimischer Atmosphäre. Bild: Carlos Bafile

Die Vorsitzende des Vereins „Frauen im Gespräch“ lädt zur Diskussion über die Europäische Union. In ihrem eigenen Wohnzimmer will sie Menschen überzeugen. Das klappt nicht immer.

          Einen Farbdrucker und die Gelassenheit von 92 Jahren, mehr braucht es nicht, um etwas zu verändern. Dorothee Beythan will nichts mehr aufschieben, will nicht mehr warten, bis andere Verantwortung übernehmen. Sie ist von Europa überzeugt und will sich dafür einsetzen. Nicht morgen, nicht in einer Woche, sondern jetzt. Und deshalb will sie die neue Partei „Volt“ dabei unterstützen, bekannter zu werden. Notfalls, indem sie deren Programm selbst ausdruckt und an Freunde und Bekannte verteilt. „Für echten Wahlkampf bin ich zu alt“, sagt sie. Dorothee Beythan gehört zu den etwa 40 geladenen Gästen, die sich am Freitagabend im Wohnzimmer von Ingrid Gräfin zu Solms-Wildenfels, der Vorsitzenden des Vereins „Frauen im Gespräch“, versammelt haben, um über die anstehende Europawahl zu diskutieren. Auch Männer sind darunter.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Gräfin eröffnet den Abend im blauen Kleid. Sie trägt Europa im Herzen und am Körper. Möbel mussten für die Veranstaltung weichen, große Ideen brauchen Platz. Die Idee, zu einer Diskussion in ihre eigenen vier Wänden einzuladen, sei ihr gekommen, als sie realisiert habe, dass sich wohl auch in ihrem Bekannten- und Freundeskreis Menschen finden, die den europäischen Gedanken nicht mehr fassen können. Sie nennt sie „Wackelkandidaten“ – und die will sie mit ihrer Veranstaltung erreichen.

          Solms-Wildenfels hat sich Unterstützung von Maneesorn Koldehofe vom Mädchenbüro „Milena“ geholt. Außerdem sind Vertreter der pro-europäischen Bewegung „Pulse of Europe“ sowie zwei „Volt“-Mitglieder gekommen. Sie alle werden an diesem Abend ihre Visionen vorstellen, sie alle wollen für ein starkes Europa einstehen. „Es ist Zeit, dass wir Bürger etwas machen“, sagt die Gastgeberin, die am weißen Klavier steht, in die Runde blickt und hofft, durch das Öffnen ihrer Wohnung eine intime, ehrliche Umgebung für die Diskussion geschaffen zu haben. In wohnzimmerlicher Wohlfühlatmosphäre soll es auch um das Thema Flüchtlingspolitik gehen. „Es sind mir einfach zu viele unterwegs, die sagen: Deutschland first“, sagt Solms-Wildenfels.

          Zwischen Bücherregalen, Kunst und Familienfotos

          Mit Maneesorn Koldehofe hat sich die Gastgeberin eine geübte Rednerin eingeladen. Eine, die sich von kritischen Nachfragen nicht irritieren, die sich nicht provozieren lässt. Eine, die es schafft, bewegend zu erzählen, ohne dass es abgedroschen klingt. Koldehofe berichtet vom Mädchenbüro „Milena“, der Arbeit mit geflüchteten Frauen, davon, was jede einzelne von ihnen seit ihrer Ankunft schon geleistet hat. „Was braucht es, damit Menschen, die eigentlich keinerlei Berührung mit einem Flüchtling haben, eines Besseren belehrt werden“, fragt sie in die Runde. Es braucht einen Abend wie diesen, einen geschützten Raum, in dem durchaus kontrovers debattiert, in dem nachgefragt werden darf.

          Wie lange es dauere, bis ein Flüchtling Steuern zahle, will ein älterer, modisch gekleideter Herr wissen. Manchmal brauche es Jahre, antwortet Koldehofe und weist auf die Hürden der Bürokratie hin, durch die viele Flüchtlinge ausgebremst würden. Ob sie denn glaube, die Flüchtlinge würden in ihre Heimat zurückkehren, sollte sich die Situation in ihrem Land verändern, lautet die nächste Frage. Nicht alle, antwortet Koldehofe. Damit ist die Diskussion erst richtig eröffnet. Zwischen Bücherregalen, Kunst und Familienfotos wird noch lange über die anstehende Europawahl gesprochen und darüber, wie es wäre, wenn die Grenzen der Nationalstaaten wieder mehr Bedeutung bekämen. „Ohne Europa wären die Einzelstaaten gar nichts“, sagt Gabriele von Wietzlow, eine der Geladenen, mit Nachdruck.

          Später am Abend begleitet die Gräfin jeden ihrer Gäste persönlich zur Tür und zieht ein erstes Fazit. Es fällt ernüchtert aus: Einer, den sie zu den „Wackelkandidaten“ zählt, hat ihr soeben gesagt, dass er schon gewählt habe. „Alles umsonst“, sagt sie entmutigt, fasst sich dann aber wieder, dreht sich um und mischt sich noch einmal unter ihre Gäste. Jede Stimme zählt.

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