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Wahlhelfer : Wenn doch wenigstens jeder zweite käme

  • -Aktualisiert am

Gerne gesehen: Wähler am Morgen im Bürgerhaus Bockenheim Bild: Wolfgang Eilmes

Am Wahltag engagieren sich viele Helfer für die Demokratie, nur der Wähler macht sich rar.

          3 Min.

          Eigentlich wollte Klaus Strubel am Sonntag in Ruhe mit seiner Frau frühstücken, doch für die Demokratie ist er früh aufgestanden. Der 53 Jahre alte Angestellte einer Wohnungsbaugesellschaft ist Wahlhelfer und stellvertretender Wahlvorsteher im Bockenheimer Wahlbezirk 350-01. Nach dem Aufbau der Wahlkabinen wollte er die anderen fragen, ob er zum Frühstück noch einmal zu seiner Familie dürfe. Drei Wahlhelfer müssten immer anwesend sein, sagt Strubel, und der Nachmittag sei eigentlich bei vielen Wahlhelfern unbeliebt. Allerdings, morgens kurz nach sechs Uhr aufstehen, dann zur Feststellung der Anwesenheit ins Wahlbüro kommen, um danach bis zum Mittag wieder nach Hause zu gehen – das wollten auch viele nicht. Klaus Strubel schon: Er hätte gerne frische Brötchen gekauft und mit seiner Frau gefrühstückt. Doch auch andere hatten den Sonntagvormittag verplant. „Deshalb bin ich jetzt vormittags hier“, sagt er. Für die Kommunalwahl verzichtet er auf die gemeinsame Zeit am Frühstückstisch: „Meine Frau bringt mir nachher ein Brötchen vorbei.“

          Schon 25 Jahre lang lässt sich Strubel als Wahlhelfer benennen: „Da treffe ich Leute wieder, die ich das ganze Jahr nicht sehe“, sagt er. Um 7.30 Uhr haben sich Klaus Strubel und die sechs weiteren Wahlhelfer im Bürgerhaus Bockenheim getroffen, um den schmucklosen Raum im dritten Stock, in dem sonst Vereinsvorstände tagen, zum Wahllokal zu machen. An der Wand stehen ein paar Tische und übereinander gestapelte Stühle, gegenüber lassen die Fenster das fahle Licht des kalten und trüben Morgens herein. Der Umbau geht ruckzuck: Auf dreien der Tische wird eine große Pappe gestellt, die wie ein Triptychon aus Karton aussieht, um als Sichtschutz das Wahlgeheimnis zu sichern. Gegenüber haben sich die Wahlhelfer vor drei großen Stapeln bunten Papiers plaziert: die grünen Zettel für den Volksentscheid zur Schuldenbremse, die gelben für die Wahl des Ortsbeirats, die weißen für die Stadtverordnetenversammlung.

          Stoßzeiten - nach dem Kirchgang oder dem Kaffeetrinken

          Strubel ist optimistisch: „Die Wahlbeteiligung könnte recht hoch werden, auch wegen der Sache jetzt in Japan“, sagt er. Die werde bestimmt viele Wähler mobilisieren. Doch da strömt nichts, es tröpfelt allenfalls: Nach zwei Stunden haben gerade mal 17 Wähler den Weg hinter die Pappkartons gefunden – von 915 Wahlberechtigten im Bezirk.

          Vor allem ältere Bockenheimer sind früh ins Bürgerhaus gekommen: Es gebe bestimmte Stoßzeiten, etwa nach dem Kirchgang oder dem Kaffeetrinken, da kämen die Wähler in Wellen, sagt Strubel, und plötzlich betritt ein gebeugter alter Mann den Saal, dessen eingefallenes Gesicht an Winston Churchill erinnert. Mit der rechten Hand auf eine Gehhilfe gestützt, auf dem Kopf einen grünen Tirolerhut, lässt er sich den Wahlzettel geben, mit dem er hinter den Wahlkarton humpelt. Das lange Rascheln des Papiers verrät, wie er mit den überdimensionierten Unterlagen kämpft, als ob er eine Landkarte auseinanderfalten würde. 18 Listen stehen zur Wahl, jeder Wähler kann seine Kreuze einzeln auf die Kandidaten verteilen. Eine Wählerin mit roter Dauerwelle kichert hinter dem Sichtschutz hervor: „Lustig, dass die Wahlzettel kaum in die Wahlkabine passen.“

          Ein paar Schritte, dann ist es wieder still

          Der Kampf gegen die Langeweile ist an diesem Vormittag eine der größten Herausforderungen für die Wahlhelfer. Manchmal wirkt schon ein Gähnen wie Medizin gegen die Stille im Wahllokal 350-01. „Wenn wir gut sind, schaffen wir 90 bis 100 Wähler bis Mittag“, sagt Strubel. Sein 65 Jahre alter Kollege mit dem grauen Schnauzbart hat sich Kopfhörer in die Ohren gesteckt und hört auf seinem Smartphone Nachrichten: „Vielleicht sagen die schon was zur Wahlbeteiligung.“Strubel will Zuversicht vermitteln: „Mein Ziel sind über 50 Prozent Wahlbeteiligung bis 18 Uhr.“

          Doch nicht nur im Bockenheimer Wahllokal ist es still, auch im Plenarsaal der Paulskirche, Frankfurts Symbolort für Demokratie, herrscht Grabesstille an diesem Vormittag. Hier, wo einst Volksvertreter um eine demokratische Verfassung stritten, ist nicht einmal ein Tourist zu sehen. „Heute ist viel weniger los als sonst am Sonntag“, sagt die 31 Jahre alte Daria Keska, die für die Aufsicht am Eingang der Paulskirche eingeteilt ist: „Vielleicht sind die Leute ja alle wählen gegangen?“ Von 10 bis 17 Uhr müsse sie an diesem Tag arbeiten – und hofft noch auf mehr Publikum: „Die Leute kommen sonntags immer in Wellen hierher, häufig nach dem Mittagessen“, erklärt sie. Und wenn so wenig los ist wie an diesem Vormittag, „dann entspanne ich eben“.

          Schließlich hallen doch Schritte im hohen Paulskirchen-Rund: Eine junge Frau bleibt an der Treppe stehen und flüstert einer älteren Dame etwas zu. 25 Jahre sei sie alt und promoviere gerade an der Frankfurter Universität, sagt sie später. Gerade sei ihre Mutter aus Paderborn zu Besuch. Deshalb zeige sie ihr die Frankfurter Sehenswürdigkeiten – und natürlich auch die Paulskirche, weil diese ein Symbol für Demokratie sei. Ob sie schon wählen war? „Selbstverständlich, ich gehe aus Prinzip wählen, für mich gehört das einfach dazu.“ Dann ist es wieder still.

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